+
Ihre Namen klingen harmlos, sie werden zum Beispiel als Badesalz oder Kräutermischung verkauft und dienen angeblich der Entspannung ? sogenannte Legal Highs.

"Legal Highs", ZDFinfo

"Das Zeug ist wie ein Monster"

  • schließen

Die Dokumentation über kinderleicht erhältliche psychoaktive Substanzen ist zwar überaus informativ, handwerklich aber fehlerhaft.

Sie haben lustige Fantasienamen und werden als Badesalz oder Kräutermischung deklariert, doch ihre Folgen können tödlich sein: Mit der Dokumentation „Legal Highs“ greift ZDFinfo ein Thema auf, das zwar schon lange bekannt ist, aber noch vergleichsweise wenig beachtet wird; dabei hat sich die Anzahl der Todesfälle durch diese Drogen, die jeder Konsument problemlos übers Internet bestellen kann, in den letzten Jahren vervielfacht. Es ist also absolut angebracht, dass sich Christian Stracke dieses Themas annimmt, auch wenn die Frage erlaubt sein muss, warum das ZDF den Beitrag in seinem kaum wahrgenommenen Info-Ableger versendet. Davon abgesehen aber darf die Brisanz des Stoffs keine Entschuldigung dafür sein, dass der Autor ein paar offenkundige handwerkliche Fehler gemacht hat. Schon der inszenierte Einstieg ist denkbar ungelenk. Zwei junge Männer spielen Billard, der eine fragt den anderen: „Wie war’s bei Dir noch mal mit Legal Highs?“; der Satz klingt derart aufgesagt, dass sich die Vermutung aufdrängt, die beiden hätten die Szene mehrfach „spielen“ müssen.

Dabei ist der Ansatz, Betroffene ins Zentrum stellen, natürlich nicht verkehrt, weil sich auf diese Weise im besten Fall junge und ältere Zuschauer gleichermaßen ansprechen lassen. Wenig überzeugend ist allerdings Strackes Versuch, mit Hilfe der in vielen täglichen Serien bewährten Zopfdramaturgie und Formulierungen wie „Zurück in der Jugendhilfe“ so etwas wie einen flüssigen Erzählfluss herzustellen.

Kein Konsument kennt die Konzentration

Außerdem wirken die Aussagen der Jugendlichen, als hätten sie sich erst „warm“ reden müssen; in der Regel ist so etwas ein Zeichen dafür, dass ein Autor vor den Aufnahmen nicht viel Zeit mit seinen Protagonisten verbracht hat, sodass sich gegenseitiges Vertrauen erst während der Dreharbeiten einstellt. Andererseits könnten die Schilderungen der Jugendlichen in der Tat als Warnung für andere dienen, weil zum Beispiel der Weg von Sam (17) in die Sucht offenbar nicht ungewöhnlich ist: Anfangs hat er nur ein paar Gramm für sich und seine Freunde bestellt, dann wurde ihm das Angebot gemacht, die Drogen weiterzuverkaufen, und schließlich war er so abhängig, dass er die gelieferte Menge komplett selbst konsumiert hat.

Ähnlich überzeugend wie die Kronzeugen, die sich erfolgreich einer Therapie unterzogen haben, sind die Behördenvertreter; verwendete Abkürzungen erläutert Stracke in Sprechblasen. Gerade in der Kombination der beiden Perspektiven liegt die große Stärke der Dokumentation. Gut war auch die Idee, eine Mitarbeiterin von jugendschutz.net zu Wort kommen zu lassen, denn mit ihren unverhohlenen Anpreisungen verstoßen die Internetseiten der Drogenverkäufer eindeutig gegen die Jugendschutzbestimmungen. Dank der vielen unterschiedlichen Aspekte, die in den Aussagen etwa eines forensischen Toxikologen, eines JVA-Leiters oder eines Gefängnisinsassen zur Sprache kommen, ist der Film ungewöhnlich facettenreich. Dass Stracke die Probe aufs Exempel gemacht und selbst ein paar Drogen bestellt hat, die dann von einem rechtsmedizinischen Institut untersucht worden sind, belegt wie kinderleicht der Erwerb tatsächlich ist. Die Schilderungen verdeutlichen zudem, warum mit den verbotenen „Legal Highs“ nicht zu spaßen ist: Kein Konsument kann wissen, wie stark die Konzentration der Drogen ist, weshalb es leicht zu einer Überdosis kommen kann. Die Wirkung der psychoaktiven Substanzen sei ohnehin unberechenbar, warnen die Experten. Sams Mutter bringt es auf den Punkt: „Das Zeug ist wie ein Monster“.

Weil Stracke den Informationen allein womöglich nicht vertraute, sorgt er immer wieder für emotionalisierende Effekte. Das gilt für den Kommentar, dessen Sprecher bei gegebenem Anlass entsprechende Bewölkung in seine Stimme legt, aber auch für die Bilder. Ein Abschreckungsvideo der US Navy bedient sich der Methoden des Horrorfilms und verfehlt seine Wirkung nicht. Private Aufnahmen zeigen eine Amerikanerin am Bett ihres sterbenden Sohnes; beim anschließenden Skype-Gespräch stellt sich allerdings keine echte Nähe ein.

Für die sicherlich erhoffte Gefühlsverstärkung sorgt dafür die Tante eines jungen Mannes. Er ist nach dem Tod seiner Mutter bei ihr aufgewachsen, und natürlich bricht ihre Stimme, als sie erzählt, wie er in die Welt der Drogen abgedriftet ist; Tränen allerdings bleibt sie schuldig, auch wenn der Bildgestaltung regelrecht anzumerken ist, wie die Kamera darauf gelauert hat. Ohnehin scheint zumindest einer von Strackes beiden Kameramännern eine Vorliebe dafür zu haben, die Augenpartien der Gesprächspartner wie im Italo-Western in übertriebener Nahaufnahme zu zeigen, was in diesem Zusammenhang etwas deplatziert wirkt. Nicht zu entschuldigen ist dagegen ein Fehlgriff an anderer Stelle: Im Kommentar ist die Rede vom Europäischen Gerichtshof, aber die Bilder zeigen offenbar den Sitzungssaal des Bundesverfassungsgerichts.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion