feu_zuerich-tato1_161020_1
+
Alle sagen im Zürcher Tatort Du zueinander, also auch Isabelle (l.) und Tessa. Foto: ARD/Degeto/SRF/Slava Hlavacek

TV-Kritik

Tatort „Züri brännt“ im Ersten: Taffe Ermittlerinnen verstehen keinen Spaß

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
    schließen

Der Schweiz-Tatort „Züri brännt“ versucht einen Neustart mit taffen Ermittlerinnen. Die TV-Kritik.

  • Der Schweiz-Tatort in der ARD startet neu.
  • In „Züri brännt“ taucht ein neues Ermittlerinnen-Duo auf – die Verhöre sind knallhart.
  • Teilweise wirken die Figuren etwas bemüht.

Klischees von eidgenössischer Ordnung und alpenländischer Gemütlichkeit plattmachen: das vor allem scheint das Anliegen des Neustarts beim Schweizer Tatort zu sein. Darum wohl gleich die Titel-Ansage „Züri brännt“, darum alte Bilder von heftigen Zusammenstößen mit der Polizei (die sogenannten „Opernhauskrawalle“ der 80er Jahre), dazu mehr als einen Toten, dazu zwei Ermittlerinnen, die besonders gut scharf gucken können und ihre Erkenntnisse nur so raushauen, kaum dass sie zwei Sekunden vor der verbrannten Leiche stehen. „Buddhistisches Tattoo“! Aber „Deutschschweizer“! Aha.

Tatort „Züri brännt“ (ARD): Ein neues blond-dunkles Duo

Das neue blond-dunkle Tatort-Duo: Isabelle Grandjean, gespielt von Anna Pieri Zuercher stets mit Waffe im Holster, karierter Cowgirl-Bluse, französischem Akzent, sowie Tessa Ott, gespielt von Carol Schuler als eine, die sich von der coolen Kollegin bestimmt nicht die Butter vom Brot nehmen lässt. Grandjean hat schon in Ex-Jugoslawien bei der Exhumierung von Massengräbern gearbeitet, kann darum angesichts eines winzigen Skeletts sagen: „Vierter Monat!“

Ott wurde in Wiesbaden zur Profilerin ausgebildet (und da ermittelt schließlich der unnachahmliche Murot). Die eine, Grandjean, hat es aus kleinsten Verhältnissen schon ziemlich weit nach oben geschafft – und kann sich durchaus vorstellen, dass da noch mehr geht; zum Beispiel ihren Chef zu beerben. Die andere hat eine Mutter in der Politik, hasst generell Blumensträuße und sagt kühl: „Ich hab immer bekommen, was ich wollte“.

Starker weiblicher Aufschlag beim Tatort „Züri brännt“ in der ARD

Oho. Da es auch noch eine (möglicherweise lesbische) Staatsanwältin gibt, Rachel Braunschweig als im Notfall kein Federlesens machende Anita Wegenast, darf man das einen starken weiblichen Aufschlag nennen. Allerdings hat ja die Schweiz, siehe Frauenwahlrecht, schon auch Nachholbedarf.

Im ersten Fall des Teams werden dafür einige Männer, die in den 80ern auf der Polizei- bzw. der Demonstranten-Seite standen, von ihrer Vergangenheit eingeholt. Auch die schweizerischen 68er sind zwar mehrheitlich längst in der Bürgerlichkeit angekommen, etwa als Chefredakteur. Aber manchen treibt noch um, was damals passierte, als Pflastersteine flogen und eine junge Frau spurlos verschwand. In Lorenz Langeneggers und Stefan Brunners Buch, in Viviane Andereggens Regie bekommt Grandjeans Chef zum Fest ein Päckchen. „Bombe oder Pizza“, witzelt er noch, da rollt schon ein Schädel raus ...

Zur Sendung

„Tatort: Züri brännt“, ARD, Sonntag (18.10.2020), 20.15 Uhr.

Tatort „Züri brännt“ (ARD) wirkt ein bisschen zu sehr um Schick, Coolness und Relevanz bemüht

Im Gegensatz zu vielen der alten Luzern-Tatorte in der ARD kann man dem Zürcher Start Unentschlossenheit nun wirklich nicht vorwerfen. Die beiden Ermittlerinnen recherchieren zügig und erwarten dies auch von ihren Zuarbeitern. Sie verhören, bis Schweiß und Tränen fließen. Sie sagen auch zum Chef und schauen einmal mehr grimmig: „Ich brauche dein Alibi“. – Apropos „dein“: Sieh an, hier duzen sich alle. Bis sich Isabelle und Tessa streiten, Tessa Isabelle ein „zynisches Arschloch“ nennt – dann hat man den Schlamassel und heißt es kurz wieder „Sie“.

Ein wenig bemüht wirken die beiden Figuren noch, und das liegt nicht an den Schauspielerinnen. Denn überhaupt wirkt „Züri brännt“ ein bisschen zu sehr um Schick, Coolness und gleichzeitig Relevanz bemüht. Dieser Tatort in der ARD nimmt sich zwischendurch keine Zeit, er ist nie entspannt. Seine Ermittlerinnen sprechen in kurzen Sätzen und gleichsam tut er das auch. (Von Sylvia Staude)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare