Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Jan Böhmermann Freizeit Magazin Royale
+
Jan Böhmermann präsentiert: Das Freizeit Magazin Royale.

TV-Kritik

Jan Böhmermann im ZDF Magazin Royale: Reißerische Headlines und langweilige Tatsachen

  • VonMirko Schmid
    schließen

Jan Böhmermann macht Klatschpresse! Frösche bellen nach zwei Bier! Und: Skandal – das ZDF Magazin Royale ist gar keine Satire, sondern Investigativjournalismus! Die TV-Kritik.

Jan Böhmermann verspricht es „gelb auf blau“: „Heute verwandle ich diese erbärmliche Sendung am Freitagabend im ZDF in einen internationalen Medienkonzern. Wir werden heute richtig groß.“ Das ist mal eine Ansage, zumal die Zuschreibung „erbärmlich“ im Kontext seines ZDF Magazin Royale aus dem Mund des höchstwahrscheinlich nicht mit einem Selbstwertkomplex ringenden Satirikers dann doch ein klitzekleines bisschen nach Koketterie klingt.

Woche für Woche, so mag man es sich mit ein wenig Schadenfreude vorstellen, zittern sie davor, dass Jan Böhmermann nach den zumeist eher so lalalen Minuten des Warmups ihren Namen nennt: Ob nun Frontex, deutsche Innenminister, Influencende oder sächsische Nazis – so wirklich gut kommen sie zumeist nicht davon. Auch oder gerade weil „Böhmi“ sich längst einen Spaß daraus macht, Investigativjournalismus mit säurehaltigem Spott zu kombinieren.

Jan Böhmermann beleuchtet im ZDF Magazin die Welt der Klatschpresse

Gut, manchmal streut uns Jan Böhmermann dann bei aller Kunstfreiheit ein wenig Sand in die Augen, ruft die Chronistenpflicht. Aber an diesem Abend, das sei vorweggenommen, klatscht es scheppernd. Denn, und damit sei der rote Faden seitens des Herrn B. aus B. ausgerollt: „Recherche ist so wichtig.“ Den Bogen (also die rhetorische Figur und nicht das Sportgerät, das Pfeile schießen kann) ausgerechnet von dieser journalistischen Grundregel zum Regenbogenjournalimus zu schlagen – das muss (selbst Böhmer)man(n) erst einmal schaffen.

Zeit, der Vereinbarkeit von journalistischen Grundregeln, sauberer Recherche und Sensationspresse (Jan Böhmermann: „Diese Klatschblätter haben letztes Jahr mehr Zeit beim Friseur verbracht als wir alle zusammen“) auf den Grund zu gehen. Oder besser der Frage: „Diese ganzen unglaublichen, exklusiven Storys, diese Schocknachrichten, diese Geheimnisse, diese Recherchen – woher wissen die das eigentlich alles?“

Jan Böhmermann im ZDF mit „Deep Dive in die Medienwelt des letzten Jahrhunderts“

Lieber Jan Böhmermann: Warum so skeptisch? Philip Welte, Vorstand Medienmarken National der Hubert Burda Medien, sagt doch schließlich im Einspieler: „Wir garantieren tatsächlich den Wahrheitsgehalt dessen, was wir transportieren. Also: Das ist eine garantierte Qualität der Information.“ Und doch hakt „Böhmi“ nach: „Warum betont der so auffällig, dass seine Zeitungen garantiert die Wahrheit sagen?“ Und stellt eine gewagte Frage in den Raum: „Diese ganzen, vielen unterschiedlichen bunten Hefte am Kiosk, die aber alle irgendwie gleich aussehen – ist mit denen vielleicht irgendwas faul?“

Und so startet Jan Böhmermann seinen „Deep Dive in die Medienwelt des letzten Jahrhunderts.“ Das Urteil spricht der Satiriker schon vor dem eigentlichen Beginn seines amüsanten Schauprozesses: „Wir reden heute über das Geschäft mit den Klatschzeitschriften. Über Presse, die lügt.“ Ja, Presse, die lügt. „Lügenpresse“ will Böhmermann den bunten Journalismus hingegen nicht nennen, denn dieser Begriff sei schließlich vorbelastet durch, Zitat, „diesen Faschisten“ (Einblendung Björn Höcke), „der sich diesen Begriff von diesem Faschisten“ (Einblendung Goebbels) „abgeguckt hat“.

