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Bertrand Tavernier ist im Alter von 79 Jahren gestorben. Hier ein Foto von 2014.
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Bertrand Tavernier ist im Alter von 79 Jahren gestorben. Hier ein Foto von 2014.

Nachruf

Zum Tod von Bertrand Tavernier: Der Kinoliebhaber im Regiestuhl

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Zum Tode des französischen Filmemachers und -vermittlers Bertrand Tavernier

Für das französische Kino war Bertrand Tavernier, was Martin Scorsese für das amerikanische Kino ist: der große Cinephile unter den Cineasten. Man fragte sich bei beiden, was eigentlich ihr Lieblingsplatz war, der Regiestuhl oder doch der Kinosessel. Taverniers Vielseitigkeit als Filmemacher entsprach seinem enzyklopädischen Wissen über die Filmgeschichte, und wie jeder wahre Filmfan fand Tavernier in allen Genres und Epochen etwas zu bewundern.

Entsprechend breit gefächert war sein filmisches Werk, das manchen wie ein Gegenentwurf zur Autorentheorie erschien, die er als junger Filmkritiker mit etabliert hatte. Doch wer genau hinsah, bemerkte in seinem adaptionsfähigen Stil viele Konstanten. Da war die Sorgfalt in den historischen Settings: „Ein Sonntag auf dem Lande“ ist eine der schönsten filmischen Hommagen an den Impressionismus, deutlich beeinflusst von Jean Renoir. Noch übertroffen wurde diese kunstaffine Zeitreise von ihrem Nachfolger: „Round Midnight“ (1986), Taverniers unvergesslicher Jazzfilm, mit dem sich der Saxophonist Dexter Gordon auch als Darsteller ein Denkmal setzte, ist in seinem Genre unerreicht. So wie sich Taverniers CinemaScope-Kamera einem jungen Jazzfan, François Cluzet, an die Füße heftet, wünscht man sich die perfekte Zeitmaschine: Nicht als Realitäts-Ersatz, sondern in der warmen Eleganz des klassischen Hollywood, über das Tavernier ein filmhistorisches Standardwerk schrieb, das er mehrfach erweiterte: Basierend auf Interviews mit seinen großen Idolen wie John Ford und den vielen Vergessenen, die wegen ihrer politischen Überzeugungen auf der „black list“ gestanden hatten.

Auch in vielen von Taverniers eigenen Arbeiten gibt es sehr deutliche politische Subtexte: In „Der Saustall“ ergänzte er eine Vorlage von Jim Thompson, die er nach Afrika verlegt hatte, um eine Abrechnung mit dem Erbe des Kolonialismus. Eine starke sozialkritische Komponente haben auch seine Dramen „Auf offener Straße“ und „Der Lockvogel“, letzteres mit dem 1995 mit dem Goldenen Berlinale-Bären ausgezeichnet.

Tavernier gelingt in diesen Filmen ein intensiver Realismus und eine Anteilnahme am Schicksal jugendlicher Delinquenten. Hier fand er Vorbilder in zweien seiner Lieblingsregisseure aus den dreißiger Jahren, Jean Vigo und William Wellman.

Seine Liebe zum Film hatte Tavernier als Gymnasiast in Paris entdeckt – gemeinsam mit einem deutschen Austauschschüler namens Volker Schlöndorff. Beide kamen als Mitarbeiter von Jean-Pierre Melville zum Filmemachen, der seine Werke im eigenen Studio produzierte. Einen wichtigen Unterstützer fand Tavernier auch in Philippe Noiret, dem Hauptdarsteller seines ersten Langfilms „Der Uhrmacher von St. Paul“ (1974). Anderthalb Jahrzehnte nach Godard und Truffauts Anfängen schien Tavernier seine eigene, zweite Nouvelle Vague zu begründen. Weniger dogmatisch und auch offen für das von dieser verschmähte Studiokino der 50er Jahre. 1994 übernahm er vom alternden Genremeister Riccardo Freda dessen Filmprojekt „D’Artagnans Tochter“ und schuf daraus eine seinerzeit weithin verkannte Hommage an den Mantel-und-Degen-Film. Auch Taverniers Ausflug in den Science-Fiction-Film führte zu einer sehr speziellen Genre-Aneignung: „Der gekaufte Tod“ zeigt Romy Schneider als Sterbende, die einer Fernsehgesellschaft die Filmrechte an ihrer letzten Lebensphase verkauft. 1980 gelang Tavernier damit ein visionärer Ausblick auf die Zukunft des Reality-Fernsehens.

Am Donnerstag vermeldete das französische Institut Lumière zur Bewahrung des Filmerbes, dessen Präsident er gewesen war, Taverniers Tod. Er wurde 79 Jahre alt. Längere Zeit hatte er zuvor mit einer Bauchspeicheldrüseninfektion zu kämpfen gehabt.

Der ideale Ort, um Bertrand Tavernier kennenzulernen, war das Kino. Das galt natürlich auch für den Menschen. Ich hatte das Glück beim Filmfestival in Bologna. Es war ein Stummfilm mit Douglas Fairbanks, der Tavernier so gut gefiel, dass er sich bei jedem Gag zu seinem ihm unbekannten Nebenmann umdrehte. Er wolle sich vergewissern, dass ich auch lache. Jahre später fragte ich ihn bei einem Interview, ob er stets ein so aktiver Kinozuschauer geblieben sei. Mit seiner Antwort bleibt er mir besonders in Erinnerung: „Ich gehe immer noch total mit, wenn ich Filme sehe. Ich teile meine Passion gerne mit. Schließlich liebe ich es ja auch, Filme zu machen.“

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