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Zum Tod von Theo Sommer – Der liberale Gentleman

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Von: Wilhelm v. Sternburg

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Theo Sommer.
Theo Sommer. © dpa

Der Journalist und „Zeit“-Herausgeber Theo Sommer ist gestorben.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere zählte er für das gehobene deutsche Bürgertum zu den einflussreichsten deutschen Zeitungsjournalisten. Theo Sommer war fast zwanzig Jahre Chefredakteur der „Zeit“, der wichtigsten Wochenzeitung in den Jahren der Bonner Republik. Es folgten acht Jahre, in denen er neben Marion Gräfin Dönhoff und Altkanzler Helmut Schmidt als Herausgeber des Blattes zeichnete. Sommer prägte nicht nur die politischen Seiten des Blattes, sondern wurde in bewegten Umbruchjahren auch zu einer der entscheidenden Stimmen, auf die eine angesichts der Jugendrevolte und einer Aufarbeitung der jüngeren deutschen Geschichte zunehmend ratlose Generation nicht nur mit empörter Abwehr reagierte.

Der Glanz des Erfolgs

Sommer war ein blendender Analytiker, sein Herz gehörte der Außenpolitik, sein Spezialgebiet blieben über viele Jahre hinweg Organisation und Entwicklung der Bundeswehr, und der Blick des Berichterstatters galt immer wieder dem Geschehen im anderen deutschen Staat. Nach seinem Ausscheiden aus dem Hamburger Blatt blieb Sommer als Autor und Herausgeber für verschiedene Medienhäuser aktiv. Er schrieb Bücher, war ein begehrter Gast in Radio- und Fernsehdiskussionen, saß im Beirat der Bertelsmann-Stiftung und im Vorstand der Welthungerhilfe. Ein erfülltes Journalistenleben war da zu besichtigen, immer wieder vom Glanz des Erfolges begleitet, manchen hausinternen Kampf durchstehend und am Ende dann von einem peinlichen, selbstverschuldeten Steuerhinterziehungsprozess gedemütigt.

Ein Gentleman vom Bodensee, der ausgezeichnet nach Hamburg passte, seinen zentralen Arbeitsort. Schlank, hochgewachsen, stets mit auffälligem britischen Understatement gekleidet, die Stimme in wohlklingender Baritonlage. Wenn ich nach gemeinsamen Fernseh- oder Podiumsdiskussionen mit ihm – gelegentlich bis zur Morgendämmerung – in einer Frankfurter, Hamburger oder Berliner Bar saß, fielen die Blicke der Damen wohlwollend auf meinen Begleiter, und wir stritten über Politik, Kultur oder Journalismus auf eine Weise, wie ich sie nicht allzu oft erlebt habe: immer mit Anstand und Respekt vor der Meinung des anderen.

Sommer war ein konservativer Liberaler, ein wissensdurstiger und lebenszugewandter Kollege. Er gehörte zu der Generation deutscher Journalisten, die in den Nazi- und Kriegsjahren aufgewachsen sind und für die die Begegnung mit dem politischen Denken angelsächsischer Provenienz zum Erweckungserlebnis wurde. Wo immer er sich in seinen Leitartikeln oder Analysen auch geirrt haben mag, Sommer blieb der überzeugte und, wenn es sein musste, kämpferische Demokrat.

Nicht von ungefähr, dass er in Tübingen bei Hans Rothfels promovierte, dem ersten Historiker, der ein Buch über den deutschen Widerstand schrieb. Sommers Dissertation beschäftigte sich mit Deutschland und Japan in den Jahren 1933 bis 1940. Sommer übersah später nicht, was in Vietnam geschah, und er ahnte schon sehr früh, welche Macht sich im fernen China zu entwickeln begann.

Sommers Nähe zu manchem Mächtigen in der Politik hat nicht nur mich gelegentlich irritiert. Sein zweijähriger Wechsel in das von Helmut Schmidt geführte Bundesverteidigungsministerium (als Leiter des Planungsstabes) löste eine für ihn nicht schmeichelhafte Debatte aus. Auch später nach der Rückkehr zu „seinem“ Blatt zeigte er auffällige, den Tatsachen nicht immer entsprechende Sympathien für die Politik des Kanzlers Schmidt. Die Leitenden der „Zeit“ erlagen in diesen Jahren immer wieder einmal der Versuchung selbst Politik zu machen. Man lese nur die Briefe der Gräfin Dönhoff an US-Außenminister Henry Kissinger.

Späte Dummheit

Am Ende dann der peinliche Paukenschlag: Sommer wird 2014 wegen erheblicher Steuerhinterziehung von einem Hamburger Gericht auf Bewährung verurteilt. Aber diese leichtfertige Dummheit (Erfolg macht uns übermütig) kann das beachtliche Lebenswerk dieses großen Journalisten nicht entwerten. Für mich – und ich glaube für viele Zeitungsleserinnen und -leser meiner Generation – bleibt der jetzt im Alter von 92 Jahren gestorbene Theo Sommer einer der Aufklärer, die einem schwierigen Land eine Ahnung davon vermittelt haben, was Vernunft und Humanität sein können.

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