Jan Böhmermann: „Schamloser, schmutziger Stiefbruder des seriösen Qualitätsjournalismus“

Stattdessen nennt Jan Böhmermann den, O-Ton, „schamlosen, schmutzigen Stiefbruder des seriösen Qualitätsjournalismus“ lieber „Quantitätsjournalismus“. Eine Begrifflichkeit, die sich gerne in den uns allen gemeinen Sprachschatz gesellen darf. Schließlich, so Böhmermann, gingen die Medienschaffenden gewisser Verlage für Auflage und Umsatz über „Leichen – oder wenigstens über Komapatienten – natürlich immer mit Wahrheitsgarantie.“

Jan Böhmermann reicht sein ZDF Magazin Royale nicht mehr: Der Satiriker macht jetzt auch Klatschpresse.

Jan Böhmermann sieht es mit der „Wahrheitsgarantie“ ein wenig anders: „Reißerische Headlines zu komplett langweiligen Tatsachen, ein Fitzelchen Wahrheit, so sehr zur größtmöglichen Skandalschlagzeile aufgeblasen, dass es gerade so noch eben juristisch erlaubt ist.“ Das, so der Satiriker, sei „der Kern des Geschäftsmodells“. Aber lieber Herr Böhmermann, ist das nicht ein wenig hart? Nicht? Haben Sie dafür denn Belege? Hat er.

Schlagzeile Titelseite „Das Neue“: „Prinz William – Schock zum 38. Geburtstag! Wird er seine Lieben nie wieder sehen?“ Text im Heft: „Prinz William trägt manchmal eine Brille.“ Schlagzeile Titelseite „Freizeit Spass“: „Helene Fischer – Aus der Traum. Die bittere Wahrheit über ihren Freund Thomas.“ Text im Heft: „Er wollte eigentlich Kunstturner werden, aber mit 1,90 Meter war er zu groß.“ So ganz hart wirkt das Urteil des Jan Böhmermann an dieser Stelle dann doch nicht mehr.

Jan Böhmermann im ZDF über Klatschpresse: „Lügen und Falschbehauptungen einkalkuliert“

Könnte das nicht alles einfach ein wenig schrullig sein? Schon irgendwo so eine Art analoger Clickbait, aber ungefährlich? Oder wie Böhmermann es sagt: „Man könnte jetzt doch einfach sagen, das glaubt eh keiner. Und vor allem: Das kauft eh keiner. Das sind doch bloß Spaßblättchen, die man seiner Oma nach einem Oberschenkelhalsbruch in die Geriatrie mitbringt.“ Kaufen aber doch Leute. Böhmermann nennt die Zahl von allein einer halben Million verkaufter Heftchen der „Freizeit Revue“ – wöchentlich. Insgesamt läge die Zahl verkaufter deutscher Klatschmagazine über drei Millionen Exemplaren die Woche.

„ZDF Magazin Royale“ mit Jan Böhmermann

„Die Lügen der Klatschpresse“, ZDF, von Freitag, 16. April, ab 23 Uhr. Im Netz: ZDF Mediathek.

Mats Schönauer von „Übermedien.de“ findet das dann doch auch mitunter bedenklich. Die „Macht“ der Klatschmagazine hält er für unterschätzt. Der „Print-Charakter dieser Hefte“ strahle weiterhin eine große Autorität aus. Viele Leute glaubten, so Schönauer: „Wenn es in der Zeitung steht, dann kann das gar nicht falsch sein.“ Interessante Denkweise. Wussten Sie, dass Frösche nach zwei Bier bellen? Beweisen Sie mir das Gegenteil!

