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„Demut vor dem Krieg“ bei Markus Lanz im ZDF

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Von: Marc Hairapetian

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Markus Lanz begrüßt in seiner Sendung Gäste aus Politik, Sport, Boulevard
Markus Lanz begrüßt in seiner Sendung Gäste aus Politik, Sport und Boulevard © Markus Hertrich/dpa

Markus Lanz spricht mit seinen Gästen über Waffenlieferungen an die Ukraine, das Attentat auf Darja Dugina sowie die Kommunikation im Kanzleramt.

Hamburg – „Ein Film muss mit einem Erdbeben beginnen und sich dann langsam steigern“, sagte einmal Produzent Samuel Goldwyn (17. August 1879 in Warschau - 31. Januar 1974 in Los Angeles), einer der letzten echten Hollywood-Tycoons, der den Filmstudios United Artists und Metro-Goldwyn-Mayer zu ihrem Glanz verhalf. Diese Vorgehensweise, die sich auch „Stern“-Gründer Henri Nannen (25. Dezember 1913 in Emden - 13. Oktober 1996 in Hannover) als journalistischen Leitsatz zu eigen machte, wäre auch bei einer TV-Talkshow wünschenswert. Nun, das Erdbeben bleibt am späten Dienstagabend (23. August) in der Sendung von Markus Lanz im ZDF aus. Und dies, obwohl mit Gregor Peter Schmitz der neue Vorsitzende der Chefredaktion des Stern mit von der Partie ist. Dennoch steigert sich nach zähem Beginn der Polit-Plausch vor allem im letzten Drittel gewaltig.

Vier eher wenig fernsehbekannte Gesichter sind diesmal bei Markus Lanz zu Gast: Neben Gregor Peter Schmitz, der bei der Wahl zum „Journalisten des Jahres“ als damals noch für die „Augsburger Allgemeine“ tätige Publizist in der Kategorie „Chefredakteur“ 2018 und 2019 den dritten beziehungsweise zweiten Platz erreichen konnte und 2020 sogar gewann, auch Osteuropa-Expertin Margarete Klein, die investigative Journalistin Mariam Noori und SPD-Politiker Michael Roth. Letztgenannten möchte Markus Lanz mit Fragen zum Parteigenossen und Bundeskanzler Olaf Scholz aus der Reserve locken. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags ist für markante Aussagen bekannt. Wir erinnern uns an seinen in seiner Direktheit geradezu verblüffenden Satz „Wir leben in einer Scheißwelt“, den er in seiner „Entschuldigung“ bei Twitter noch unterstrich: „An alle Eltern und Großeltern: Bedaure die Wortwahl, stimmt aber trotzdem.“

ZDF-Talk Markus Lanz: Corona, Cum-Ex-Ausschuss und der Krieg in der Ukraine

Michael Roth hält Markus Lanz’ Angriffstaktik auf fast schon Scholz‘sche Art stand: Beim Thema „keine Masken tragen“ im Regierungsflieger nach Kanada antwortet er auf die Frage „Warum darf ein Spitzenpolitiker mehr als alle anderen?“ ausweichend: Ein Regierungsflieger sei „kein Linienflugzeug“, zudem sich der Kanzler und Co. vorher einem negativen PCR-Test unterzogen hätten, was eine Corona-Ansteckungsgefahr auf ein Minimum reduzieren würde. Auch bei Scholz’ gelinde gesagt undurchsichtiger Rolle im Hamburger „Cum-Ex“-Ausschuss („Von welchen Erinnerungslücken sprechen Sie jetzt?“) hält er sich so bedeckt wie er nur kann. Das veranlasst Gregor Peter Schmitz zu der süffisanten Bemerkung: „Das passt zur Kommunikation im Kanzleramt: Irgendetwas läuft immer schief.“ 

In die rhetorische Offensive wechselt Michael Roth aber dann, als es um deutsche Waffenlieferungen an die Ukraine geht. Es sei im deutschen Interesse, dass die Ukraine gewinnt. Das bedeute, dass sie die russisch besetzten Gebiete zurückerobern könne. „Nur wenn Putin spürt, dass er den Krieg nicht gewinnen kann“, würde seine Regierung zu ernsthaften Verhandlungen bereit sein. Die Lieferung modernen Waffen beende den Krieg schneller. Über den russischen Präsidenten Wladimir Putin sagt er: „Wir müssen Selbstbewusstsein ausstrahlen. Der riecht unsere Angst. Er weiß, wie empfindlich Demokratien sind.“ All das haben wir bei Markus Lanz auch vorher schon unzählige Male gehört. Im Westen nichts Neues also.

Die Gäste bei Markus Lanz

Gregor Peter SchmitzJournalist
Margarete KleinPolitologin
Mariam NooriJournalistin
Michael RothPolitiker

ZDF-Talk Markus Lanz: Politologin Margarete Klein warnt vor „hybriden Krieg der Desinformation“

Nichtsdestotrotz stößt Politologin Margarete Klein ins gleiche Horn: Mit ihrer derzeitigen limitierten Ausrüstung könne die Ukraine zwar einen Abnutzungskampf gegen die russischen Angreifer führen, aber noch keine erfolgreiche Gegenoffensive starten. Der Osteuropa-Expertin der vor allem aus Bundesmitteln finanzierten „Stiftung Wissenschaft und Politik“ unterstreicht, dass es wichtig sei, der Ukraine eine langfristige Perspektive zu geben. Sie warnt vor dem „zweiten, hybriden Krieg der Desinformation“, den die russische Propaganda gegen die westlichen Staaten schon lange führe und künftig mit Sicherheit noch ausweiten werde.

Auch hier ist Michael Roth d’accord: „Das kann ein ziemlich heißer Herbst werden.“ Dessen Prognose ergänzt Gregor Peter Schmitz: „… wenn die Bevölkerung im Winter friert.“ Deswegen spricht sich Michael Roth für weitere Entlastungspakete aus: „Teuer wird es allemal, aber es geht um den gesellschaftlichen Frieden.“ Moderator Markus Lanz befürchtet, dass die „hart arbeitende Mittelschicht“, die zu viel verdiene, um steuerlich unter Entlastungsmaßnahmen zu fallen, sich nun auch verschulden könne. Das sieht Margarete Klein ähnlich: Die russische Propaganda ziele genau in die Mitte der Gesellschaft. Deswegen sei die Sicherung des gesellschaftlichen Zusammenhalts die anstehende „Mammut-Aufgabe für die Politik“.

ZDF-Talk Markus Lanz: Wem galt das Attentat auf Darja Dugina?

Ob der tödlich verlaufende Anschlag der russischen Kriegstreiberin Darja Dugina, Tochter des rechtsextremen Ideologen Alexander Durgin, vor einigen Tagen tatsächlich ihr gegolten habe, wagt sie zu bezweifeln. Auch wenn sie selbst zum „Morden und Töten“ aufgerufen hätte, sei es wahrscheinlich, dass „man“ doch eher ihren Vater mit seinen „neoeurasischen Fantasien“ eines russischen Reichs, das „von Wladiwostok bis nach Portugal“ reichen soll, aus dem Weg räumen wollte. Dass ukrainische Agenten hinter der Tat stecken würden, wie eine angeblich verdächtige Frau, die „unfassbar“ schnell aus Russland hätte ausreisen können, deren Bild aber „gephotoshopt“ worden wäre, wagt sie zu bezweifeln. Allerdings könne man auch nicht mit hundert prozentiger Sicherheit sagen, dass der russische Inlandsgeheimdienst FSB selbst Darja Dugina, die dem ihr gegenüber sogar noch gemäßigten Wladimir Putin vielleicht unbequem geworden wäre, getötet hätte: „Wir wissen einfach viel zu wenig darüber.“

Markus Lanz: „Können Waffen ernsthaft eine gute Antwort sein, um Frieden in ein Land zu bringen?“

Ganz anders sieht das Mariam Noori. Die 33-jährige investigative Journalistin des NDR-Formats STRG_F, die 1995 dank gekaufter Visa als Kind mit ihren Eltern (der Vater ist Afghane, die Mutter Ukrainerin) den Flieger von Kabul nach Kiew bestieg und später in Hamburg aufwuchs, empfindet eine „gewisse Demut vor dem Krieg“. „Können Waffen ernsthaft eine gute Antwort sein, um Frieden in ein Land zu bringen?“, will Markus Lanz wissen. „Ich kann mich persönlich nicht dafür aussprechen für mehr Waffen, mehr Druck“, lautet ihre Antwort. Sie sei keine Strategin der Nato, wisse aber, dass die Taliban in ihrem Heimatland Afghanistan „ein Produkt des Krieges und der amerikanischen Waffenlieferungen“ seien: „Waffen, die später gegen Amerika benutzt wurden.“ Dem pflichtet Markus Lanz, der Moderator mit der eigenen Meinung, bei: „Du schaust irgendwann in den Lauf des Gewehres, dass du gestern noch geliefert hast.“

„Genau“, findet Mariam Noori. Nach rund 40 Jahren Krieg sei nun zu sehen, wie „der Krieg gegen den Terror nicht nur zu mehr Terror geführt“, sondern sogar eine Terrororganisation, nämlich die Taliban, wieder an die Macht gebracht habe. Was sie aus einem der ärmsten Länder der Welt berichtet, stimmt einen nachdenklich. Menschen würden auf der Straße ihre Kinder oder ihre Organe zum Kauf anbieten. Das habe sie selbst erlebt, als ihr eine Bettlerin ihr eigenes sieben Monate altes weibliches Baby für 500 Dollar anbot. Trotz aller Gegensätze und der Beschneidung der Frauenrechte rät Mariam Noori dazu, eine „konstruktive Kommunikationsebene“ mit den Taliban zu finden. Wenn sie Geld vom Westen erhalten würden, seien sie bereit, Zugeständnisse zu machen. Ob das die richtige Lösung ist, darf allerdings bezweifelt werden. „Es bleibt kompliziert“, findet auch Markus Lanz. Oder um das drastische Zitat von Michael Roth, der die Taliban-Herrschaft, die Frauen steinigen und Hunde töten lässt, als „kleptokratisch-korruptes Regime“ einstuft, nochmals aufzugreifen; „Wir leben in einer Scheißwelt.“ (Marc Hairapetian)

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