feu_havilland_4_280720
+
1950: Olivia de Havilland mit zwei Oscars.

Nachruf

Olivia de Havilland: Die streitbare Prinzessin

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
    schließen

Mit 104 Jahren ist Olivia de Havilland gestorben, der letzte und oft unterschätzte Star aus Hollywoods goldenen Jahren.

Sie war die letzte Überlebende aus Hollywoods glanzvollster Zeit. Doch das Wort Glamour, das diese Epoche aus heutige Sicht so sehr definiert, schien Olivia de Havilland nie ganz gerecht zu werden. Der besondere Glanz, der von ihrer Persona ausging, hatte mehr mit einer europäischen Idee von Noblesse und Würde zu tun als mit amerikanischem Pathos oder Sex-Appeal. In ihrer mädchenhaften Anmut mischte sich das Königliche mit dem Bürgerlichen, gerade recht für die Idealbesetzung der Maid Marian. In Michael Curtiz’ klassischer Verfilmung „Robin Hood – König der Vagabunden“ war Olivia de Havilland an der Seite von Errol Flynn eine Prinzessin zum Pferdestehlen. Mit 104 Jahren ist nun die letzte prominente Zeugin aus dieser unsterblichen Epoche des Films selbst in die Unsterblichkeit eingegangen.

Die Geschichte ihrer Entdeckung durch den wohl wichtigsten deutschen Theatermacher der Vorkriegszeit passt zu ihrer Sonderstellung in Hollywood. Max Reinhardt nahm sie für seine legendäre Freilicht-Inszenierung des „Sommernachtstraums“ 1935 in Los Angeles zunächst als Zweitbesetzung der Hermia. Wie es sich für eine echte Hollywoodgeschichte gehört, erkrankte die Erstbesetzung vor der Premiere; die 18-Jährige ergriff die Chance beim Schopf. Lange dagegen ließ sie sich überreden, auch in der Filmfassung der Inszenierung mitzuwirken und ihren eigentlichen Berufswunsch aufzugeben; wobei eine Olivia de Havilland auch als Englischlehrerin eine Idealbesetzung gewesen wäre.

Olivia de Havilland wurde über Nacht zum Star

Die ersten Rollen, die sie im Warner-Brothers-Studio spielte, besitzen eine in ihrer späteren Karriere seltene Sinnlichkeit: Die Liebesszene mit Lysander im zweiten Akt des „Sommernachtstraums“ zeigt sie auf eine sanft-elegische Art verführerisch. Ohne mit der Wimper zu zucken, ersteigert sie in ihrem nächsten Film, „Unter Piratenflagge“, den rebellischen Kettensträfling Errol Flynn auf einem Sklavenmarkt. Gerade erst war in Hollywood der sittenstrenge Moralkodex, der „Hays Code“ eingeführt worden, doch das Spiel mit den Geschlechterrollen erreicht hier eine mehr als unterschwellige Erotik.

Das Schauspielerpaar wurde über Nacht zu Stars, und sieht man heute ihre gemeinsamen Filme, dann lässt sich schwer sagen, wer mehr vom anderen profitierte. Ihre subtilen Flirts gaben den Genrefilmen einen unverhofften Subtext und romantischen Mehrwert; und immer wieder gelang es de Havilland dabei, den überbordenden Machismo ihres Partners in seine Schranken zu weisen.

Achtmal spielten beide zusammen, meist unter der Regie des Ungarn Michael Curtiz. Auch im wirklichen Leben, gestand Olivia de Havilland in späteren Jahren ein, seien sie ineinander verliebt gewesen – doch zu einer Affäre mit dem berüchtigten Frauenhelden kam es nicht. „Natürlich gibt es so etwas wie Leinwandchemie, nur ist sie recht selten“, erklärte Olivia de Havilland. Zwischen Errol und mir gab es sie ... Das sollte Leute nicht überraschen, denn letztlich ist das Leben ja Chemie.“

