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Eine ungleiche Freundschaft: Der verzogene Aristokrat und der sympathische Arbeiter.

Glücklich wie Lazzaro

Zeit der Wunder und der Gänsehaut

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Das Allegorische und die scharfe Sozialkritik: Alice Rohrwacher schreibt den italienischen Neorealismus weiter mit ihrem märchenhaften Drama "Glücklich wie Lazzaro".

In Italien schwärmt man seit einigen Jahren von einer Renaissance des Neorealismus, jenes Filmstils, der das Land in der unmittelbaren Nachkriegszeit zur einflussreichsten Filmnation Europas machte. Auch wenn viele Regisseure wie Pier Paolo Pasolini, Francesco Rosi oder der im Mai verstorbene Ermanno Olmi diese besondere Färbung weiterentwickelten, schien in den vergangenen Jahrzehnten nur noch wenig davon übrig. Vielleicht hat die Dekadenz der Berlusconi-Ära aber den Verlust bemerken lassen.

Heute entdecken junge Filmemacher den Nutzen poetischer Filmsprache für Alltags- und Sozialdramen. Eine der Protagonistinnen dieser Bewegung ist Alice Rohrwacher. Bereits im Jahr 2014 gewann die mittlerweile 36 Jahre alte Regisseurin bei den Filmfestspielen in Cannes den Jurypreis für „Zeit der Wunder“, nun hat sie ihren früh entwickelten Stil nochmals verfeinert.

Kapitalismuskritik und Kinopoesie

Ausgehend von einer wahren Begebenheit verbindet ihr märchenhaftes Sozialdrama „Lazzaro Felice“ („Happy as Lazzaro“) Kapitalismuskritik und Kinopoesie. Bis in die achtziger Jahre gelang es einer Gräfin, an ihrem abgelegenen Landsitz Arbeiter wie Leibeigene zu halten, indem sie ihnen vorgaukelte, sie lebten in einer vom Festland abgeschnittenen Enklave. Schließlich machten die Behörden der Ausbeuterei ein Ende. Aber sind nicht die Glücksversprechen des Spätkapitalismus ähnliche Märchen, die es auf den Wahrheitsgehalt zu prüfen gilt? Ganz zu schweigen von den Versprechungen populistischer Politiker und der Pseudo-Sozialreformer der „5 Sterne“-Bewegung.

Vor diesem Hintergrund beginnt Rohrwachers Drama mit der ungleichen Freundschaft eines für seine positive Ausstrahlung allseits beliebten jungen Arbeiters mit dem verzogenen Sohn der Gräfin. In den leuchtend-erdigen Farben der frühen Paolo-Taviani-Filme (Alice Rohrwacher verwendet stets den in Deutschland zu Unrecht für obsolet erklärten Zelluloidfilm) erweckt schon der erste Filmteil eine Sehnsucht nach den vergangenen Schönheiten der großen italienischen Filmklassiker. Dann führt ein überraschender Zeitsprung in die Gegenwart, wo Lazzaro als in seiner Jugendlichkeit konservierter Obdachloser dem gealterten Adeligen wieder begegnet. Auch ihre Vorliebe für Archetypen macht Rohrwachers Filme zu „italienischen Klassikern“ in der Nachfolge von Federico Fellini und Pasolini.

Mit der Auferstehung ihres alterslosen modernen Lazarus stürzt sich ihr Film in dieser zweiten Hälfte ins Märchenhafte, ohne jedoch dabei die sozialen Härten, die er thematisiert, zu glätten. Das Ähnlichste, was es zu dieser schillernden Perle von einem Film gibt, ist Luigi Comencinis traurig-schöne „Pinocchio“-Verfilmung für das Fernsehen.

Was für eine Tour de Force ist dieser wunderbare Film, der vom Wirklichkeitsfundstück über das Allegorische in die Sozialkritik zurückfindet – und dabei immer wieder Gänsehäute generiert.

Glücklich wie Lazzaro. Italien/Deutschland 2018. Regie: Alice Rohrwacher. 107 Min.

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