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ZDF Magazin Royale: Schlechte Witze über Ungarn geklaut - Böhmermann auf dem Tiefpunkt

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Von: Lukas Rogalla

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ZDF Magazin Royale: Kurz vor der Parlamentswahl in Ungarn knöpft sich Jan Böhmermann Ministerpräsident Viktor Orbán vor.
ZDF Magazin Royale: Kurz vor der Parlamentswahl in Ungarn knöpft sich Jan Böhmermann Ministerpräsident Viktor Orbán vor. © ZDF

ZDF-Satiriker Jan Böhmermann befasst sich im Magazin Royale kurz vor der Ungarn-Wahl mit Ministerpräsident Viktor Orbán.

Dass sich die deutschen Late-Night-Shows gerne am Material ihrer nordamerikanischen Vorbilder bedienen, ist kein Geheimnis. Die US-Legende Conan O‘Brien hatte das Abkupfern der Witze und Einlagen durch seinen deutschen Kollegen Harald Schmidt einst selbst zum Thema seiner eigenen Sendung gemacht.

Ein Jan Böhmermann steht Schmidt da in nichts nach. Viel Kreativität scheinen die prominentesten Komiker im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht mitbringen zu müssen. Anders lässt es sich nicht erklären, dass der Moderator des ZDF Magazin Royale die Witze des britischen Komikers John Oliver, der seine Heimat in den USA gefunden hat und dort „Last Week Tonight“ präsentiert, eins zu eins übernimmt.

ZDF Magazin Royale: Jan Böhmermann klaut Witze seines Vorbilds

Thema der Sendung ist das von Ministerpräsident Viktor Orbán regierte Ungarn. Ein Land, über das man hier in Deutschland nur wenig wisse, meint Böhmermann. So wenig, dass zweimal das falsche Land auf der Europa-Karte eingefärbt wird und das Publikum das nicht merken soll. Bei John Oliver ist das mittlerweile zum Running Gag geworden. Wird auf das tote Pferd nur oft genug eingeschlagen, ist es irgendwann wohl auch witzig genug für Deutschland.

Den Tiefpunkt der Sendung erreicht Böhmermann recht früh, als er sich über die ungarische Sprache lustig macht. Als ob man in den Sack mit Scrabble-Buchstaben greift und nun „einfach alles hinwirft und einfach vorliest, was da steht, auch wenn die Buchstaben verkehrt herum sind“. „No disrespect“, sagt er noch relativierend dazu. Als wisse er genau, dass er es sich sonst mit einem Twitter-Mob verscherzen könnte. Es sei ja nur witzig, weil es so viele Buchstaben sind und er noch nie so viel ungarisch auf einmal gehört habe. Ein grausiger Witz ist das trotzdem.

ZDF Magazin Royale: Jan Böhmermann hat sich vorher nie ernsthaft mit Ungarn auseinandergesetzt

Damit verrät sich Böhmermann im ZDF auch gleich und gibt zu, sich nie zuvor ernsthaft mit Ungarn auseinandergesetzt zu haben, bis auf das negative Politische um Viktor Orbán natürlich. Was man in Deutschland halt so über ihn weiß. Sein größter Kritikpunkt und Einstieg in das Programm zu Orbán ist dessen Forderung, sich mit Ungarn aus dem Ukraine-Konflikt herauszuhalten. Die Entscheidung, entweder auf der Seite des Angriffskriegs von Russland und Wladimir Putin oder der Ukraine mit „Demokratie und Freiheit“ zu stehen, sei für Orbán ohnehin schwierig genug. Noch schwieriger falle die Entscheidung so kurz vor der Parlamentswahl in Ungarn am 03. April, vor der sich ein breites politisches Spektrum gegen die Regierung vereint hat. Orbán und seine Partei Fidesz, mutmaßt die Europa-Abgeordnete Katarina Barley, verfolgen nämlich einen Plan, seine Macht zu festigen – ganz nach Putins Vorbild.

Um die Stimmung im Land vor der Wahl einzufangen, hat das ZDF Magazin Royale also eine Reporterin nach Budapest geschickt. Sie findet heraus, dass Orbán dort bei einigen Leuten gar nicht so unbeliebt ist wie in der Redaktion der Sendung. Auch sei Ungarn ein recht rassistisches und homophobes Land, lässt sie sich erzählen.

ZDF Magazin Royale: Jan Böhmermann über Probleme in Ungarn

Vor einigen Jahrzehnten war Fidesz – die Partei, die Orbán Ende der 1980er-Jahre mitgegründet hatte – noch Teil einer liberalen Bewegung. Helmut Kohl hatte Orbán sogar „eine der großen Hoffnungen der europäischen Politik“ genannt. Seitdem sei er „immer weiter nach rechts abgedriftet“, erklärt Böhmermann. Migrantinnen und Migranten werden als „Bedrohung“ gesehen, ebenso wie vermeintliche LGBTQ-Ideologie, die für Kinder gefährlich sei. Dementsprechend sind bestimmte Bücher in Ungarn verboten worden.

Jan Böhmermann erkennt selbst, dass über diese Art von Politiker in den letzten Jahren doch leider schon viel zu viel berichtet wurde. Nur handelt es sich dieses Mal um den Regierungschef eines Staates, der Teil der Europäischen Union ist – und somit reichlich Fördergelder absahnt. Neben einer menschenverachtenden Gesellschaftspolitik gibt es natürlich auch die üblichen Probleme wie Vetternwirtschaft und Demokratieabbau. Ungarn scheint sich dabei bemerkenswert wenig Mühe zu geben, die tiefgreifende Korruption auch zu verstecken. Beispielsweise werden lukrative Bauverträge an enge Vertraute Orbáns vergeben und von der EU mitfinanziert.

ZDF Magazin Royale

„Die Macht des Viktor Orbán“ am Freitag, 01. April 2022, 23.00 Uhr im ZDF – Link zur Mediathek

ZDF Magazin Royale: Schock-Moment vor der Ungarn-Wahl bleibt aus

Ein ungarischer Journalist berichtet schließlich, dass die Opposition so gut wie keine Chance habe, Orbán bei der Wahl zu besiegen, da die Demokratie in Ungarn „keine hundertprozentige“ und das System mittlerweile zugunsten des Ministerpräsidenten ausgerichtet sei. Nun drohe, sagt Böhmermann, „eine Diktatur mitten in Europa“.

Falsch liegt er damit nicht. Nur scheint man sich hierzulande so sehr an solche Nachrichten aus Ungarn gewöhnt zu haben, dass der Schock-Moment in dieser Sendung ausbleibt. (Lukas Rogalla)

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