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Die brauchte man nicht mehr, als in Frankfurt ein Kino geschlossen wurde.

Kino

Zukunft des Kinos: Filme suchen ein Zuhause

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Im Mannheim und Heidelberg diskutieren kommunale Kinomacher ihre Zukunft.

Martin Scorseses Bitte klang fast flehentlich: „Sehen Sie sich meine Filme nicht auf dem Handy an!“, wandte er sich vor zwei Wochen an die Zuschauer der Filmsendung des amerikanischen Kritikers Peter Travers. „Bitte nehmen Sie dazu wenigstens ein großes iPad.“ Wie ist es um die Zukunft des Kinos bestellt, wenn nicht einmal der berühmteste lebende Regisseur der USA einen Filmtheaterbesuch zum Erlebnis seiner Werke für notwendig hält?

Kein einzelner Film befeuert derzeit die Debatte über die Zukunft des Kinos mehr als Scorseses Netflix-Produktion „The Irishman“. Eigentlich ist ein neuer Scorsese doch ein verlockender Anlass für einen Kinobesuch. Doch an der Kinoauswertung ist der Streamingdienst kaum interessiert. Schließlich möchte man mit prestigeträchtigen Großproduktionen eingefleischte Filmfreunde als Abonnementen werben. Wer dennoch ins Kino geht für das dreieinhalbstündige Epos, muss sich wie ein Streikbrecher fühlen. Schließlich boykottieren sowohl das Filmfestival von Cannes als auch ein großer Teil der deutschen Kinobetreiber Netflix-Produktionen, da sie höchstens ein paar Wochen exklusiv auf Leinwänden laufen. Andererseits: Was ist dieses Kinoerlebnis überhaupt noch wert im digitalen Zeitalter? Ist es nicht längst jedem Filmfan möglich, für wenige hundert Euro einen Videoprojektor zu erwerben, der Filme in gleicher Qualität auf die heimischen Wände wirft?

Wenn sich ab heute in Heidelberg und Mannheim Vertreter der deutschen kommunalen Kinos zu ihrer Jahrestagung treffen, diskutieren sie nicht zum ersten Mal über die Zukunft des Kinos. Doch der Blick herüber zur gewerblichen Konkurrenz war lange nicht so alarmierend.

Im Jahr 2018 fiel die Zahl der verkauften Eintrittskarten in Deutschland um 13,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 105,4 Millionen, den schlechtesten Wert seit 1992. So scheint die Aussicht, gar nicht einmal ganz unrealistisch, dass es Filmtheater bald nur noch in öffentlicher Hand geben könnte.

Kommunale Kinos fördern die Idee einer Kultur für alle

1966 wurde in Essen das erste kommunale Kino Deutschlands gegründet; das Cinema Quadrat in Mannheim, jetzt einer der Tagungsorte, ist das dritte der Geschichte und nur ein paar Wochen älter als die Nummer vier in Frankfurt am Main: Als es Ende 1971 seine Tore öffnete, blickte Deutschland auf ein dramatisches Kinosterben zurück. 1960 waren noch über 600 Millionen Kinobesuche verzeichnet worden, 1971 waren es noch 161,4 Millionen. Der deutsche Film steckte damals auch in einer schweren Krise. Die kulturelle Filmförderung suchte und fand Abhilfe in künstlerischer Filmförderung auf Produktionsseite und einem neuen Kinotypus, der sich an öffentlichen Theatern oder Museen orientierte.

Kommunale Kinos gibt es noch heute, auch wenn sich etwa eine Millionenstadt wie Köln keines leistet. Doch der gesellschaftliche Konsens dahinter, die Idee einer Kultur für alle, die gegenüber wirtschaftlichen Zwängen zu schützen wäre, ist schon lange aufgekündigt. Das zeigt schon die Entwicklung der Filmförderpolitik.

Filmförderung ist heute vor allem Wirtschaftsförderung, künstlerische Kriterien spielen bei der Vergabe kaum noch eine Rolle. Nicht Künstler, sondern Produzenten sind die Antragsteller, die Vergabeinstitutionen sind keine Vereine mehr, sondern GmbHs. Da Produzenten ihre Gewinne bereits aus den Budgets erwirtschaften, sind Publikumserfolge so unwichtig wie gute Kritiken oder Filmpreise. Da auch der Verleih gefördert wird, herrscht ein Überangebot an deutschen Filmen, internationale Filmkunst hat es dagegen im deutschen Kino schwerer als je zuvor. Umso wichtiger ist die Rolle der kommunalen Kinos. Sie müssen die Internationalität der Kinokultur in Deutschland sichern, zugleich aber auch die künstlerische Vielfalt. Auch der öffentlich geförderten Digitalisierung müssen sie sich mit ihren bescheidenen Mitteln entgegenstellen, indem sie weiterhin analoge Filmkopien abspielen. Denn auch wenn in Deutschland keine Spielfilme mehr analog gedreht werden, halten viele internationale Filmkünstler wie Lászlò Nemes, Christopher Nolan oder Quentin Tarantino dem Zelluloid die Treue. Ebenso wichtig ist die Vermittlung von Filmgeschichte, die bei Netflix schließlich fast ebenso unsichtbar ist wie bei ARD und ZDF.

Kommunale Kinos - verlieren sie gegen die Eventkultur?

Doch was die kommunalen Kinos vor allem erhalten müssen, ist der Erlebnisort selbst. Und da ist es mit einer Spielstätte nicht getan: Es geht um die Grundversorgung, die Alltäglichkeit des Filmangebots. Hier droht die eigentliche Gefahr: Eventkultur steht bei Kommunen zunehmend höher im Kurs als Grundversorgung. In Köln etwa investiert man Hunderttausende in ein Filmfestival von lediglich regionaler Bedeutung, schließt aber seine Cinemathek und privatisiert sein Filmhaus.

Eine Woche Filmfestival ist vielen Städten längst mehr wert als ein Jahr Kinokultur. Wenn jetzt beim Bundeskongress der kommunalen Kinos über künftige Kinoarchitekturen diskutiert wird, kann es sein, dass man den Elefant im Raum nicht einmal sieht: Dass im Glanz der Eventkultur die Selbstverständlichkeit eines Kinobesuchs für immer aussterben könnte. Denn Kinokultur bedeutete immer: Eine Auswahl zu haben aus einem vielfältigen Filmangebot. Um auch ganz spontan im Dunkel verschwinden zu können. Sich auch nachmittags ein paar schöne Stunden machen zu können ohne alle Umstände. Zu erleben, wie eine Tür sich schließt und man zwei Stunden lang einfach in einem Film versinkt.

Lars Henrik-Gass, der Festivalleiter in Oberhausen, beschreibt in einem neuen Essayband „Filmgeschichte als Kinogeschichte“. Klassische Filmszenen, in denen Kinos eine Rolle spielen, bezeugen darin die Selbstverortung des Mediums, die nun historisch geworden ist. „Allmählich aber kommt dem Film das Kino abhanden“, lautet das melancholische Fazit. „Das Kino schwindet fast unmerklich aus den Filmen, die aus dem Kino verschwinden.“ Kommunale Kinos könnten bald die letzten Orte sein, die noch eine Erinnerung davon geben, dass das Kino einmal ein Zuhause hatte.

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