TV-Kritik

„Liebesfilm“ im ZDF: Drama eines Berliner Taugenichts bricht mit Sehgewohnheiten

  • Tilmann P. Gangloff
    vonTilmann P. Gangloff
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Das romantische Drama „Liebesfilm“ im ZDF ist dem Titel zum Trotz kein „Herzkino“, sondern eine etwas sperrige Geschichte über einen Berliner Tagträumer, der die große Liebe findet.

  • „Liebesfilm" läuft am Montag um 23.50 Uhr auf ZDF*
  • TV-Drama zeigt das Leben des Berliners Lenz, der keine Verantwortung will
  • Drama bricht mit Sehgewohnheiten - unterhaltsam und voller Abwechslung

Frankfurt - Vermutlich machen sich die Beteiligten an einem Film ebenso viele Gedanken über den Titel ihres Produkts wie zum Beispiel ein Verlag bei einem Buch. Im besten Fall ist ein Titel eine Einladung, die Neugier weckt und Vorfreude schürt; aber natürlich soll er auch vermitteln, worum’s geht. Insofern ist „Liebesfilm“ schon mal eine ungewöhnliche Idee; kein Filmverleih käme auf die Idee, einen Actionfilm „Actionfilm“ zu nennen.

„Liebesfilm“ im ZDF: Der Titel weckt die falschen Erwartungen

Der Titel weckt jedoch falsche Erwartungen: Emma Rosa Simon (Buch, Regie, Kamera) und Robert Bohrer (Buch, Regie) erzählen zwar eine Liebesgeschichte, aber ein Liebesfilm ist „Liebesfilm“ trotzdem nicht, zumindest nicht nach ZDF-Maßstäben. Liebesfilme zeigt das „Zweite“ sonntags um 20.15 Uhr auf dem Sendeplatz „Herzkino“, und dort wäre diese Kinokoproduktion der Redaktion Das kleine Fernsehspiel auf fast schon groteske Weise deplatziert. Anders als die ebenfalls im Rahmen der ZDF-Reihe „Shooting Stars“ ausgestrahlte Tragikomödie „Glück ist was für Weicheier“ ist der Sendeplatz um 23.50 Uhr in diesem Fall genau richtig.

TV-Drama auf ZDF: „Liebesfilm" über einen Berliner Taugenichts

„Liebesfilm“ erzählt eine Geschichte aus dem Dasein eines Berliner Taugenichts: Lenz (Eric Klotzsch) ist Anfang dreißig und lebt unbekümmert vom Geld seines Vaters in den Tag hinein. Das ändert sich, als er die einige Jahre ältere Ira (Lana Cooper) kennenlernt. Die beiden verbringen einen Sommer voller Liebe und Leidenschaft miteinander. Als sie ihn fragt, ob er Kinder wolle, endet die Beziehung abrupt. Kinder heißt Verantwortung, Verantwortung heißt erwachsen werden; eine Vorstellung, die Lenz offenkundig zutiefst erschreckt.

Simon und Bohrer hätten ihren gemeinsamen Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) als muntere romantische Komödie mit einem ernsten Unterton gestalten können, aber vielleicht dachten sie ja, dass solche Geschichten bereits oft genug erzählt worden sind. Schon die Auswahl der Hauptdarsteller verdeutlicht, dass sie ihr Werk nicht im Mainstream sahen. Auch die Konzeption stellt sich gegen gängige Seherwartungen. Das Drehbuch ist in mehrere Kapitel mit irritierenden Überschriften unterteilt („Wer erschoss Osama bin Laden oder Der Sommer der Liebe“) und entspricht mit seiner sprunghaften Struktur exakt der Haltung der Hauptfigur: Lenz streift durch sein eigenes Leben und sammelt Augenblicke.

TV-Kritik: Begegnungen mit imaginierten Zeitgenossen - Kapitän der havarierten Costa Concordia

Weil das Drehbuch- und Regieduo die Beziehung allein anscheinend für nicht abendfüllend oder originell genug hielt, hat der Antiheld immer wieder Begegnungen mit imaginierten Zeitgenossen, die buchstäblich aus dem Nichts auftauchen. Zu den unsichtbaren Gefährten gehören unter anderem ein Mitglied (David McEnulty) jenes Navy-Seal-Trupps, der 2011 Osama bin Laden erschossen hat, und der Kapitän (Roberto Guerra) der 2012 havarierten Costa Concordia. Später liegt das Kreuzfahrtschiff mit bedenklicher Schräglage in der Spree; ein gerade angesichts des sichtbar sparsamen Filmbudgets verblüffender visueller Effekt. Mehrfach zur Sprache kommt auch das rätselhafte Verschwinden des Malaysia-Airlines-Flug 370 im Jahr 2014.

Mit ein wenig künstlerischer Freiheit legt der Film im ZDF nahe, diese Ereignisse hätten sich alle in jenem Sommer zugetragen, in dem auch die Handlung spielt. Was die Einschübe mit der eigentlichen Geschichte zu tun haben, überlassen Simon und Bohrer der Fantasie ihres Publikums. Das gilt auch für andere Erlebnisse. Lenz’ Freund und WG-Partner Kenn (Gerdy Zint) ist offenbar Psychologe oder Psychotherapeut. Hin und wieder scheint Lenz, der ja sonst nichts zu tun hat, Kenn und seine Klienten zu begleiten, unter anderem in den Zoo, wo sich eine Frau in einen Gorilla verliebt hat. Ebenfalls ein Geheimnis bleibt Iras Job. Sie ist IT-Spezialistin und reist regelmäßig ins Ausland, vor allem nach Afghanistan, weshalb sie eine schusssichere Weste im Gepäck hat; Kenn glaubt, dass sie für einen Geheimdienst arbeitet.

TV-Kritik zu „Liebesfilm“: Unterhaltsam und voller Abwechsung

Und so reiht der Film unterschiedlichste Momente aneinander: eine Autonummer in der Waschanlage, eine romantische Zeltnacht im Wald, ein Kurzbesuch bei Lenz’ Vater (Hartmut Becker), eine noch kürzere Begegnung mit seiner Mutter (Sabine Vitua). Weil der junge Mann ohnehin bloß noch bei Ira ist, hat Kenn sein Zimmer an gleich drei Touristinnen untervermietet. Sie finden Lenz süß; neben Cara (Katharina Sporrer) wacht er nach einem Abend mit Koks und Alkohol am nächsten Morgen verkatert im Kinderzimmer auf. Das passt, schließlich ist Lenz letztlich selbst noch ein Kind, und auch deshalb ist „Liebesfilm“ das falsche Genre-Etikett: In Wirklichkeit erzählen Simon und Bohrer, die beim Festival Achtung Berlin 2019 mit den Preisen für das beste Drehbuch und die beste Regie ausgezeichnet worden sind, eine „Coming of age“-Geschichte; ein bisschen seltsam und mitunter verwirrend, aber ähnlich unterhaltsam und abwechslungsreich wie Daniel Glatzels Filmmusik. (Von Tilmann P. Gangloff) *fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Netzwerks

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Rubriklistenbild: © Laura Schleicher

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