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Depressionen im Magazin Royale – CDU-Politiker rät: Eine Flasche Bier tut es auch

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Von: Lukas Rogalla

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Im ZDF Magazin Royale behandelt Jan Böhmermann „das Problem mit den Psychotherapieplätzen“.
Im ZDF Magazin Royale behandelt Jan Böhmermann „das Problem mit den Psychotherapieplätzen“. © Screenshot ZDF

Wer als Kassenpatient auf einen Therapieplatz hofft, muss lange warten. Sind die „mächtigen“ Krankenkassen Schuld? Für Jan Böhmermann ist die Sache klar.

Geh spazieren. Denk einfach positiv – oder trink ein Bier. Mit einer Depression umzugehen ist schwierig genug. Sich dumme Ratschläge anzuhören, wie man die Krankheit überwindet, verletzt einen zusätzlich. Erfreulich ist nun, dass eine prominente Sendung im ZDF sich das Thema vornimmt. Weniger erfreulich, wenn diese wirren bis gefährlichen Ratschläge von einem der wichtigsten Männer im deutschen Gesundheitswesen kommen.

Das ZDF Magazin Royale meint zu wissen, warum man als Kassenpatient so lange auf einen Therapieplatz warten muss. Dabei zieht sich Moderator Jan Böhmermann eine Flasche Bier nach der anderen rein – natürlich als Form von Therapie.

ZDF Magazin Royale mit Jan Böhmermann: Flache Gags zum Einstieg

Bevor es ans Eingemachte geht, behandelt Jan Böhmermann im Schnelldurchlauf die Aufreger der Woche. Themen wie das Dschungelcamp, Boris Palmer, der in Tübingen nicht mehr für die Grünen antreten möchte, Jörg Meuthens AfD-Austritt oder Erika Steinbachs AfD-Eintritt – ein regelrechtes Personalkarussell, genau wie im Fußball, lautet der Witz.

Es folgt ein Seitenhieb gegen den abgetauchten Bundeskanzler Olaf Scholz, dessen Macht nach nur zwei Monaten im Amt schon wackle. Böhmermann kommt auch nicht drum herum, auf den Shitstorm einzugehen, den er vergangene Woche ausgelöst hatte, wobei man erwähnen muss, dass sein Vergleich zwischen Kindern und Ratten als Überträger von Krankheitserregern von seinen Kritikern bewusst falsch verstanden worden war. Auch sei diese Sendung am Freitagabend (04.02.2022) mit „nachhaltiger Atomkraft und natürlichem russischem Erdgas“ produziert, meint Böhmermann. Irgendwie musste diese Nachricht ja Erwähnung finden.

Auf die Katholische Kirche kommt Böhmermann in seiner ZDF-Sendung ebenfalls noch zu sprechen. Ein besseres Thema für eine Satire-Show als die von Skandalen geplagte Institution kann man sich eigentlich nicht vorstellen. Doch das Thema wäre wohl zu einfach, scheint die Redaktion zu glauben. Daher geht Böhmermann nach dem kurzen, aber durchgeknallten Segment im Stil von „Bild-TV“ zum eigentlichen Hauptteil über – und damit zu einem „riesigen Tabu-Thema“.

ZDF Magazin Royale: Jan Böhmermann weist auf schwere Missstände hin

Im Schnitt müssten Bedürftige sechs Monate auf einen Therapieplatz warten. Ein krasser Missstand, der durch die Corona-Pandemie noch brenzligere Züge angenommen hat, erklärt Böhmermann. Doch worauf lässt sich dieser zurückführen? Laut Dr. Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, gebe es „zu wenige Kolleginnen und Kollegen, die im kassenärztlichen System zugelassen sind“, heißt es im eingespielten Interviewschnipsel. Böhmermann ergänzt: Kassensitze würden, falls denn einer frei wird, für „hunderttausende Euro weiterverkauft“.

Das Problem der ewig langen Wartezeit lässt sich natürlich ganz einfach lösen: und zwar mit einer Stange Geld. Selbstzahler würden für eine Stunde Therapie nämlich oft 100 Euro oder mehr hinblättern. „Das kann schnell mehrere tausend Euro kosten.“ Und wenn man auf die gesetzliche Krankenkasse angewiesen ist? Dann müsse man sich auf Drohungen gefasst machen – die dann in der Therapie selbst bewältigt werden müssten. Sachbearbeiter sollen Patienten nämlich dazu gedrängt haben, lieber „zu arbeiten“.

ZDF Magazin Royale: Jan Böhmermann macht Schuldige für lange Therapie-Wartezeiten aus

Für die prekäre Lage mitverantwortlich macht Jan Böhmermann einen gewissen Josef Hecken. Der saarländische CDU-Politiker ist Vorsitzender des „Gemeinsamen Bundesausschusses“: ein Gremium, in dem entschieden wird, welche Leistungen die gesetzlichen Krankenkassen in welcher Höhe übernehmen. Das Logo des GBA erinnere Böhmermann übrigens an 24 Kroketten, wie er zu einem Zeitpunkt anmerkt. Zwar sitzen im GBA auch Patienten und Therapeuten, allerdings seien die Krankenkassen mit Abstand am mächtigsten. „Sie können mehr oder weniger selber entscheiden, was sie bezahlen wollen und was nicht“, so Böhmermann, der das Ganze für „undemokratisch“ hält. Selbst das Bundesverfassungsgericht habe 2015 Zweifel gezeigt, „ob das legitimiert“ sei.

