Herr Rott (Thomas Arnold, 2. v.l.) und Dr. Philipp Gressmann (Ken Duken).
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Herr Rott (Thomas Arnold, 2. v.l.) und Dr. Philipp Gressmann (Ken Duken).

„Dr. Gressmann zeigt Gefühle“ (ARD)

Die Zeit nach Mitternacht

Niki Steins Film ist eine äußerst ungewöhnliche und verblüffend verspielte Großstadtkomödie, die gerade dank ihrer einfallsreichen Bildgestaltung großen Spaß macht.

Von Tilmann P. Gangloff

Niki Stein hat einige herausragende „Tatort“-Krimis gedreht, unter anderem vor gut zehn Jahren die großartige Einführungstrilogie mit dem Frankfurter Gespann Sänger/Dellwo (Andrea Sawatzki, Jörg Schüttauf). Im historischen Film hat er sich dank „Rommel“ ebenso Meriten erworben wie mit dem Scientology-Drama „Bis nichts mehr bleibt“. Komödien aber sind in seiner Filmografie ausgesprochen rar; wenn überhaupt. Umso verblüffender ist „Dr. Gressmann zeigt Gefühle“. Schon der Arztromantitel deutet an, dass dieses Werk ein Film sein könnte, der zumindest für Steins Verhältnisse aus dem Rahmen fällt. Tatsächlich ist die Umsetzung in jeder Hinsicht ungewöhnlich: Inszenierung und Bildgestaltung sind derart verspielt, dass Steins Stil für manche Geschmäcker zu überdreht sein könnte.

Die Geschichte ist eine muntere Mixtur aus Anleihen verschiedener Genres. Der zentrale Erzählstrang erinnert an jene Großstadtkomödien, deren unbescholtene Hauptfiguren in der Tradition des Scorsese-Klassikers „Die Zeit nach Mitternacht“ (1985) eines Nachts aufgrund unvorhersehbarer Ereignisse aus der Bahn ihres beschaulichen Alltag geworfen werden (zuletzt etwa „Date Night“ mit Steve Carell und Tina Fey). Das Grundmotiv von „Dr. Gressmann zeigt Gefühle“, der Titel legt es nahe, ist allerdings romantischer Natur: Eigentlich will sich der Wirtschaftsanwalt (Ken Duken) mit zwei betuchten Klienten treffen, doch ein Anruf seiner Exfrau lotst ihn statt dessen zum Elternabend. Auf der Fahrt zur Schule kreuzt er nicht nur den Weg zweier Gangster (Edin Hasanovic, Wolfgang Michael), er begegnet auch der Mutter (Alwara Höfels) eines Mitschüler seines Sohnes. Die hübsche Dolores verdient ihren Lebensunterhalt auf etwas anrüchige Weise und hat sich außerdem auf ein fatales Geschäft mit den Ganoven eingelassen.

Erstaunlich handlungsreicher Film

Trotz der offenkundigen Überschaubarkeit der Geschichte ist der Film erstaunlich handlungsreich, zumal sich Stein einige schräge Nebenfiguren ausgedacht hat, die alle ihren großen Auftritt bekommen, darunter Anke Sevenich als blasierte Lehrerin, die sich von Gressmann runterputzen lassen muss. Hubertus Hartmann hat eine hübsche Rolle als Kommissar, der verzweifelt versucht, die in der Mittsommernacht außer Rand und Band geratene Stadt Frankfurt irgendwie unter Kontrolle zu bekommen. Großartig umgesetzt sind auch verschiedene Randrollen (unter anderem Henry Arnold als Psychopath mit Hund oder Sascha Nathan als Schulhausmeister). Den größten Spaß bereiten jedoch die beiden Hauptfiguren: hier der unglaublich schnöselige Anwalt, den der sonst vor allem in Dramen besetzte Ken Duken mit spürbarer Spielfreude verkörpert, dort die leichtgewichtige Dolores; beide passen überhaupt nicht zueinander, werden durch die turbulenten Ereignisse der Johannisnacht aber zusammengeschmiedet.

Clou des Films ist trotz allem die Bildgestaltung, die mitunter wirkt, als habe Stein endlich mal die in seinen Krimis und Dramen unvermeidlichen Korsettstangen sprengen wollen. Für seinen Stammkameramann Arthur W. Ahrweiler müssen die Dreharbeitern gleichermaßen ein Fest wie auch eine Herausforderung gewesen sein. Immer wieder verblüfft der Film mit ausgefallenen Perspektiven, weil die Kleinstkamera mal am Lenkrad, mal an einer Pistole oder auf einem Pizzakarton befestigt ist. Auf diese Weise sind auch Duken und Höfels zu Kameraleuten geworden, was der Inszenierung eine ganz spezielle Dynamik verleiht. Stein arbeitet nicht nur mit Zeitraffern, die dafür sorgen, dass Fußwege im Nu zurückgelegt werden, er spult den Film auch mal zurück, wenn der Kommissar sagt „Sag’ das noch mal!“. Viel Freude machen zudem die diversen kleinen Elemente, etwa die Geräusche, mit denen Gesten unterlegt sind, oder die Inserts, die zusätzliche Informationen liefern und beispielsweise darauf hinweisen, dass die Farbentsättigung beim Wechsel zu Schwarzweiß kein technischer Fehler am Gerät sei, sondern dramaturgische Gründe habe. Auch die Musik (wie stets bei Stein: Jacki Engelken) trägt  dazu bei, dass die Handlung regelmäßig ironisch gebrochen wird.

Mittwoch, 27.8., 20.15 Uhr, ARD

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