Joan Fontaine - Rivalin und jüngere Schwester von Olivia de Havilland

In den prächtigen Kostümfilmen mit dem Paar baute Warner Brothers auf ein Erfolgsrezept der Stummfilmzeit; Errol Flynn agierte als neuer Douglas Fairbanks, was de Havilland leicht auf das Rollenspektrum der ewigen Unschuld Mary Pickford hätte reduzieren können. Die entscheidende Herausforderung kam vom unabhängigen Produzenten David O. Selznick: Für seine monumentale Bestseller-Verfilmung „Vom Winde verweht“ erschien ihm de Havilland als ideale Verkörperung der Melanie, und er sollte Recht behalten: Als verantwortungsvoller Gegenpol zu Vivien Leighs leidenschaftlicher Scarlett erhebt sie die Nebenfigur zur einer zweiten Hauptrolle, deren Bodenständigkeit in den entscheidenden Momenten den wahren Mut verrät.

Ihre Rivalin im wirklichen Leben fand sie ausgerechnet in ihrer jüngeren Schwester Joan Fontaine. Das schwierige Verhältnis beider war spätestens bei der Oscarverleihung 1942 nicht mehr zu übersehen. Beide waren als beste Hauptdarstellerinnen nominiert; de Havilland für ihre melodramatische Rolle in „Das goldene Tor“, Fontaine für Hitchcocks „Verdacht“. Überraschend gewann Fontaine und lehnte auf der Bühne die Glückwünsche ihrer Schwester ab.

De Havillands immenser Popularität tat dies keinen Abbruch, ebenso wenig wie ein zweijähriger Karrierestopp während eines Gerichtsverfahrens. Olivia de Havilland wagte, woran zuvor bereits Bette Davis gescheitert war: Sie verklagte ihr Studio Warner Brothers, das ihren Vertrag um ein halbes Jahr verlängert hatte, nachdem sie zuvor für die gleiche Zeit ohne Bezahlung suspendiert worden war. Dies war das übliche Vorgehen, wenn Schauspieler Rollenangebote ablehnten. De Havilland gewann in zwei Instanzen und erreichte eine grundsätzliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen für ihre Zunft.

Oft wird behauptet, sie habe den Erfolg mit einem Karriereknick erkauft; doch in der Öffentlichkeit blieb sie in diesen Kriegsjahren durch Truppenbetreuung präsent. Und ihre späteren Rollen, die ihr noch zwei Oscars eintrugen (1947 für Mitchell Leisens Melodram „Mutterherz“ und 1950 in William Wylers anspruchsvollem Drama „Die Erbin“) boten ungekannte Herausforderungen.

Verborgene Schatten hinter der strahlenden Guten

Ihre ungeschminkte Darstellung einer Psychiatriepatientin in Anatole Litvaks „Die Schlangengrube“ (1950) ist ein Markstein des modernen Films. Die Anklage gegen die entsetzlichen Zustände in der Psychiatrie beflügelte eine wichtige gesellschaftliche Debatte. Aber auch die Institution des amerikanischen Studiosystems geriet allmählich ins Taumeln. „Die Schlangengrube“ gehört zu den ersten Studiofilmen, die maßgeblich vom Realismus des europäischen Nachkriegsfilms beeinflusst waren. Zur selben Zeit, als ihre Kollegin Ingrid Bergman Hollywood für den italienischen Neorealismus Roberto Rossellinis den Rücken kehrte, erneuerte sie die Traumfabrik von innen.

Wenn Olivia de Havilland in ihrer Karriere negative Rollenbilder mied, dann nicht, weil sie die Herausforderung scheute: „Tatsächlich glaube ich, böse Mädchen zu spielen, ist langweilig. Ich hatte immer mehr Glück mit den positiven Figuren, denn sie verlangen mehr von einer Schauspielerin.“ In der Tat ist wohl nichts schwieriger im Kino, als hinter dem strahlenden Guten die verborgenen Schatten freizusetzen.

Bis in die späten achtziger Jahre sah man Olivia de Havilland in Fernsehrollen, in denen sie meist ihre noble Ausstrahlung einbrachte – etwa als Queen Mother in „Die Romanze von Charles und Diana“. Nun ist sie in ihrer Wahlheimat Paris gestorben.

Kommentare