"Schneewittchen und der Zauber der Zwerge": eine hochklassige und sehr zeitgemäße Variation des Grimm’schen Klassikers.
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"Schneewittchen und der Zauber der Zwerge": eine hochklassige und sehr zeitgemäße Variation des Grimm’schen Klassikers.

Zeitgemäße Variation

TV-Kritik: „Schneewittchen und der Zauber der Zwerge“

  • Tilmann P. Gangloff
    vonTilmann P. Gangloff
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Der Weihnachtsmärchenfilm „Schneewittchen und der Zauber der Zwerge“ mit Nadeshda Brennicke als böse Stiefmutter ist eine hochklassige und sehr zeitgemäße Variation des Grimm’schen Klassikers.

„Schneewittchen“, „Dornröschen“, „Rotkäppchen“: Fast jedes Kind kennt die berühmten Märchen der Gebrüder Grimm. Gerade die Geschichte von „Schneewittchen“, dessen Schönheit den Neid der bösen Stiefmutter weckt, ist dutzendfach verfilmt worden. Der Reiz einer neuen Adaption muss darin bestehen, der bekannten Handlung neue Seiten abzugewinnen. Ein Fantasy-Spektakel im Stil jüngerer Hollywoodproduktion wie „Snow White and the Huntsman“ kam für das ZDF naturgemäß nicht in Frage, und das nicht allein aus Kostengründen: Der Sendeplatz am Nachmittag des Heiligen Abend im „Zweiten“ ist eher konservativ ausgerichtet. Den Filmen tut das nicht immer gut: Es gab herausragende preisgekrönte Produktionen wie „Die Schöne und das Biest“ oder „Die weiße Schlange“, gut gespielt und erlesen fotografiert, aber auch gediegen inszenierte Märchenfilme wie im letzten Jahr „Der süße Brei“. 

Moderne Anmutung, Anleihen beim Fantasy-Genre und überzeugende Spezialeffekte

Davon kann bei „Schneewittchen und der Zauber der Zwerge“ keine Rede sein. Der flotte Auftakt wirkt im Gegenteil, als hätten Max Honert, der auch „Die weiße Schlange“ geschrieben hat, und Regisseur Ngo The Chau schon gleich zu Beginn sämtliche Bedenken erledigen wollen: Die Heldin wird eingeführt wie ein Supergirl, das mit einem furiosen Stunt der Enge seines Zimmers durchs Fenster entkommt; eigentlich schade, dass Schneewittchen einen derartigen Auftritt erst wieder zum Finale hinlegt. Honert hält sich zwar bis hin zum vergifteten Apfel an den Handlungskern der Vorlage, aber ansonsten gibt die moderne Anmutung der ersten Szenen den Tonfall vor, in dem der renommierte Kameramann Ngo The Chau seinen ersten eigenen Film inszeniert: mit vielen Anleihen beim Fantasy-Genre, mit überzeugenden Spezialeffekten und mit Figuren, die gegen den klassischen Märchenstrich gebürstet sind. 

Schneewittchen  - schön, stark und mutig 

Dass Schneewittchen (Tijan Marei) schön, stark und mutig ist, versteht sich beinahe von selbst; die Zeiten, in denen die Heldinnen solcher Geschichte attraktiv, aber ansonsten in erster Linie Opfer zu sein hatten, sind zum Glück vorbei. Ein Knüller sind allerdings die Zwerge, eine Ansammlung verwegener Burschen, die zu einer gewissen Streitlust neigen, aber ansonsten ein verschworener Haufen sind. Auch der Prinz (Ludwig Simon) wirkt eher wie ein Abenteurer als wie ein junger Mann aus gutem Hause. 

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Einzig die böse Stiefmutter entspricht dem Grimm’schen Entwurf, und Nadeshda Brennicke verkörpert die Frau exakt so, wie sie zu sein hat: eitel, machtgierig und entsprechend skrupellos, als sie ihre Macht in Gefahr sieht. Noch böser ist der Bruder der Königin; Victor Schefé lässt vom ersten Moment an keinerlei Zweifel daran, dass er den Schurken der Geschichte verkörpert. Der Mann hat einst den König ermordet und soll nun auch dem Leben von Schneewittchen ein Ende setzen, als der Zauberspiegel verkündet, die Stieftochter werde dereinst die Schönheit der Königin überstrahlen.