Ganz possierlich sind auch die Namen der vielen Magazine. Böhmermann nennt alleine so viele Titel aus dem „Bauer-Verlag“ (Auswahl: „Das Neue“, „Das Neue Blatt“, „Neue Post“, „Prima Freizeit“, „Freizeit Woche“, „Woche Heute“, „Schöne Woche“), dass sich das Bild zweier Würfel geradezu aufdrängt, die zur Entstehung dieser Titel entscheidend beitragen. Weniger witzig ist die Tatsache, dass einige Verlage laut Jan Böhmermann juristischen Ärger aufgrund von Lügen und Falschbehauptungen schlicht einkalkulieren würden. Umformuliert lautet sein Vorwurf: Lügen lohnt sich.

ZDF Magazin Royale: Jan Böhmermann und die verlorene journalistische Ehre

Seit 2005 seien so beispielsweise sechs Interviews mit der Hollywood-Schauspielerin Sandra Bullock in der „Freizeit Woche“ erschienen. Nur, so Böhmermann: „Die Sache hat aber einen klitzekleinen Haken: Sandra Bullock hat nie mit der ‚Freizeit Woche‘ gesprochen.“ Die österreichische Zeitung „Der Standard“ berichtete in diesem Kontext im September 2018 von einer Strafzahlung von 50.000 Euro der „Freizeit Woche“ an ebenjene Frau Bullock. „Übermedien.de“ kennt eine mögliche Ursache: Die Freie Mitarbeiterin, die das „Interview“, nun ja, „geführt“ habe, habe eben jenes „von einem englischen Kollegen übernommen“. Okay. Und weiter? „Sie könne jedoch weder sagen, welcher Kollege das war, noch wann oder wo das Interview stattgefunden haben soll.“

SendungZDF Magazin Royale
Hashtag der Woche#Freizeitmagazin
ModeratorJan Böhmermann
SenderZDF
Ausgabe16.04.2021

Auch sonst habe diese Freie Mitarbeiterin keinerlei Belege vorgelegt. Warum nicht? Jan Böhmermann spielt es ein: „Die Mitarbeiterin sei gerade umgezogen und habe ihre Kisten noch nicht ausgepackt. Deshalb habe sie die Unterlagen nicht gefunden.“ Jan Böhmermann: „Wer kennt es nicht? Ständig verliert man etwas. Schlüssel, seine Erinnerung, seine journalistische Ehre, oder eben alle Beweise für sechs Interviews mit einer Oscar-Preisträgerin.“ So geht Journalismus. Nicht.

Verkündung im ZDF Magazin Royale: Jan Böhmermann bringt Klatschmagazin an Kiosk

Konsequenterweise bringt Jan Böhmermann jetzt sein eigenes Klatschblatt heraus. „Kein Witz“ und „Erstauflage 500.000 Stück“. Jetzt am Kiosk: Das „Freizeit Magazin Royale“. „Böhmi“ verspricht: „Hier drin stehen keine Geschichten über Prinz Harry oder Helene Fischer oder Michael Schumacher. Sondern ausschließlich Qualitätstragödien, Schocknachrichten und Horrordiagnosen über die Macherinnen und Macher von Bauer, Burda, Funke, Klambt oder Alles Gute. Endlich mal richtig geile Storys lesen über Leute, die am liebsten im Verborgenen bleiben würden.“

Wie gut, dass ich meinen Keller seit Monaten nicht betreten habe und absolut nicht weiß, wo sich der Schlüssel zu meinen häuslichen Katakomben befindet. Sonst käme ich noch in die Situation, Ihnen aus einem meiner für quasi-ewig versiegelten Umzugskartons einen Beleg herauskramen zu müssen. Und zwar dafür, dass mir Frösche in einem Exklusiv-Interview bestätigt haben, dass sie nach dem vierten Bier sogar das Alphabet bellen können. Rückwärts. Auf Walisch. Glauben Sie mir etwa nicht? (Mirko Schmid)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare