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Der Film ist ebenso schwelgerisch wie klaustrophobisch, auch in der Ästhetik einer finsteren Folklore.

„La Casa Lobo“

Finsteres Märchen aus deutscher Migrantenkultur

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Die chilenischen Animationsfilmer Künstler Cristóbal León und Joaquín Cociña erzählen in „La Casa Lobo“ ein finsteres Märchen aus der deutschen Migrantenkultur.

Für Außenstehende haben Animationsfilmer oft etwas Manisches. Ihr Arbeitspensum beschämt selbst ausgesprochene workaholics. Hat man einmal begriffen, dass für jede Filmsekunde 24 Einzelbilder belichtet werden müssen, erscheinen selbst die 10 000 Eichen, die Joseph Beuys pflanzen ließ, wie eine kleine Fingerübung. Vielleicht lassen uns deshalb moderne Animationsfilme kaum noch die Arbeit an ihnen erkennen. Im Pixar-Studio zum Beispiel arbeitet man rund vier Jahre an einem Film, aber Blut, Schweiß und Tränen sind in der Glätte digitaler Animation nirgends auszumachen.

Der chilenische Animationsfilm „La Casa Lobo“ („Das Wolfshaus“) ist ein anderes Kaliber. Seine Haupthandlung spielt in einer Hütte, auf deren Wände sich Bild für Bild das Geschehen malt und in dessen Räumen einzelbildweise das Puppenspiel entfaltet. Manchmal fragt man sich, was unheimlicher ist: Die Geschichte der jungen Schweinehirtin, die sich mit dreien ihrer Schützlinge in ein verwunschenes Waldhaus flüchtet oder die Disziplin, die zu ihrer Verlebendigung und fortwährender Verwandlung aufgeboten wurde.

Mit der deutschen Kolonie kommen Grimms Märchen nach Chile

Nach einem kurzen Einführungsvideo über eine deutsche Kolonie in Chile, die Werbung für ihren Honig macht, entfesselt sich der eigentliche Kulturimport – die finstere Märchenwelt der Brüder Grimm. Natürlich hat auch der böse Wolf, der das Mädchen unablässig bedroht und um das Haus schleicht, eine deutsche Stimme. Einen weiteren Schatten hat die unheilvolle Geschichte der Colonia Dignidad auf der Geschichte hinterlassen – jene mörderische Sekte, die 1961 von Paul Schäfer gegründet wurde.

Als „La Casa Lobo“ im vergangenen Jahr auf der Berlinale Premiere hatte und den renommierten Caligari-Preis im Forum gewann, wirkten die Filmemacher wenig manisch, aber etwas müde. Es gab kaum ein renommiertes Festival, das diesen ungewöhnlichen Film danach nicht gezeigt hat. Jetzt sind Cristóbal León and Joaquín Cociña mit damit auf Deutschland-Tournee (unter anderem in Frankfurt und in Wiesbaden). Ihre multimediale Arbeit ist in Kunstmuseen ebenso präsent wie auf Filmfestivals. In der klassischen Technik ebenso wie im politisch aufgeladenen Surrealismus erinnert ihr Film an die Werke des großen tschechischen Stop-Motion-Künstler Jan Svankmajer.

„La Casa Lobo“ zerplatzt vor surrealen Details

Es ist selten, dass es überhaupt gelingt, mit dieser handgemachten Technik abendfüllende Kinoformate zu füllen. Wie Svankmajers lange Filme zerplatzt der Film förmlich vor Details, der surreale Fluss hält niemals an. Das verlangt eine besondere Konzentration, denn ebenso wie sich an den Wänden der Hütte eine Schicht Malerei auf die nächste legt, überlagern sich auch die Erzählungen, überschreiben sich stets aufs Neue. Das Ergebnis ist ebenso schwelgerisch wie klaustrophobisch, auch in der Ästhetik einer finsteren Folklore. Die Handarbeit aus der dieser Film besteht, ist zugleich ein Thema – schließlich gehört das Handwerk zu den von den deutschen Migranten in Chile besonders gepflegten Kulturtraditionen. Im Kunstbetrieb ist Handwerklichkeit dagegen vielfach ein Stigma. Umso seltener, Künstler kennen zu lernen, die etwas können, was sonst niemand kann – und in eine so suggestive Formensprache überführen.

La Casa Lobo. Animationsfilm, Chile 2018. Regie : Cristóbal León and Joaquín Cociña. 75 Min. Die Regisseure sind am 8. April in der Caligari Filmbühne, Wiesbaden, und am 10. April im Kino des Deutschen Filmmuseums, Frankfurt.

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