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Zum Tod der Schauspielerin Anne Heche: Die kompliziertere Seite der Schönheit

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Von: Daniel Kothenschulte

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Anne Heche posiert beim Pferderennen in San Diego, 2021.
Anne Heche posiert beim Pferderennen in San Diego, 2021. © dpa

Zum Tod des außergewöhnlichen Hollywoodstars Anne Heche.

In vielen Filmen, in denen Anne Heche spielte, wirkte die Schauspielerin interessanter als die Rollen, die sie verkörperte. Das ist in Hollywood nicht unbedingt ein Segen, aber es stellte sie in eine Reihe mit so faszinierenden Stars wie Louise Brooks, Frances Farmer oder Jean Seberg. Man konnte sich oft kaum losreißen von ihrem schwer zu kanalisierenden Überschuss an Persönlichkeit, einer manchmal geradezu gewalttätig explodierenden Energie und strahlender Attraktivität. Manchmal war sie überhaupt das Interessanteste an einem ganzen Film.

Obskuren Filmen hilft sie auf

„Sechs Tage und sieben Nächte“ (1998), einer ihrer größten Erfolge, wäre ohne sie nur ein obskurer Abenteuerfilm geblieben, von Spielpartner Harrison Ford für ein Vielfaches ihrer Gage im Schongang heruntergespielt. Aber wie das knisternde Feuer, dass sie neben dessen geradlinigem Spiel entfachte, verlieh dem Film eine romantische Spannung, die aufregender war als der eigentliche Plot. „Verändern wir gerade unsere Idee davon, was Schönheit ist?“ gab sie selbst zu bedenken. „Hoffentlich. Ich bin nicht die typische Hollywood-Schönheit. Hoffen wir, dass wir etwas mehr ins Innere der Menschen schauen.“

In den 90er Jahren, als Stars wie Julia Roberts und Sandra Bullock das weibliche Schönheitsideal im Hollywoodkino bestimmten, wirkte schon ihre Kurzhaarfrisur exotisch. Und die Intelligenz, die sie ausstrahlte, eignete sich nicht für anpassungswillige Charaktere oder unscheinbare Nebenrollen im Hintergrund. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre spielte sie an der Seite etablierter Hollywoodstars wie Johnny Depp und Al Pacino („Donnie Brasco“), Tommy Lee Jones („Volcano“), Dustin Hoffman und Robert De Niro („Wag the Dog“) und stieg dabei selbst in die Top-Liga auf.

Das Bekanntwerden ihrer Liebesbeziehung mit Ellen DeGeneres im Jahre 2000 beschrieb sie als entscheidenden Karriereknick – selbst wenn sie alle anderen ihrer bekannten Beziehungen zu Männern hatte. Tatsächlich verlor sie bereits zugesagte Hauptrollen und spielte zehn Jahre fast ausschließlich in Independentfilmen. Eine ihrer besten Rollen ist gerade auf Netflix zu entdecken. Als erfolglose Künstlerin schlägt sie sich als Onur Tukels satirischer Komödie „Catfight“ (2016) als Kellnerin durch. Als sie dort eine Schulfreundin (Sandra Oh) bedienen muss, kommt es zu einer handfesten Auseinandersetzung, die auch einen Krieg zweier Lebenskonzepte bedeutet.

Die eigenen Tragödien

In dieser seltenen Auseinandersetzung mit dem auch im Kunstbetrieb herrschenden Klassismus zieht Heche als Charakterdarstellerin alle Register: Geradezu aggressiv vor Frustration ist ihre Figur doch gerade darin liebenswert menschlich. Wenn die Schauspielerin in Rollen gebrochener Charaktere besonders überzeugte, schöpfte sie dabei auch aus den tragischen Erfahrungen ihres eigenen Lebens.

Heche, die als Kind von ihrem Vater missbraucht wurde, sprach offen über ihre psychischen Probleme und beschrieb ihre Arbeit als Filmschauspielerin als Erlösung: „Ich habe in der Hölle gelebt, aber heute rockt mein Leben“. Mit ihrem autobiographischen Buch „Call Me Crazy“ hoffte sie, etwas von der Hilfe und Selbsthilfe, die sie gefunden hatte, weiterzugeben. Es war diese schonungslose emotionale Offenheit, die sie auch auf der Leinwand so stark zum Ausdruck brachte.

Vielleicht haben Kino und Streaming-Fernsehen Anne Heche, die jetzt mit 53 Jahren an den Folgen eines schweren Verkehrsunfalls gestorben ist, genau in jenem Augenblick verloren, da man mit ihren Talenten etwas anzufangen wüsste. Komplexe Charaktere und Geschlechteridentitäten scheinen in Hollywood derzeit etwas weniger gefürchtet zu sein.

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