Nina Petersen (Katharina Wackernagel) und Thomas Jung (Johannes Zirner) im ZDF-Krimi „Stralsund:Blutlinien“.
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Nina Petersen (Katharina Wackernagel) und Thomas Jung (Johannes Zirner) im ZDF-Krimi „Stralsund:Blutlinien“.

ZDF-Krimi

TV-Kritik: „Stralsund: Blutlinien“ - Die Schuld der Väter, das Schicksal der Kinder

Im ZDF-Krimi „Stralsund: Blutlinien“ erhält Kommissarin Petersen Hinweise auf das rätselhafte Verschwinden einer Freundin und muss sich neuen Verbrechen stellen.

  • Das ZDF strahlt am Samstag einen neuen Krimi der Stralsund-Reihe aus
  • Der Fall in „Stralsund: Blutlinien“ führt Kommissarin Nina Petersen in die eigene Vergangenheit
  • Die TV-Kritik für Samstagabend

Die Stralsunder Kommissarin Nina Petersen (Katharina Wackernagel) bleibt die Schmerzensfrau des deutschen Fernsehkrimis. Vieles schon hat sie durchleiden und verkraften müssen. Kolleginnen und Kollegen fanden den Tod, sie handelte sich Disziplinarverfahren ein, musste sich mit der bissigen Vorgesetzten Caroline Seibert (Therese Hämer) herumschlagen. Die hat die Dienststelle nunmehr verlassen, aber die Neubesetzung des Postens macht die Sache auch nicht leichter: Es ist Petersens Liaison, der frühere SEK-Ermittler Thomas Jung (Johannes Zirner). Er wird sich im Weiteren immer wieder Sorgen machen um Petersen. Das ist lieb gemeint, aber hinderlich.

Ein verhängnisvoller Strandausflug - ZDF-Krimi „Stralsund:Blutlinien“

Als Petersen an einen Einsatzort gerufen wird, bleibt sie noch einige Augenblicke im Wagen sitzen. Sie ahnt, was auf sie zukommt. Im Betonboden einer alten Garage wurde die Leiche einer jungen Frau entdeckt. So gut erhalten, dass Petersen keine Mühe hat, sie zu identifizieren: Klara Grist (Rosmarie Röse), seit vierundzwanzig Jahren, damals war sie siebzehn, verschwunden und eine frühere Schulfreundin Petersens. Auch mit Grists damaligem Umfeld war Petersen mehr oder minder bekannt. Mit der verbitterten Mutter (Heide Simon), mit Grists bester Freundin Maren Brandt (als Teenager gespielt von Amelie Hennig, im Erwachsenenalter von Franziska Hartmann) und deren Bruder Henrik (Alexander Wertmann, später Barnaby Metschurat). Grist ungeklärter Verbleib war einer der Gründe für Petersens Berufswahl. Klara, Maren und Henrik bildeten eine verschworene, auch erotisch verbandelte Clique. Am Tage von Klaras Verschwinden waren sie an den Strand der Lagune Achterwasser gefahren. Henrik und Klara hatten sich zum Liebesspiel zurückgezogen. Was danach geschah, blieb all die Jahre ungeklärt.

Jugend ohne Ausweg im neuen ZDF-Krimi am Samstag

Henrik stand unter Verdacht, Klara etwas angetan zu haben. Doch es gab keine Beweise und eben auch keine Leiche. Eine große Suchaktion blieb erfolglos. Das permanente Misstrauen seiner Umgebung, die heimlichen Unterstellungen, der Einfluss des kriminellen Vaters (Axel Siefer) brachten den erwachsenen Henrik Brandt auf die schiefe Bahn. Als Knabe wollte er nie wie sein Vater werden – und geriet doch in dessen Spur. Er wird ausgerechnet an dem Tag aus der Haft entlassen, als Grists Leiche entdeckt wird. Auf jenem Anwesen, das Maren Brandt von ihrem Vater geerbt hat, das sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten und ihrem Sohn renovieren will. Der Vater lebt in einem Pflegeheim und gleitet immer mehr in die Demenz. Aus seiner Warte ganz nützlich, weil auch er zum Leichenfund befragt werden soll.

Empathie für den Teufel

An dieser Stelle gelingt dem Drehbuchautor Olaf Kraemer ein Kleinod von einer Szene: Petersens Kollege Karl Hidde (Alexander Held) hat die Vernehmung übernommen, fällt nicht mit der Tür ins Haus, sondern liest dem ehemaligen Matrosen Carlos Brandt aus einer Seemannsgeschichte vor, um dessen Gedächtnis zu aktivieren. Später, er hätte längst Feierabend, bleibt er an der Seite des – nur scheinbar? – verwirrten alten Mannes. Hidde ist es auch, der eine Reihe von Morden in der ehemaligen DDR entdeckt, deren Tatmerkmale mit dem Fall Grist übereinstimmen. Eine zufällige Koinzidenz, oder muss ein neuer Ermittlungsansatz gefunden werden? Ein zentraler Part der Geschichte ist die unselige Verstrickung der Geschwister Brandt. Maren Brandt hatte gerade mit einem neuen Partner in ein bürgerliches Leben gefunden, als die Vergangenheit sie und auch ihren Sohn einholt. Das Schicksal lässt sie nicht aus seinen Fängen.

ZDF-Krimi am Samstag: Das dunklere Spektrum menschlicher Emotionen

Autor Kraemer und Regisseur Lars Henning sorgen mit kleinen Auslassungen und Zeitsprüngen subtil für Spannung, stellen Ermittler und das Publikum vor nachvollziehbare Rätsel. Franziska Hartmann, von Regisseur Henning auch in dem kommenden NDR-„Tatort“ mit dem Titel „Tödliche Flut“ besetzt, liefert eine schauspielerische Glanzleistung als zwischen Familiengründung und Bruderliebe schier zerrissene Maren Brandt. Gleichwertig begleitet von Barnaby Metschurat in der Rolle des Henrik Brandt. Er verleiht dem gebeutelten Ex-Häftling eine verblüffend genaue Körpersprache, bis hin zum unsicheren schwankenden Gang eines Menschen, der lange Zeit zur Unbeweglichkeit verdammt war. Nicht zu vergessen der Schauspieler und Theaterregisseur Axel Siefer, vielen noch in Erinnerung als widerborstige Vaterfigur in der Serie „Danni Lowinski“ (kostenlos online bei sat1gold.de, linear samstags bei Sat.1 Gold), hier als der unzugängliche ehemalige Berufsverbrecher Carlos Brandt. Hauptdarstellerin Katharina Wackernagel bekommt erneut das dunklere Spektrum menschlicher Emotionen auferlegt. Das macht sie bestens, es passt zur Geschichte. Aber über kurz oder lang würde man Kommissarin Petersen gern auch einmal lachen sehen. Es muss ja nicht gleich in exzessive Blödeleien à la „Wilsberg“ ausarten.

Stralsund: Blutlinien“, Samstag, 9.5.2020. 20:15 Uhr, ZDF

Von Harald Keller

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