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Zum Tod von Gina Lollobrigida: Diva wider Willen

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Von: Daniel Kothenschulte

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Gina Lollobrigida gibt Autogramme, Cannes 1954.
Gina Lollobrigida gibt Autogramme, Cannes 1954. © afp

Die italienische Filmlegende Gina Lollobrigida ist im Alter von 95 Jahren gestorben.

Das italienische Nachkriegskino beschenkte die Welt nicht nur mit dem Neorealismus. Was es dem breiten Publikum zugleich zurückgab, war ein Divenkult, wie ihn Hollywood schon mit dem Karriereende von Greta Garbo ein Jahrzehnt zuvor begraben hatte. Während dort die PR-Maschinen etwa mit Marilyn Monroe die Frau von nebenan glorifizierten, erzählte man in Italien das Märchen von Cenerentola, dem Aschenputtel. Entdeckt im Volk thronten Stars auf erhabenen Sockeln.

Gina Lollobrigida war – neben ihrer Kollegin und Konkurrentin Sophia Loren – die Inkarnation dieses italienischen Typs der Leinwandgöttin. Wie sonst nur in der Welt der Oper ersetzte ein selbstverständliches „die“ ihren Vornamen, und wem vier Silben zu lang für den Rest waren, sagte schlicht: „la Lollo“. Oder, wie es in ihrer Heimat, durchaus patriotisch, üblich war: Gina Nazionale.

Auch wenn letztlich nur Schauspieltalent und Ausstrahlung über dauerhafte Leinwandkarrieren entschieden, begannen diese doch meist bei Schönheitskonkurrenzen. Bereits als Dreijährige war die kleine Gina zum „schönsten Kleinkind Italiens“ gewählt worden, es folgten 1947 ein zweiter Platz im Wettbewerb zur „Miss Roma“ und ein dritter bei der Wahl zur „Miss Italia“.

Da spielte die Kunststudentin am renommierten Liceo Artistico bereits Kleinstrollen in Filmen, nachdem sie der Produzent Mario Costa auf der Straße entdeckt hatte. Der Film, der sie international bekannt machte, war 1952 aber eine französische Produktion. An der Seite von Gérard Philippe spielte sie in Christian Jacques’ Abenteuerfilm „Fanfan, der Husar“ die forsche Tochter eines Armeewerbers.

Noch heute ist diese rasante Geschichte von beidseitig versuchter Eroberung und strategischem Rückzug eine überraschend moderne Romanze – auch dank Gina Lollobrigidas Ausstrahlung von Unabhängigkeit.

Denn genau das war es letztlich, was sie, ebenso wie ihre sieben Jahre jüngere Rivalin Loren, wirklich auszeichnete: Beide Stars entwischten der Aschenputtel-Schublade bereits im Augenblick ihrer ersten Erfolge.

Bereits im Folgejahr inszenierte kein Geringerer als John Huston Lollobrigida als untreue Ehefrau Humphrey Bogarts im satirischen Abenteuerfilm „Schach mit dem Teufel“. In der Genrekritik seiner Zeit voraus floppte das Werk an den Kinokassen, ohne jedoch den Aufstieg der Lollo zu behindern. Unter der Regie von Luigi Comencini spielte sie gleich darauf in den leichthändigen Komödien „Brot, Liebe und Phantasie“ (1963) und „Liebe, Brot und Eifersucht“. Ihr Filmpartner, Vittorio de Sica, war einer der Meister des Neorealismus, aber Comencini brachte in den Film eine eigene Poesie. In der volkstümlichen Rolle der Bersagliera ist sie die allseits umworbene Dorfschönheit, die von ihren verschmähten Verehrern zu Unrecht moralisch in Misskredit gebracht wird.

Comencini, der auf der Berlinale für den ersten Teil einen Silbernen Bären erhielt, sollte später eine noch märchenhaftere Rolle für Lollobrigida bereithalten. In der Miniserie „Pinocchio“, der bis heute texttreuesten Collodi-Verfilmung, spielt sie 1972 mit blauer Perücke und hinreißend ätherischer Aura Fata, die Fee. Es war eine von nur drei Rollen, die sie in den Siebzigerjahren übernahm.

So rasant ihr Aufstieg in den Fünfziger- und Sechzigerjahren verlaufen war – mit Hollywooderfolgen wie „Trapez“, „Der Glöckner von Notre-Dame“ und „Salomon und die Königin von Saba“ oder (an der Seite von Rock Hudson) „Happy End im September“ und „Fremde Bettgesellen“ –, blieb sie künstlerisch unbefriedigt. Anders als Sophia Loren, die als Ehefrau des Produzenten Carlo Ponti an der Quelle attraktiver Rollen saß, fehlten Lollobrigida solche Herausforderungen.

Tatsächlich hatte die Geschichte der Aufsteigerin aus einer kulturfernen Unterschicht nie zu ihrem Leben gepasst. Ihr Vater war als Möbelfabrikant erst verarmt, als seine Fabrik im Krieg zerstört wurde. Gina Lollobrigida sah zudem ihre eigentliche Begabung in der bildenden Kunst, die sie dank eines Stipendiums hatte studieren können. In den Siebzigern begann sie eine zweite Karriere als Porträt- und Reportagefotografin und veröffentlichte vier Bildbände. Aus einer Porträtsitzung mit Fidel Castro entwickelte sie einen eigenen Dokumentarfilm über den kubanischen Revolutionär, „Ritratto di Fidel“ (1972).

Wer sie deshalb für eine bedingungslose Förderin politischen Kinos hielt, erlebte bei der Berlinale 1986 eine Überraschung. Als Jurypräsidentin distanzierte sie sich von der knappen Mehrheitsentscheidung für Reinhard Hauffs theatralisches RAF-Drama „Stammheim“. Anstatt ihre Kritik künstlerisch zu begründen, nannte sie die Entscheidung „vorfabriziert“ und „absurd“. Vom Festivalleiter Moritz de Hadeln als „antidemokratisch“ gescholten, wurde die Schauspielerin besonders in der deutschen Presse für ihren Auftritt heftig kritisiert. Dabei wäre der Zweitplatzierte, Nanni Morettis psychologisches Kammerspiel „Die Messe ist aus“, vielleicht wirklich ein würdigerer Gewinner gewesen.

Was blieb, war der Eindruck der Leinwanddiva – nun mit allen negativen Konnotationen der selbstgefälligen Schönheit, die Gina Lollobrigida nie gewesen war. Was ihr blieb, war eine dritte Karriere – in der Profession, die sie zuerst erlernt hatte, der Bildhauerei. Auch die ekstatischen Figurinen, die sie oft in gewaltiger Größe in Bronze gießen ließ, schienen nicht ganz in die Zeit zu passen, waren jedoch zweifellos Talentbeweise. Immer wieder zelebrierte sie dabei ein Sujet, für das sie wohl die größte Spezialistin war: die Diva.

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