+
Er spielt immer punktgenau: Sam Rockwell beim Armdrücken mit Amy Sloan.

Berlinale-Forum

Zufallstreffer

Hans M. Rosenthals „A Single Shot“ spielt im amerikanischen Hinterland - basierend auf dem gleichnamigen Roman von Matthew F. Jones erzählt der Film von einem Unglücksfall und seinen Folgen.

Von Thomas Klein

Welche Abgründe sich im Flach- wie Bergland der USA auftun, Lichtjahre entfernt von den glitzernden Metropolen, wusste schon David Lynch. Doch immer öfter führen Autoren und junge Filmemacher in eine abgelegene Provinz, in der es nicht spukt, sondern das Böse deutlich greifbarer ist. Im Kentucky der unterschätzten TV-Serie „Justified“ oder im hügeligen Missouri in Debra Graniks „Winter’s Bone“ (Forum 2010) haben wirtschaftlicher Niedergang und Arbeitslosigkeit ganze Landstriche verelenden lassen. Man hangelt sich irgendwie durch, auch mit Kriminalität und Drogengeschäften, hier ist sich jeder selbst der nächste. Wenn konservative Politiker gebetsmühlenartig das Wertesystem der einfachen Leute und einer grundanständigen Landbevölkerung heraufbeschwören, hat das mit der Lebensrealität verarmter und vergessener Leute in den entlegenen Winkeln der USA schon lange nichts mehr zu tun.

Kein schönes Bild

Auch David M. Rosenthal zeichnet in „A Single Shot“ kein schönes Bild vom (hier anonymen) amerikanischen Hinterland. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Matthew F. Jones erzählt Rosenthals Film von einem Unglücksfall und den Folgen, doch die Tragödie hat sich wohl schon lange vor Beginn der Geschichte abgezeichnet. Im Mittelpunkt steht John Moon (Sam Rockwell). Moon lebt alleine in einem schmucklosen Wohn-Container im Wald, der Bauernhof seiner Eltern wurde längst gepfändet. Seine Frau Moira (Kelly Reilly) hat ihn mit dem kleinen Sohn verlassen und will die Scheidung: Nach der Geburt des Kindes, sagt Moon später, habe sie angefangen, „Dinge anders zu sehen,“ sie habe „mehr gewollt“ als das karge Leben, das Moon mit Gelegenheitsjobs und als Wilderer im nahen Naturschutzgebiet mühevoll zusammenkratzt.

Ein Zufallstreffer

Einsam zieht er am frühen Morgen mit seinem Gewehr in den Wald, um Rehe zu schießen, doch er trifft etwas anderes. Ein Unfall, ein Zufallstreffer: Blutig liegt da eine junge Frau, der überforderte Jäger versteckt ihre Leiche in einem umgestürzten Lastwagen im Nirgendwo. Unter ihren Habseligkeiten befindet sich auch eine Kiste mit viel Geld. Moon will damit seine Frau zurückgewinnen, er bezahlt damit einen Anwalt (William H. Macy), um die Scheidung abzuwenden. Doch der plötzliche Reichtum bringt ihm kein Glück. Denn die Tote und ihr Geld gehörten zur Provinz-Halbwelt, bald stellt man Moon nach, auch seinem besten Freund, dem ewig betrunken Simon (Jeffrey Wright) kann er nicht mehr trauen. Bald ist klar, dass John Moon hier nicht mehr lebend herauskommt.

Punktgenaues Spiel

Natürlich lässt sich die Geschichte von „A Single Shot“ in die Bestandteile anderer Filme – „Winter’s Bone“, Sam Raimis „Ein einfacher Plan“, Arbeiten der Coen-Brüder – dekonstruieren. Und nicht alle Teilaspekte sind ideal gelöst: Macys Winkeladvokat wirkt mit kaputten Arm, schlimmem Toupet und schauderhaftem Sakko wie eine Karikatur, die dörflichen Bad Guys (Joe Anderson, Jason Isaacs) bleiben eindimensional. Doch die Einwände verblassen neben Sam Rockwells Darstellung. In schwachen Momenten und schlechteren Filmen neigt er zum aufdringlichem Overacting, aber hier überzeugt er mit der Darstellung eines geschundenen, getriebenen Mannes, Opfer der Umstände und vieler falscher eigener Entscheidungen. Rosenthals Film gewinnt unglaubliche Wucht im Halbdunkel des Waldes oder in kramigen, schäbigen Zimmern; in jedem kurzen Wortwechsel steckt hier rücksichtslose Konsequenz. Erfreulich zielstrebig spielt Rosenthal seine Geschichte mit dem reduzierten, punktgenauen Spiel Rockwells, mit kalten Bildern (Kamera: Eduard Grau) und den schrägen, dissonanten Klängen von Ätli Örvarsson bis zu ihrem bitteren Ende durch.

A Single Shot 17. 2.: 19 Uhr, CineStar 8.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion