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Nach Lindner-Vorstoß: Ricarda Lang lehnt Atomenergie im Sommerinterview ab

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ZDF-Moderatorin Shakuntala Banerjee (r) spricht beim „Berlin-Direkt“ ZDF-Sommerinterview mit Ricarda Lang, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen.
ZDF-Moderatorin Shakuntala Banerjee (r) spricht beim „Berlin-Direkt“ ZDF-Sommerinterview mit Ricarda Lang, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. © Marius Becker/dpa

Beim ZDF-Sommerinterview geht es die meiste Zeit um Atomkraft. Kann eine Akw-Verlängerung die Grünen in eine Identitätskrise stürzen?

Düsseldorf – Werden die AKWs länger am Netz bleiben? Kaum eine Frage wird in den letzten Tagen intensiver diskutiert und war auch Hauptthema im ZDF-Sommerinterview. Denn Gast war die Co-Vorsitzende der Grünen, Ricarda Lang, die klare Kante bezog, sich aber eine Hintertür offenlließ.

Nicht in ihrer Heimat Baden-Württemberg und auch nicht in Berlin begrüßte Shakuntala Banerjee im ZDF die Co-Vorsitzende der Grünen, Ricarda Lang, zum Sommerinterview, sondern in Düsseldorf. Vor der bedingt malerischen Kulisse einer Rheinbrücke stellte sich Lang den Fragen und ruderte dabei vor allem gestisch, aber weniger inhaltlich.

ZDF-Sommerinterview mit Ricarda Lang: Kommt die Akw-Verlängerung?

Gut die Hälfte der kaum 20 Minuten Sendezeit ging es im ZDF dabei um eine Frage, von der man annehmen könnte, dass sie die Grünen bis auf die Grundfesten erschüttern könnte: Werden die drei verbliebenen Atomkraftwerke des Landes angesichts der durch den Ukraine-Krieg verursachten Versorgungsengpässe länger am Netz bleiben, oder nicht? Shakuntala Banerjee zitierte eine aktuelle Insa-Umfrage nach der 70 Prozent der Bevölkerung, und zwar auch eine Mehrheit der Grünen-Wähler, zumindest einen vorübergehenden Weiterbetrieb der Atomkraftwerke befürworten. Das Zauberwort, um das es am Ende vermutlich gehen wird lautet dabei „vorübergehend.“

Zwar betonte Ricarda Lang immer wieder „dass wir ein Wärme- kein Stromproblem“ haben und sich fehlendes Gas nicht durch längere Laufzeiten der Atomkraftwerke ersetzen lässt. Man dürfe „Kein Pflaster nehmen, dass nicht auf die Wunde passt“ fuhr Lang in sommerlich blumiger Politiker-Allegorie fort, aber was passiert, wenn im Winter statt mit Gas zu heißen millionenfach stromfressende Heizlüfter angeschaltet werden?

Ricarda Lang im ZDF-Sommerinterview: Vom Tempolimit keine Rede mehr

FDP-Chef und fraglos ungeliebter Grünen-Koalitionspartner Christian Lindner hat sich in den letzten Tagen wiederholt zu Wort gemeldet und einen Weiterbetrieb der Atomkraftwerke bis 2024 gefordert. Lang sagte dazu im ZDF-Sommerinterview wiederholt den Satz, mit dem sie schon am Nachmittag in den Nachrichtenagenturen zitiert wurde „Einen Wiedereinstieg in die Atomkraft wird es mit uns nicht geben.“ Zusammen mit dem erwähnten Wörtchen „vorübergehend“ darf man daraus also den Schluss ziehen, dass auch die Grünen demnächst einem vorübergehenden Weiterbetrieb der Atomkraftwerke zustimmen werden, der allerdings zeitlich streng begrenzt sein wird.

Nicht die einzige Kröte, die die Grüne Basis schlucken muss, denn wie Shakuntala Banerjee geradezu genüsslich aufzählte, haben die Grünen, um ihre 16 Jahre dauernde Durststrecke im Bund zu beenden und endlich wieder mitzuregieren in den Koalitionsverhandlungen und den Wochen danach viel, sehr viel, vielleicht auch zu viel? schlucken müssen: Vom Tempolimit ist keine Rede mehr, der Abschied von Verbrennungsmotoren wurde aufgeweicht, die Bundeswehr mit einem satten Sondervermögen von 100 Milliarden Euro ausgestattet, die Laufzeiten der Kohlekraftwerke wurden verlängert.

Ricarda Lang im ZDF: Unmut an der grünen Basis bleibt aus

Und jetzt auch noch die Atomkraftwerke? Unmut an der Basis scheint allerdings bislang auszubleiben, was man als Zeichen von gewachsenem Realismus verstehen kann, aber auch als grundsätzlicher Wandel einer Partei, die einst aus dem Protest entstand und längst in der gut versorgten bürgerlichen Mitte angekommen ist. Ob die Grünen deswegen so problemlos in allen möglichen Koalitionen regieren können, fragte Banerjee im ZDF spitzt? Lang drehte den Spieß um und meinte gerade in Bezug auf die schwarz-grüne Regierung in Nordrhein-Westfalen: „Wir können in verschiedenen Konstellationen grüne Ziele durchsetzen.“

Pragmatisch könnte man das nennen und so wollte Ricarda Lang den Kampf um urgrüne Werte wohl auch verstanden wissen. Im ZDF-Sommerinterview versuchte sie aus der Not eine Tugend zu machen, das mögliche Umfallen als Stärke darzustellen: „Ich würde mir das auch von den anderen Koalitionspartner wünschen, manchmal über den eigenen Schatten zu springen.“ Bleibt abzuwarten, welche Wähler es ihrer Partei bei den nächsten Wahlen lohnen werden: Die, deren Partei von ihren Werten abrückt, oder die, deren Partei stur auf Positionen beharrt und dabei möglicherweise die Regierungskoalition in eine Krise stürzt. (Michael Meyns)

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