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Stahlrösser und Landschaften in ihrer ganzen, dabei schützenswerten Schönheit. Mittendrin: James Benning.
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Stahlrösser und Landschaften in ihrer ganzen, dabei schützenswerten Schönheit. Mittendrin: James Benning.

Experimentalfilm

Zug um Zug

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Der Experimentalfilmer James Benning ist in den deutschen Kinos angekommen: Der Eisenbahn-Film "RR".

Auf Filmfestivals hatte James Benning immer ein Publikum, auch wenn ein nicht unerheblicher Teil davon die Werke des Amerikaners mit Mutproben verwechselte. Verschmitzt begrüßte der Filmemacher etwa das Premierenpublikum von "13 Lakes", der Sammlung von dreizehn, jeweils zehnminütigen Kameraeinstellungen amerikanischer Seen - in der weisen Voraussicht, es nur einen geringen Teil nach der Vorführung wieder zu sehen. Wer sich so beharrlich mit der Vergänglichkeit von Landschaften und ihren menschlichen Einschreibungen befasste, zu dem passte ein Publikum im Zustand ständiger Auflösung. Damit ist es nun vorbei.

Die diesjährigen Berlinale-Vorführungen von "RR" blieben bis zum Ende so voll wie sie begannen. Um James Benning ist gerade in Deutschland und Österreich eine Art Kult entstanden. Dies liegt zum einen an der Vermittlungsarbeit von Institutionen wie dem Berlinale-Forum, dem österreichischen Filmfest Viennale oder der WDR-/3sat-Redaktion von Reinhard Wulf, wo ein Benning-Porträt entstand und dieser Film koproduziert wurde.

Aber es muss noch andere Gründe geben: Vielleicht sieht man in Bennings in so nüchternem Ton vorgebrachten filmischen Ortsbegehungen eine Wiederkehr romantischer Kunstauffassungen. Vielleicht auch nur ein Bekenntnis zum Unplugged-Kino, zur Aura einer Medientechnologie, die man noch verstehen kann. Dem Zauber des grobkörnigen 16mm-Films, dessen leuchtende Farben wie einzelne Pigmente ineinander dringen und seinem analogen Mono-Ton: Hier kann man eine "atmo", jenes unbestimmte Rauschen, das Mikrofone überall finden, bis zur Unendlichkeit erkunden. Vielleicht hat Benning aber auch einfach nur seinen bislang populärsten Film gedreht.

43 mal fahren in "RR" immer andere Eisenbahnzüge durch das Bild. Einfache alte Güterzüge, die auf ihren Dächern oder in ihren Fahrgestellen noch blinde Passagiere beherbergt haben mögen wie den Folksänger Woody Guthrie. Sein "This Land Is My Land, This Land Is Your Land" ist sogar einmal im Ton des Films zu hören. Und noch andere akustische Fundstücke brechen die Reinheit der strukturellen Komposition auf: Etwa ein Coca-Cola-Jingle aus den frühen Siebziger Jahren, von dem Fans wissen, dass es von Karen Carpenter gesungen wurde.

Bilder wie aus Spielfilmen

Doch vor allem der O-Ton erzählt diesen Film: Die Züge kündigen sich lange vor ihrem Erscheinen an durch ein anwachsendes Rauschen und Rattern. Sie verabschieden sich auch wieder höflich durch das Verschwinden dieses Klangs. Man hat Bennings Filme und das kindliche Staunen, das sie erwecken, mit dem frühen Kino der Brüder Lumière verglichen. Die Erfinder des Kinos liebten die Züge, die sie an allen Ecken und Enden der Welt in immer andere Bahnhöfe einfahren ließen. Warum kam Edison nicht auf die Idee, mit seinem Phonographen die gleichen Aufnahmen rein akustisch zu machen? Ist nicht schon der Ton einer Zugfahrt Ereignis genug?

Heute, da insbesondere in den USA Personenzüge als eine aussterbende Art angesehen werden und schon ihre Benutzung ein Aussteiger-Bekenntnis ist, kann man Bennings Railroad-Film "RR" mit Nostalgie begegnen. Doch die Dramaturgie seiner Zugschau erzählt auch etwas anderes. In unendlichen Reihen farbiger Container-Wagen führt sie auf dem Umweg über die Vergangenheit in die Zukunft der Globalisierung. Es ist die Wirtschaftspolitik, die Landschaften zerschneidet und dabei auch Schönheiten generieren kann. Die uns bedroht und schützenswert erscheinen wie ein alter Güterzug.

Jede Bildkomposition ist anders, aber auf unterschiedliche Weise kinematisch und spektakulär. Mal schreibt sich eine Bahnstrecke dramatisch als Diagonale ins Bild, mal muss ein Auto in einer Kleinstadt an der Schranke warten, um einen Zug vorbei zu lassen. Mal fährt das Stahlross mit seinem Tross einfach von links nach rechts über eine schöne unscheinbare Stahlbrücke. Viele dieser Bilder könnten Spielfilmen unterschiedlichster Genres entstammen, Western, Thrillern, amerikanischen Alltagsdramen. Andere Aufnahmen verweisen auf Walker Evans und die Fotografen der Farm Security Administration, die in der Roosevelt-Ära das ärmliche, schutzlose Amerika mit ihren Kameras vermaßen so wie es Jahrezehnte zuvor die Eisenbahnkonzerne ausgelotet hatten. James Benning breitet das üppigste Festmahl aus, das man aus seinen essenziellen Zutaten herstellen kann. Man könnte es nirgendwo sonst reproduzieren außer in einem Filmtheater.

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