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Die öffentliche Meinung und sogar der Richter haben ihr Urteil längst gefällt: James Donovan (Tom Hanks, r.) und Rudolf Abel (Mark Rylance) in „Bridge of Spies“.
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Die öffentliche Meinung und sogar der Richter haben ihr Urteil längst gefällt: James Donovan (Tom Hanks, r.) und Rudolf Abel (Mark Rylance) in „Bridge of Spies“.

FR-Filmkritik: "Bridge of Spies - Der Unterhändler"

Der zerrissene Vorhang

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Steven Spielbergs Geschichtsdrama „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ verteidigt die Freiheit und das gute alte Hollywood. Sein neustes Werk ist kein Blockbuster, zeigt aber Haltung und verknüpft mehrere Genres.

Wer nach einer Einschätzung des Werks von Steven Spielberg sucht, muss Jonas Mekas fragen. Der 92-jährige Pionier des Avantgardefilms, der am Dienstag in der Frankfurter Städelschule und im Deutschen Filmmuseum zu Gast war, nennt ihn den größten Independent-Regisseur der Welt. Warum? „Er ist wirklich unabhängig. Er kann tun und lassen, was er will.“

Natürlich liegt etwas Gift in diesem Lob, denn die grenzenlose Freiheit des Steven Spielberg sprengte nur sehr selten filmische Konventionen. Andererseits: Im Schatten der von ihm selbst einst losgetretenen Blockbuster-Lawine, deren Ableben er ebenfalls als Erster prophezeite, macht er zur Zeit vorzugsweise Filme ohne nennenswerte kommerzielle Erwartungen. Ihrer Form nach sind sie kaum persönlich. Aber durchaus in ihrer Haltung.

„Bridge of Spies“ ist wie fast alle „seriösen“ Spielbergs ein historischer Film. Ob er zugleich auch ein Historienfilm sein möchte, also ein Epos, das sich auch als Panorama einer vergangenen Epoche versteht, würde der bescheiden auftretende Filmemacher kaum zu klären helfen. Einen gewissen Hang zur Übergröße kann man freilich auch den kleineren Spielberg-Filmen nie absprechen.

Wie in „Schindlers Liste“ geht es um die historischen Verdienste eines fast Vergessenen. 1957, mitten im Kalten Krieg, verteidigte der Anwalt James B. Donovan als Pflichtverteidiger den der Spionage verdächtigten Sowjetbürger Rudolf Abel. Vier Jahre zuvor war trotz weltweiter Proteste das wegen des gleichen Delikts verurteile Ehepaar Rosenberg hingerichtet worden, Ethel Rosenberg nach heutigem Erkenntnisstand unschuldig.

Wie vor ihm Julius Rosenberg macht Rudolf Abel keinerlei Anstalten, sich durch Preisgeben von Geheimnissen ein milderes Urteil zu erkaufen. Wann immer sein von Tom Hanks gespielter Rechtsbeistand ihn fragt, ob ihn das drohende Unheil nicht ängstige, sagt er trocken: „Würde das helfen?“

Tom Hanks spielt Anwalt Donovan im Bemühen um äußere Ruhe

Es ist einer dieser typischen One-Liner, für die man die Coen-Brüder liebt, die dem Drehbuch des Bühnenautors Matt Charman unverkennbar ihren Stempel aufgedrückt haben. Spielberg wusste genau, was er von diesen Spezialisten für das Understatement und einen ins Ironische gewendeten Fatalismus erwarten durfte: einen nötigen Gegenpol zu den dramatischen Erwartungen an ein Gerichts- und Geschichtsdrama um Leben und Tod.

Auch Tom Hanks spielt Anwalt Donovan im Bemühen um äußere Ruhe. Tatsächlich aber liegen die Nerven des Juristen blank. Die CIA, die öffentliche Meinung und sogar der Richter haben ihr Urteil längst gefasst. In einem typischen Spielberg-Moment lässt uns der Regisseur mit den Donovan-Kindern fühlen, denen man in der Schule die Hölle heiß macht. Sollte ihr Vater, der sich als einziger für einen fairen Prozess einsetzt, ebenfalls ein Landesverräter sein? Tatsächlich gelingt es auch diesem nicht, im Alleingang ein Bewusstsein für Rechtsstaatlichkeit in diesem Verfahren durchzusetzen. Sein Schachzug, der in die zweite Hälfte dieses Films überleitet, ist reines, wenn auch geniales Kalkül: Welches Schicksal, gibt er dem Richter zu bedenken, drohte wohl nach einer Hinrichtung einem in der Sowjetunion gefangenen amerikanischen Verdächtigen? Und was, wenn man dann niemanden zum Austausch habe?

