„Alle Filme handeln sowieso vom eigenen Leben“, sagt Asia Argento, hier in Cannes 2014.
+
„Alle Filme handeln sowieso vom eigenen Leben“, sagt Asia Argento, hier in Cannes 2014.

Interview Asia Argento

„Das Ziel ist der Traum“

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
    schließen

Die Regisseurin und Schauspielerin Asia Argento über die Exzentrik ihrer Kindheit, die Absurdität des Kunstmarkts und das Glück der Konsumverweigerung.

Asia Argento, Sie waren schon als Teenager eine bekannte Schauspielerin, später drehten Sie dann Musikvideos zu eigenen Songs, nun hat Ihr dritter Film als Regisseurin Premiere. Daneben sind Sie Schriftstellerin und Model. Sagen Sie nicht, dass Sie auch noch bildende Kunst machen.
Nein, mit Kunst habe ich gar nichts zu tun. Abgesehen davon, dass ich male. Aber das lediglich, weil ich einem inneren Trieb folge und es nicht lassen kann.

Das klingt ja doch nach einer ernsten Angelegenheit. In welcher Technik?
Ich benutze hauptsächlich Kinderfarben: Wasserfarben oder Filzstifte.

Ich sehe auch in Ihrem neuen Film „Missverstanden“ malerische Qualitäten – mit seiner schwelgerischen Kamera und den expressiven Farben.
Wenn mich junge Filmemacher fragen, was sie machen sollen, sage ich immer, sie sollen sich Gemälde ansehen; das Licht, die Komposition. Ich tue das sehr viel, schon als Kind bin ich überall in die Museen gerannt. Das ist so geblieben: Die größte Inspiration für Komposition kommt für mich nicht aus Zeitschriften, oder der Mode, sondern aus der Kunst der Antike und der Renaissance.

In einem Horrorfilm Ihres Vaters haben Sie einmal eine Frau gespielt, die im Kunstrausch ohnmächtig wird – das sogenannte „Stendhal-Syndrom“, wie auch der Titel war. Könnte Ihnen das auch passieren?
Auf keinen Fall. Ich kriege nie genug Kunst.

Sammeln Sie selbst?
Nein, das würde ich nie tun. Ich glaube nicht an Besitz, ganz allgemein. In meinem Leben gibt es nicht diese Phantasie, etwas besitzen zu müssen. Und erst recht nicht Kunst. Ich würde mich schuldig fühlen, ein Kunstwerk nur bei mir zu behalten, wo es keiner sieht.

War das schon immer so oder mussten Sie sich da etwas abgewöhnen?
Ich hatte das nie. Shoppen zu gehen, bereitet mir Panikattacken. Schon früher mit meinen Eltern oder heute mit den Kindern. Ich kaufe die Sachen, die ich brauche, online. Die Hose zum Beispiel, die ich heute trage, habe ich schon seit fünfzehn Jahren. Ich trage immer dasselbe. Mein Auto habe ich im Jahr 2005 gebraucht gekauft. Ein mickriger Kleinwagen. Serienmörder haben das Bedürfnis, Sachen zu besitzen. Die Welt, in der wir leben, sendet uns ständig unbemerkt Signale. Die Gier ist unbewusst, wir merken das nicht, gehen in einen Laden und kaufen beschissene Kerzen für fünfzehn Euro. Glücklicherweise werde ich nicht von diesen Reptilien dominiert und bin gegen die verlockenden Einladungen immun.

Sie haben so recht. Ich bin Sammler, aber das ist natürlich eine Charakterschwäche. Man täuscht sich ständig über den eigenen Tod hinweg.
Klar, ins Grab nehmen können wir die Sachen nicht, oder? Es gibt darüber sehr treffende Worte im Neuen Testament. Wenn man morgen stirbt, ist das alles futsch. Da soll man es lieber gleich loswerden. Ich hatte all die Kleider, die ich als Schauspielerin geschenkt bekam. Zu dieser oder jener Premiere… Das verkaufe ich jetzt. Ich trage es sowieso nicht. Ich verkaufe jetzt meine Geschenke.

Und wenn Ihnen, sagen wir, ein berühmter Künstler, der Sie verehrt, ein Bild schenkt?
Vielleicht verkaufe ich das auch. Wenn ich mal arm dran bin. Wer weiß. Aber ich habe einmal ein Bild gekauft, von einem Künstler, den keiner kennt, das ist okay.

Wie heißt der?
Brad Philips. Es ist ein Stück Papier, darauf steht: „I got 99 problems and each and every last one is a bitch.“ Er wollte zwanzig Dollar dafür, weil er wirklich pleite war. Die habe ich ihm gegeben.