Regiedebüt von bemerkenswerter Qualität 

Zum Glück gelingt dem Mädchen die Flucht, wobei es schließlich von den Zwergen gerettet wird. Danach will die Truppe zwar nichts mehr mit Schneewittchen zu tun haben, aber sie findet die Höhle des Septetts und kommt ihrem Geheimnis auf die Spur: Die Zwerge versehen ihre Arbeiten mit einem Zauber, den sie Odem nennen. Es handelt sich um die Magie des Lebens, jener Energie also, die in allem wohnt; Anführer Bömbur (Peter Brownbill) fängt sie in der Natur ein. Weil er einst der Schönheit der Königin verfallen ist, kennt auch sie das Geheimnis und beauftragt ihn, ihr zu ewiger Jugend zu verhelfen. Also stellt Bömbur eine entsprechende Perücke her. Als die Königin sie aufsetzt, wird deutlich, welche Macht ihr nun gegeben ist; die entsprechende Bildbearbeitung sorgt für einen echten Gänsehauteffekt. 

Ngo The Chaus Regiedebüt ist ohnehin von einer bemerkenswerten Qualität, und das nicht allein wegen seiner exzellenten Bildgestaltung. Die Lichtsetzung lässt die Königin gern in güldenem Glanz erstrahlen und ist auch sonst vorzüglich. Für Schauwerte sorgt neben der liebevollen Ausstattung (Colin Taplin) unter anderem die Auswahl der interessanten Bildmotive. Dass der Kameramann nicht nur sein ursprüngliches Handwerk versteht, zeigen die flott geschnittenen Actionszenen, der Einsatz von Zeitlupe im stets richtigen Moment sowie die Arbeit des Sounddesigns, das im nächtlichen Wald für wohliges Gruseln sorgt. Ganz ausgezeichnet und gar nicht zeitgenössisch ist außerdem die gern auch mal rockige Musik (Michael Beckmann, Tom Stöwer). 

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Handlungsreichtum, Kurzweiligkeit und gelungene Arbeit mit Darstellern

Neben Handlungsreichtum und Kurzweiligkeit imponiert „Schneewittchen und der Zauber der Zwerge“ vor allem durch die Arbeit mit den Darstellern. Tijan Marei ist zwar längst kein Teenager mehr, aber jederzeit überzeugend als jugendlicher Wildfang wie auch als attraktive junge Frau, der Prinz Kilian umgehend verfällt. Die junge Schauspielerin war zuletzt als Filmtochter von Maria Furtwängler in „Nachts baden“ zu sehen und hat vorher unter anderem als Titeldarstellerin der witzigen Tragikomödie „Ellas Baby“ (beide ARD) nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht. Ludwig Simon wiederum, Sohn von Maria Simon und Devid Striesow, an dessen Seite er unter anderem als Sohn des Kommissars im „Tatort“ aus Saarbrücken mitgewirkt hat, ist ein schmucker Held, der ebenfalls in Erinnerung bleibt. Armin Rohde hat eine Gastrolle als Schmied, in dessen Werkstatt Schneewittchen offenbar mehr Zeit verbringt als in den königlichen Gemächern. Die heimlichen Stars des Films sind trotzdem die Zwerge, deren Darsteller offenkundig großen Spaß an ihren Rollen hatten. Im Grunde ist der Film fast zu schade, um die Wartezeit aufs Christkind zu verkürzen; mit seinem opulenten Erscheinungsbild würde er sich auch im Kino gut machen.

„Schneewittchen und der Zauber der Zwerge“, ZDF, Di., 24.12., 15.05 Uhr 

Der Film ist bereits in der Mediathek zu sehen. 

von Tilmann P. Gangloff

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