Hecken wird mit einem Satz aus einem Spiegel-Bericht von 2013 zitiert. Demnach soll er gesagt haben, dass nicht jeder einen Therapeuten benötige, eine Flasche Bier tue es manchmal auch. Er habe diese Aussage auch nicht dementiert, sondern als „unglücklich, weil missverständlich“ bezeichnet, heißt es.

Das erklärt auch, wieso der Moderator des ZDF Magazin Royale ununterbrochen am Trinken ist. Jan Böhmermann ist wohl einer der Glücklichen, die eine Psychotherapie nicht dringend notwendig haben. Ein kräftiger Schluck tut es anstelle eines Therapeuten mit mehrjähriger Qualifikation auch. Ein Glücksfall für Deutschland, dass Alkohol selbst nicht für gesundheitliche Probleme sorgen kann.

ZDF Magazin Royale: Böhmermann spottet über Jens Spahn

Wieso die Politik nicht eingreift und etwas gegen die langen Wartezeiten für Therapieplätze unternimmt, werden sich viele Leute nun fragen. Zwar habe die Ampel-Koalition groß angekündigt, etwas zu unternehmen, doch die Bundesregierung selbst könne nur „Rahmenbedingungen“ schaffen. Und wie sah das in den Jahren vor der Ampel aus? Von 2018 bis Ende 2021 war Jens Spahn (CDU) Bundesminister für Gesundheit. Er hatte vorgeschlagen, dass Ärzte bei psychischen Probleme eines Patienten auch Apps verschreiben dürfen. Und ein Jens Spahn wisse natürlich, dass das Wirkung zeigt. Aufgeregt grinsend holt Jan Böhmermann ein Buch hervor: „App vom Arzt: Bessere Gesundheit durch digitale Medizin“. Co-Autor des Werks ist natürlich Jens Spahn.

ZDF Magazin Royale: Das Problem mit den Psychotherapieplätzen

Freitag, 04. Februar, 23.15 Uhr im ZDF, Link zur Mediathek

Böhmermann ist anzumerken, dass er sein Glück kaum Fassen kann, auf dieses Buch gestoßen zu sein. Er zitiert spöttisch: „Dank der ausgefeilten Technik aus der Videospielewelt wirkt alles so, als ob der Patient einen menschlichen Psychotherapeuten per Videokonferenz konsultiert. Eine elegante Methode, die den Mangel an Psychotherapeuten ausgleichen wird.“ Dass Apps, von denen bereits zahlreiche existieren, nicht einfach so ein verheerendes Problem in unserem Gesundheitssystem beiseiteschaffen können, dürfte eigentlich auch ein Jens Spahn wissen.

Im Vergleich mit einer herkömmlichen Psychotherapie ist der Zugang zu einer solchen App aus Sicht der Krankenkassen nämlich extrem günstig. Dabei hätten richtige Therapien auch einen großen volkswirtschaftlichen Nutzen, wie ein Bericht der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung von Mai 2021 zeigt (Seite 60). Zudem habe der ehemalige Minister seine Unwissenheit offenbart. Denn einen Mangel an Psychotherapeuten gebe es nicht, sondern einen Mangel an Kassensitzen. Oder Jens Spahn ist gerade deshalb an den Posten des Gesundheitsministers gekommen, mutmaßt Böhmermann.

ZDF Magazin Royale: Wichtiges Thema und unnötige Witze

Ein Fazit zum Ende der Show: Mehr Emotion hätte ihr gut getan. Schade, denn das Thema der Sendung ist wie so oft beim ZDF Magazin Royale gut gewählt, trifft einen Nerv und hätte mehr Sendezeit verdient gehabt. Anstelle einiger Dschungelcamp- und Kroketten-Gags hätte Jan Böhmermann die Lage von Betroffenen der Krise schildern können. Denn anhand der oftmals sinnfreien Ratschläge, die psychisch Kranke im echten Leben erdulden müssen, lässt sich erkennen, dass viele Personen nicht genug über die Erkrankungen wissen.

Psychische Krankheiten sind unsichtbar, und können entsprechend „einfacher“ ignoriert werden. Mit dem Vergleich, dass man bei einem Knochenbruch nicht Monate auf eine Behandlung wartet, bei einer psychischen Krankheit aber schon, trifft Böhmermann ins Schwarze. Denn eine Depression ist gesundheitlich mindestens genauso verheerend – und kann tödlich enden. Die Sendung zeigt uns in jedem Fall, dass die Gesundheit der Menschen stets Priorität haben sollte. (Lukas Rogalla)

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