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Coole 15-Jährige und ein Junge mit dem Mut zur Peinlichkeit, der den Altersunterschied überspielt.

„Mid90s“

Zeit in Klumpen

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„Mid90s“: Jonah Hill hat der Zeit seiner Jugend in diesem Debütfilm das schönste Denkmal gesetzt.

Die besseren Teenagerfilme haben meist ein gewisses Gefühl der Wehmut an sich, das man nicht mit Sentimentalität verwechseln sollte. Wie sollte der Blick auf die prägende Lebensphase, in der sich Möglichkeit und Unvermögen, Erlebtes und Versäumtes noch in der Erinnerung in den Haaren liegen, auch anders aussehen? Sind diese Filme dann auch noch in der Vergangenheit angesiedelt, vorzugsweise in der Jugend der Filmemacher, kommt noch etwas anderes dazu: Nun ist es neben den Individuen auch die Zeit selbst, die mit all ihren Chancen und Enttäuschungen auf dem Prüfstand steht. Was Zuschauer, die sie erlebt haben, zugleich zu anspruchsvollen Zeugen macht.

Die mittleren 90er können sich über ihr Porträt durch den inzwischen 35-jährigen Jonah Hill nicht beklagen. Der Schauspieler und Drehbuchautor, der hier sein Regiedebüt gibt, war etwa zwölf, als diese Geschichte spielt. Und so jung ist auch sein Protagonist.

Stevie (Sunny Suljic) ist in dem Alter, in dem man verschämt die erste Menthol-Zigarette raucht und sich des verräterischen Geruchs auf dem Nachhauseweg mit dem Gurgeln von flüssiger Seife aus einer Tankstellentoilette entledigt. Er lebt mit seinem älteren Bruder (Lucas Hedges) und seiner alleinstehenden Mutter (Katharine Waterson) in der Vorstadt von Los Angeles und besitzt etwas, das er mit den beiden nicht teilen kann. Eine Lust auf den Ausbruch, einen Freiheitsdrang, der ihn dazu drängt, zu den cooleren, älteren Jungs zu gehören.

Hip-Hop-Fan Ian, den Stevie zunächst bewundert, gehört nur auf den ersten Blick dazu. Tatsächlich aber ist er bei näherem Hinsehen lediglich ein passiver „follower“ des Zeitgeistes. Auf die unschuldige Neugier seines aufgeweckten Bruders reagiert er mit latenter Aggressivität. Ganz anders die coolen 15-Jährigen, die ein paar Ecken weiter mit ihren Skateboards herumhängen. Irgendwie schafft es Stevie, den Altersunterschied von immerhin einem Viertel seines Lebensalters zu überspielen. Mit dem Mut zur Peinlichkeit natürlich. Wer hatte den schon in diesem Alter?

Man sehnt sich nach Action, aber die Zeit klebt

Was ist so interessant an einem Film, der von wenig mehr erzählt als von den Versprechungen einer Jugendkultur? Ist es allein die Brücke, die er von unserer verklärenden Erinnerung zu den Teenagern von heute schlägt?

Zunächst einmal ist da dieses Verständnis für das Erleben von Zeit, das in diesem Alter ein völlig anderes ist. Wir sehnen uns nach Action, aber die Zeit klebt an uns in dicken Klumpen wie nass gewordener Zucker. Kein Wunder, dass man Skateboard oder wenigstens Fahrrad fährt, irgendetwas, das Geschwindigkeit verspricht – und dann rast man doch nur die immer selben Ecken ab. Es ist das Gefühl der Unruhe, über das Spike Jonze sein klassisches Arcade-Fire-Musikvideo „The Suburbs“ gedreht hat. Nur ohne das schwelende Drama.

Die meisten Teenagerfilme verwechseln die Suche nach Abenteuer mit der Notwendigkeit tatsächlicher Dramatik. Aber es passiert eben selten etwas wirklich Erzählenswertes, wenn man Teenager ist. Und das wenige, das passiert oder passieren könnte, mag man mit niemandem teilen. Man kann sich darauf verlassen, dass Jonah Hill unser Unterhaltungsbedürfnis ernst genug nimmt, das begrenzte Potential an Dramatik auszukosten. Ja, es gibt den ersten Sex, Drogen und sogar einen ernsten Verkehrsunfall. Aber nichts, was sich nicht in jedem Leben erleben ließe.

Außergewöhnlich ist die Geschichte dieses Zwölfjährigen dennoch, denn er ist einfach nicht wie alle anderen. Jeder, der im richtigen Alter François Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“ gesehen hat, kann eine Beziehung zu diesem einsamen Freiheitsdrang herstellen – ganz gleich, in welcher historischen Epoche er angesiedelt ist. Was diesen neugierigen, von Sunny Suljic ganz ohne Altklugheit gespielten Stevie von seiner Familie unterscheidet, wird ihn immer zu etwas Besonderem machen. Immer wird er zu neunzig Prozent von Menschen umgeben sein, denen ihr Leben genug ist, so wie es ist. Und was haben die mittleren neunziger Jahre damit zu tun?

Sie waren ein solcher Fortschritt gegenüber den konsumfreudigeren achtziger Jahren und ihrem grellbunten Schick, viel vom anarchischen Geist der Sechziger kam plötzlich zurück. Wie sehr kann man sie heute vermissen, die Lässigkeit und Skepsis gegenüber den falschen Versprechungen, von welcher Seite auch immer sie kamen. Die Anarchie der wilden Raves und der weiten Klamotten. Die Gleichzeitigkeit so unterschiedlicher Stile, die alle cool waren, Grunge, Hip-Hop, Techno und Neo Folk. Und die letzten analogen Zusammenrottungen Gleichgesinnter in einer echten Bohème, die sich in Kneipen oder an Straßenecken traf. in einer physischen Realität, von der nur ein paar Philosophen behaupten konnten, es gebe sie nicht.

Was für ein schönes, leichtgängiges, Skateboard-getriebenes Denkmal hat Jonah Hill dieser Zeit gesetzt. Ohne Sentiment; nur mit dem angemessenen Schuss Melancholie.

Mid90s. USA 2019. Regie: Jonah Hill. 84 Min.

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