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ZDFinfo zeigt „Killing For Love – Der Fall Jens Söring“. Der Fall wirft noch immer Fragen auf.

Ein Doppelmord, zwei Urteile, viele Fragezeichen

ZDFinfo zeigt die Doku-Serie „Killing For Love – Der Fall Jens Söring“

  • Harald Keller
    vonHarald Keller
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Die vierteilige Dokumentarserie „Killing For Love – Der Fall Jens Söring“ bei ZDFinfo gelingt die Anatomie einer fragwürdigen Rechtskultur.

Es treten beinahe alle Figuren auf, die der Fachautor Matthias Kuzina als zentral für den US-amerikanischen Gerichtsfilm aufzählt: „durchtriebene Polizeifunktionäre, labile Geschworene, hinterlistige Strafverteidiger, niederträchtige Angeklagte, umstrittene Experten, wankelmütige Zeugen, ambitiöse Staatsanwälte und (seltener) korrupte Richter“. Aber der Vierteiler „Killing For Love“, so boulevardesk der Titel auch tönt, ist nicht in Hollywoods Schreibstuben entstanden, sondern eine Dokumentarserie. Wäre die Geschichte Ausgeburt eines Drehbuchautors, man dürfte seine Finesse bewundern. Denn es gibt nicht nur einen Angeklagten, sondern gleich deren zwei. Anfangs Liebende, später, vor Gericht, erbitterte Gegner. Der perfekte Konflikt, ein vertracktes kriminalistisches Rätsel, ein hoher Emotionsgehalt.

„Killing For Love“ - Eine Geschichte über Gegensätze bei ZDFinfo

1985 waren Jens Söring und Elizabeth Haysom Stipendiaten der Universität von Virginia. Beide überdurchschnittlich intelligent, beide Ausländer. Er der achtzehnjährige Sohn eines deutschen Konsuls, sie Tochter eines wohlhabenden kanadischen Geschäftsmanns und knapp drei Jahre älter. Söring bezeichnet sich rückblickend als Musterknabe, und genau so sah er auch aus, fast wie eine Karikatur: gestriegelte kurze Haare, übergroße Brillengläser, dünn, blass. Der geborene Außenseiter. Elizabeth Haysom dagegen entsprach dem Schönheitsideal, war begehrt und suchte Aufmerksamkeit, mit Anspielungen und Berichten über ihre turbulenten Erfahrungen als Ausreißerin, über Drogenexperimente, ihre Bisexualität.

Die doch so ungleichen jungen Leute wurden ein Paar. Liebe oder kaltes Kalkül auf einer der beiden Seiten? Diese Frage erhob sich, als Elizabeth Haysoms Eltern ermordet wurden. Mit viehischer Brutalität. Einer der Kriminalbeamten vergleicht im Film den Auffindeort mit einem Schlachthaus.

„„Killing For Love“ bei ZDF info zeigt auch eine verhängnisvolle Affäre

Im Zuge der Ermittlungen werden auch Haysom und Söring vernommen. Und ergreifen die Flucht. Zunächst nach Thailand, wo sie sich falsche Papiere anfertigen lassen, über weitere Stationen dann nach London. Jens Söring schreibt einen Brief an seine Eltern und entschuldigt sich darin bei den Kriminalpolizisten. Nicht das einzige groteske Detail in dieser Affäre.

Das Paar ist unvorsichtig, begeht einen Scheckbetrug, wird 1986 festgenommen. Die britische Polizei findet eine Verbindung nach Virginia, entdeckt, dass die vermeintlichen Kleinkriminellen wegen Mordes gesucht werden. Elizabeth Haysom wird gleich in die USA ausgeliefert, Söring erst nach der Zusicherung, dass gegen ihn nicht die Todesstrafe verhängt wird. Die Partnerschaft zerbricht. Sörings Version der Vorkommnisse lautet, er habe den Mord auf sich genommen, um seine Geliebte, die sich gern „Lady Macbeth“ nannte, vor dem elektrischen Stuhl zu bewahren. Der naive, der literarischen Romantik eines Shakespeare und Charles Dickens anhängende Bengel, den Haysom im Prozess als „Schwächling“ beschimpft, ist der Meinung, er werde in Deutschland angeklagt, erhalte eine Jugendstrafe und könne anschließend mit Elizabeth glücklich werden. Es kommt anders für Jens Söring.