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Eine Parallelmontage führt dann auch schon in den mächtig dekorierten Verhandlungssaal eines russischen Schauprozesses. Der junge Pilot Powers, dessen Spionageeinsatz Spielbergs Film bis dahin ebenfalls im Blick behalten hat, ist gefangen genommen worden. Offensichtlich hat er sich dem Diktum seiner Vorgesetzten widersetzt und ist der Verhaftung nicht durch Tod entkommen. Nun erst wird der Film, wenn man so will, zu jenem, den der Titel „Bridge of Spies“ und das Filmplakat versprechen: In einem weiteren Verhandlungsmarathon wird Donovan zum entscheidenden Vermittler mit dem Ziel eines Gefangenenaustauschs auf Berlins Glienicker Brücke. Doch Donovan pokert im Alleingang weiter: Er möchte die Ostberliner Behörden dazu bringen, auch einen unschuldig inhaftierten US-amerikanischen Studenten freizulassen.

Spielberg, der in seiner Karriere wie niemand sonst die Genre-Tugenden des klassischen Hollywood in die Gegenwart rettete, zeigt uns also ein Double-Feature. Nach dem klassischen Gerichtsfilm folgt ein Spionagedrama im wohlig-gruseligen Ambiente von Ostberlin zur Zeit des Mauerbaus. Hitchcocks „Der zerrissene Vorhang“ lässt grüßen.

Ein echter Spielberg-Moment

Auch wenn er dabei an Originalschauplätzen dreht und deren auratische Wirkung auf die Schauspieler preist, sehen sie doch aus wie Hollywood-Kulissen: Eine klassische Lichtsetzung und Thomas Newmans sinfonische Filmmusik überdecken, wenn es ihn denn gibt, den Atem der Geschichte. Aber das macht gar nichts, ganz im Gegenteil. Schwelgt man einmal in diesem alten Hollywood-Flair, das niemand besser zum Leben erwecken kann als Steven Spielberg, ist plötzlich sogar noch ein drittes Genre möglich: Die Billy-Wilder-Komödie à la „Eins, zwei, drei“.

Für die humorigen Szenen hat sich der Film das Ambiente der Ost-Diplomatie ausgesucht. Ein mit allen Wassern gewaschener KGB-Mann (Mikhail Gorevoj) und der von Sebastian Koch mit Liebe zum Klischee verkörperte DDR-Anwalt Wolfgang Vogel trotzen aller äußeren Geschichtstreue, indem sie eine andere Historizität einbringen – die der schönen alten Filme. Als schließlich noch eine angebliche deutsche Familie für den ausgetauschten Rudolf Abel aufgeboten wird, bleibt kein Auge trocken.

Schon mit seinem Überraschungserfolg „Lincoln“ hatte Spielberg ein Loblied auf die amerikanischen Verfassungswerte gesungen, doch vor allem seinem Vorbild, dem Hollywoodregisseur John Ford, Tribut gezollt. Der ließ bekanntlich einmal einen Zeitungsmann im Wilden Westen sagen: „Druckt die Legende.“ Und wenn ein Film nur gut genug gemacht ist, dann macht er auch fast vergessene historische Figuren zu Legenden.

Man kann einiges an diesem Film auch „cheesy“ finden, wie die Amerikaner (wenn sie ihnen denn auffallen) überemotionalisierte Szenen nennen. Tom Hanks soll den Einfall zu einem dieser Momente gehabt haben: Aus einem S-Bahn-Fenster sieht seine Figur, wie auf DDR-Bürger geschossen wird, die in den Westen fliehen. Später wiederholt sich die Szene noch einmal aus einem Hochbahnfenster in Brooklyn, wenn ein paar Jungen ungehindert über Zäune klettern. Tom Hanks kennt seinen Regisseur gut genug, um einen echten Spielberg-Moment zu erfinden. Und seien wir ehrlich: Was sonst wünschen wir uns von einem Spielberg-Film?

Bridge of Spies. USA/D 2015. Regie: Steven Spielberg. 141 Min.

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