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Oktober 2010 im Mittleren Schlossgarten, Erinnerung an einen gewaltsamen Polizeieinsatz im September. Aus der Protestbewegung gegen Stuttgart 21 entstand die Zeitung „Kontext“.
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Oktober 2010 im Mittleren Schlossgarten, Erinnerung an einen gewaltsamen Polizeieinsatz im September. Aus der Protestbewegung gegen Stuttgart 21 entstand die Zeitung „Kontext“.

Alternative Online-Zeitung

Zehn Jahre „Kontext“: „Stuttgart 21“ und die Zukunft

  • Stephan Hebel
    VonStephan Hebel
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Vor zehn Jahren erschien die erste Ausgabe der Alternativ-Zeitung „Kontext“. Und konnte ihr Publikum auch jenseits der großen Stuttgart-21-Proteste überzeugen.

Im journalistischen Werkzeugkasten gibt es ein Instrument, das „Kontextparagraf“ genannt wird. Das ist ein Absatz möglichst weit vorne im Text, mit dem der größere Zusammenhang erläutert wird, in dem die aktuelle Botschaft steht.

So hätte der hier vorliegende Text zum Beispiel so beginnen können: Der Stuttgarter Journalist Josef-Otto Freudenreich hat sich als „roten Großvater“ bezeichnet. In einer Mail an die FR-Redaktion zeigte sich der 70-Jährige erfreut über das ungebrochene Interesse der Leserschaft an der Wochenzeitung, die er vor zehn Jahren mit einigen Kolleginnen und Kollegen gegründet hatte: „Pro Ausgabe registrieren wir etwa 30 000 Besucher. Tendenz in allen Bereichen leicht steigend.“

Im wirklichen Leben wäre der Name der Zeitung natürlich gleich am Anfang mit genannt worden, aber das hätte hier die kleine Pointe verdorben, die im Namen des erstaunlich erfolgreichen schwäbischen Alternativ-Mediums liegt. Es heißt: „Kontext“. Wie der Paragraf.

Das ist kein Zufall. Freudenreich, seine Mitgründerin Susanne Stiefel und die inzwischen acht Festangestellten in der Redaktion haben es sich zur Hauptaufgabe gemacht, die Schwerpunkte des hergebrachten Journalismus vom Kopf auf die Füße zu stellen. Ihr Ansatz lässt sich in etwa so zusammenfassen: In unübersichtlichen Zeiten kann glaubhafter Journalismus am ehesten gelingen, wenn er seine Annäherung an die Wirklichkeit von vornherein in den Kontext, den Zusammenhang einbindet.

Das ist ein bewusstes Gegenprogramm zu einem Journalismus, der in Teilen immer noch glaubt, es diene der Wahrheitsfindung, ein paar Zitate von Politikerinnen und Politikern aneinanderzureihen und allenfalls einen mageren „Kontextparagrafen“ beizufügen, etwa nach dem Motto „Die Opposition hatte sich zunächst gegen das Gesetzesvorhaben gewehrt“. – „Ein zweiter Gedanke, Recherche, Einordnen, Zusammenhängendes in den Kontext stellen“ – so beschreibt das Projekt den eigenen Anspruch. Der mag nicht immer eingelöst sein, aber als Denkzeichen für den etablierten Journalismus taugt er allemal.

Das Kreuzbrave ermutigte

„Kontext“, am 6. April 2011 erstmals online, geht direkt nach Ostern mit der 523. Ausgabe in sein elftes Jahr. Sowohl Freudenreich als auch seine Gründungspartnerin Susanne Stiefel hatten ihre Erfahrungen im sogenannten Mainstream gesammelt: er in vielen Jahren als Chefreporter der „Stuttgarter Zeitung“, sie in gleicher Funktion beim inzwischen eingestellten regionalen Wochenendprojekt „Sonntag aktuell“. Und es dürfte nicht zuletzt die kreuzbrave Berichterstattung der Etablierten über „Stuttgart 21“ gewesen sein, die zu der Gründung ermutigte.

Als „Kontext“ startete, hatten die Katastrophe von Fukushima und der Konflikt um den wahrhaft unterirdischen Bahnhofsneubau in Stuttgart gerade die erste grün geführte Landesregierung Deutschlands ins Amt gebracht. Das schwäbische Metropolen-Bürgertum wehrte sich zudem auf der Straße gegen das Milliardenprojekt, dessen Sinn nach Ansicht vieler vor allem darin bestand, aus dem riesigen Gleisvorfeld des alten Kopfbahnhofs ein Paradies der Immobilienspekulation zu machen.

Ein Thema reichte nicht

Das verschaffte den „Kontext“-Leuten eine Basis, und tatsächlich beherrschte das Bahnhofsthema zunächst die Berichterstattung. Aber Freudenreich weiß, dass das auf Dauer nicht genügt hätte. Das erstaunlich gelenkige Einknicken der grünen Regierung in Sachen Stuttgart 21 nahm dem Protest einiges an Energie, auch wenn er bis heute nicht ganz eingeschlafen ist. Das war nicht gut für ein als Organ des Protests wahrgenommenes Medium: „Wir sind avanti dilettanti gestartet und waren nach einem Jahr so gut wie tot“, sagt Freudenreich heute.

Aber es scheint, als sei das Bedürfnis nach alternativen Ansätzen eines kritischen Journalismus groß genug, um so etwas wie stabile Solidarität hervorzubringen. Und es gelang, die totale Abhängigkeit vom Thema durch eine erstaunliche Themenvielfalt zu ersetzen. Heute lebt „Kontext“ auch materiell einigermaßen auskömmlich: von 1700 „Soliabos“, also von Menschen, die bezahlen, was sie auch gratis bekommen könnten. Dazu kommen die Beiträge von 400 Mitgliedern des Trägervereins plus Lizenzgebühren von der „taz“, die eine gedruckte Version einer Teilauflage ihrer Wochenendausgabe beilegt.

Zum Jubiläum wird es ein Gespräch zwischen dem 26-jährigen Redakteur Minh Schredle und dem „roten Opa“ Freudenreich geben, unter anderem über die Sparpolitik in vielen Medienhäusern. Darin zitiert der 70-Jährige einen des Alternativjournalismus Unverdächtigen, nämlich Kurt Kister, den langjährigen Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“: „Leider gibt es Verlagsmanager (und auch Chefredaktionen), die nicht nur an den Ästen sägen, sondern auch den Baum nur für einen dicken Ast halten.“ Und es klingt sehr zufrieden, wenn Freudenreich anfügt, „Kontext“ sei nun schon seit 2011 „von Jahr zu Jahr getragen worden“. Und zwar „von unseren LeserInnen, ohne Werbung und ohne Verleger“.

www.kontextwochenzeitung.de/

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