Indiziensuche bei „Killing For Love“ auf ZDFinfo

Der Spannungsfaktor der vier Folgen liegt nicht darin, ob und wann Söring aus der Haft entlassen wird. Die Filmautoren Karin Steinberger und Marcus Vetter, der auch den Schnitt besorgte, beantworten die Frage gleich zu Beginn. Der inzwischen 53-Jährige Söring trifft im Dezember 2019, von zahlreichen Berichterstattern erwartet, in Deutschland ein. Von diesem Moment ausgehend, wird die Vorgeschichte in Rückblenden erzählt.

2013 hatte das Team Gelegenheit, Söring in der Haft zu interviewen. In den USA eine rare Ausnahme. Passagen dieses Gesprächs werden immer wieder eingeschnitten. Elizabeth Haysom, inzwischen ebenfalls vorzeitig entlassen und nach Kanada abgeschoben, stand für Auskünfte nicht zur Verfügung. Dennoch kommt sie hinlänglich zu Wort. Die beiden spektakulären Prozesse – gegen Haysom und Söring wurde getrennt verhandelt, mit drei Jahren Abstand – wurden, damals ein Novum, vom regionalen TV-Sender WSET gefilmt. Diese Aufnahmen konnten lizenziert und in mühsamer Kleinarbeit ausgewertet werden. Zudem wurden Interviews mit den beteiligten Ermittlern, dem Richter und Anwälten geführt, die sich für eine Neubewertung des Falles eingesetzt hatten.

„Killing For Love“ bei ZDFinfo weckt berechtigte Zweifel

Zwei Prozesse also, mit entsprechenden Zeugenaussagen, mit Sachverständigen, Verteidigern und Staatsanwälten. Beide Angeklagte wurden schuldig gesprochen, was jedoch nichts über den wahren Ablauf der Ereignisse aussagt. In knappester Form: Entweder war Elizabeth Haysom von Washington aus dreihundert Kilometer heim nach Lynchburg gefahren, um ihre Eltern umzubringen, während Söring auf ihre Weisung hin für ein Alibi sorgen sollte. Oder umgekehrt.

Eine Anwältin, zwei ehemalige stellvertretende Generalstaatsanwälte, ein Privatdetektiv nahmen sich die Fallakten noch einmal vor. Dabei traten gleich mehrere Unregelmäßigkeiten zutage, die sich zu Sörings Ungunsten ausgewirkt hatten. Hier wird es tatsächlich spannend. Und der Kriminalfall weitet sich, das erhebt den strikt neutralen und sachlichen Vierteiler über das Gros jener zahllosen Formate, die angeblich von wahren Verbrechen erzählen, zu einer Anatomie des US-amerikanischen Justizsystems. Der schon zitierte Matthias Kuzina schreibt in seinem Buch „Der amerikanische Gerichtsfilm“: „Für eine Beurteilung des amerikanischen Rechtswesens ist (…) die Frage zentral, wie Juristen das abstrakte Gesetz in konkreten Fällen handhaben (…).“

Diese vier Episoden mit den Titeln „Der Mord“, „Der Verrat“, „Die Alibis“, „Das Urteil“ liefern das perfekte Anschauungsmaterial, um sich eine Meinung über die US-Rechtskultur zu bilden. Wobei noch zu berücksichtigen ist, dass viele Strafgefangene, vor allem Angehörige von Minoritäten, nicht über eine vergleichbare Unterstützung verfügen, wie sie Jens Söring zuteil wurde. Seit Kurzem werden in den Vereinigten Staaten wieder Hinrichtungen durchgeführt. Am 14. Juli starb Daniel Lewis Lee in der Todeskammer. Er beteuerte bis zuletzt seine Unschuld.

„Killing For Love – Der Fall Jens Söring“, Dienstag, 4. August 2020, ab 20:15 Uhr alle vier Teile en suite, und in der ZDF Mediathek.

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