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Zum Tod des Filmemachers Jean-Marie Straub: Ein Leben als Rebell

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Von: Daniel Kothenschulte

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Bekannt für visionäre Spielfilme: Jean-Marie Straub starb im Alter von 89 Jahren in Rolle, seiner Wahlheimat in der Schweiz.
Bekannt für visionäre Spielfilme: Jean-Marie Straub starb im Alter von 89 Jahren in Rolle, seiner Wahlheimat in der Schweiz. © dpa

Zum Tod des Filmemachers Jean-Marie Straub – ein Nachruf.

Auch in einer Zeit, als Gespräche über Filmkunst noch weit mehr als heute das kulturelle Leben bestimmten, meldeten sich bei seinem Namen oft eher die Eingeweihten zu Wort. Schon ob man diesen französisch oder deutsch aussprechen sollte, herrschten häufig Zweifel. Jean-Marie Straub, 1933 in Metz geboren, klärte sie gerne auf, etwa 2003 bei einer Werkschau, die ihm die Wiener Viennale widmete. „Es gibt ein Wort in der deutschen Sprache, das findet man noch in alten Wörterbüchern: ‚Straub‘ – das war der Rebell. Und es gibt noch ein Verbum, das heißt: ‚sich sträuben‘. Das ist alles.“

Rebellen, das blieben diese unkorrumpierbaren Filmkünstler, Straub und seine kongeniale Partnerin, Danièle Huillet, ihre Leben lang; allein mit den Mitteln einer radikalen Bild- und Tonästhetik. Vergleichbar nur einem weiteren Grenzgänger zwischen europäischen Kulturräumen, Jean-Luc Godard, erneuerten Straub-Huillet dabei die Sprache des Kinos. Ähnlich wie Samuel Beckett im Theater oder John Cage in der Musik dekonstruierten sie angestammte Ästhetiken und betonten dabei nur umso mehr ihre Traditionen. Die Sinnlichkeit des Kinos kam dabei, auf andere Wege umgeleitet, umso dankbarer zurück.

Wenn in „Der Tod des Empedokles“ zum Teil fremdsprachige Laiendarsteller das Hölderlin-Fragment antikisch kostümiert in lichtdurchfluteten Landschaften deklamieren, bewahren sie einerseits das Geheimnisvolle. Anderseits befreien sie den Geist des frühen Kinos aus der Flasche, den der elementaren Attraktionen. Wer diesen Film, der seit 1987 in mehreren Fassungen existiert, seinerzeit erlebt hat – es gab sogar eine Fernsehausstrahlung in der ARD – musste das Kino danach mit anderen Augen sehen.

Straub, der französischsprachig aufgewachsen war, hatte die deutsche Sprache während der Besatzung gezwungenermaßen erlernt. 1958 emigrierte er dann mit seiner Frau Danièle Huillet nach Deutschland, um einer möglichen Einberufung in den Algerienkrieg zu entgehen. 1954 hatten sich beide in Paris kennengelernt, wo Straub, der bereits in Metz einen Filmclub geleitet hatte, nun bedeutenden Regisseuren assistierte: Jean Renoir, Robert Bresson, Abel Gance und schließlich dem Nouvelle-Vague-Individualisten Jacques Rivette.

In Deutschland machten sich Straub-Huillet mit zwei Heinrich-Böll-Adaptionen einen Namen – und polarisierten zugleich Publikum und Kritik. Dem Kurzfilm „Machorka-Muff“ nach der Kurzgeschichte „Hauptstädtisches Journal“ folgte 1965 „Nicht versöhnt – oder Es hilft nur Gewalt wo Gewalt herrscht“. Dieser Film radikalisierte nicht nur eine Aussage des Generationenporträts „Billard um halbzehn“ in seinem Titel. Es ist auch der Auftakt jenes radikalen Aufbruchs im Kino der Bundesrepublik Deutschland, der als Junger Deutscher Film Weltgeltung erlangte. Für den Filmkritiker Richard Brody vom „New Yorker“ ist es ein Werk von außergewöhnlicher Schönheit.

Solche Qualitäten blieben seinerzeit von der breiten Filmöffentlichkeit unbeachtet. Auf der Berlinale lief der Film lediglich auf einer Sondervorführung. Dem Folgeprojekt „Die Chronik der Anna Magdalena Bach“ wurde die Filmförderung versagt, es entstand als Koproduktion mit dem Hessischen Rundfunk. 1990 erreicht der Essayfilm „Paul Cézanne im Gespräch mit Joachim Gasquet“ wenigstens eine bescheidene Kinoöffentlichkeit. Im Werk des Dokumentarfilmers Peter Nestler hatten Straub und Huillet lange den Einsatz von Gemälden bewundert, nun nutzen sie den Kinoraum für eine theoretische und sinnliche Begegnung mit der Kunstgeschichte.

„Nie mehr einen Film in Museen, hatten wir uns geschworen“, schrieb später Danièle Huillet. „Dennoch überfiel uns das unwiderstehliche Verlangen, eine Fortsetzung des Wegs, den wir mit unserem CÉZANNE von 1989 eingeschlagen hatten, zu versuchen …“ So entstand 1994 „Ein Besuch im Louvre“ als letzter abendfüllender Film des Paares. 89-jährig ist Jean-Marie Straub am 20. November gestorben. (Daniel Kothenschulte)

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