Auch in Ihrem Film „Missverstanden“ spielt Besitz eine Rolle. Es geht um eine Neunjährige mit prominenten Eltern, die sie vernachlässigen. Umso intensiver ist das Verhältnis des Mädchens zur besten Freundin. Sind Freundschaft und Liebe nicht auch oft vom Besitztrieb gelenkt?
Ja, das ist bei dem Mädchen Aria der Fall, die Freundschaft wird possessiv. Irgendwann sagt dann das andere Mädchen, das ist nicht mehr normal. So lernt sie, dass sie anders ist.

Nun wollen Kinder ja oft anders sein als ihre Eltern. Und wenn das dann schon so exzentrische Persönlichkeiten sind, sind diese Richtungen vielleicht schon verstellt. Wie ist das denn bei Ihnen gewesen?
Ich hatte ehrlich gesagt zu keinem meiner Eltern so ein intensives Verhältnis. Ich war auf meine eigene Art und Weise exzentrisch. Und die veränderte sich dann ständig.

Man kann nicht umhin, Ihre eigene Kindheit hinter dieser Film-Geschichte zu erahnen, aber das Schöne ist, wie universell sie zugleich wirkt.
Es ist ein Film. Es gibt Schauspieler, es gibt Kostüme. Viele Dialoge sind improvisiert. Es muss ja etwas anderes sein. Der Film gehört allen, die daran mitgemacht haben. Aber es ist natürlich ein schmaler Grat zwischen Konstruktion und Teamarbeit.

Tatsächlich gibt es viel weniger autobiographische Spielfilme als zum Beispiel Bücher. Gibt es da eine Scheu als Filmemacher, das eigene Leben in Kulissen nachzustellen?
Na, weil sowieso alle Filme vom eigenen Leben handeln! Selbst als Steven Spielberg „E.T.“ machte, erzählte er von seinem eigenen Leben. Und bis heute muss er sich verantwortlich fühlen, für diesen kleinen Außerirdischen, den er da geschaffen hat. Alles ist biographisch. Federico Fellini sagte: Die Perle ist die Autobiographie der Auster.

Dennoch erscheint es vielen Filmemachern vielleicht trivial, ihre Erinnerungen eins zu eins in einer Filmkulisse nachzubauen.
Das macht wohl jeder anders, aber das wichtigste ist, dass man weiß, was das Ziel ist. Das teilt man dann mit der Crew wie ein unausgesprochenes Geheimnis, auf das alle eingeschworen sind. Die Frage ist nun, wie man dieses Ziel trifft. Wenn man das geschafft hat, ist der Weg dahin egal.

Und das Ziel ist das filmische Kunstwerk?
Es ist das Produkt, alle Elemente des Films. Das Ziel ist der Traum. Zuerst befindet er sich jenseits der Realität, am Ende ist er aber doch ein Stück Realität geworden: als eine digitale Datei oder ein Stück Film. Etwas, das überleben kann, solange die Menschheit existiert. Man muss den Traum über all die Widrigkeiten auf dem Weg hinweg retten, ohne ihn zu verraten, aber nicht, wie manche Regisseure, auf die halsstarrige Art. Eine Industrie hat andere Ziele, sie möchte etwas verkaufen. Für mich ist es eine richtige Zielscheibe mit Kreisen und einem schwarzen Punkt in der Mitte. Die Kreise sind das Leben. Und es ist verdammt schwer, den Punkt auf einen Schlag zu treffen. Man hat nur einen Pfeil. Als Maler ist man ganz alleine und kann das Ziel ständig ändern. Das geht beim Film schlecht, wenn man nicht das ganze Team im Dunkeln tappen lassen möchte.

Heißt das, Filmemachen ist Träumen mit offenen Augen?
Ja, denn wenn man träumt, ist man ja immer hell wach. Man weiß meist nicht, dass man träumt. Beim Dreh waren wir so aufeinander eingestimmt, besonders die Kamerafrau Nicola Pecorini. Es gab kein Storyboard, aber sie machte genau die Bilder, die ich geträumt hatte. Einmal ist sie abgehauen, und wir haben ohne sie genau gemacht, was sie sich vorgestellt hatte. So muss es sein.

Bei der Premiere in Cannes konnte man sehen, wie glücklich das ganze Team war. Nicht zuletzt das Mädchen in der Hauptrolle, Giulia Salerno.
Sie wusste schon während der Dreharbeiten, dass sie etwas Außerordentliches geschaffen hat. Nicht, dass ich den perfekten Film gemacht hätte. Aber alle, die mitgemacht haben, waren zu frieden. Es ist genau der Film, den ich machen wollte.

Interview: Daniel Kothenschulte

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare