Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Eine Szene aus „Ein Tag im August - Mauerbau `61“: Viele Menschen versammeln sich aufgeregt am vorläufigen Grenzzaun. Sie sprechen mit Angehörigen und Freunden auf der anderen Seite. Unter ihnen die junge Mutter Ingrid Taegner (Sandija Dovgāne) und ihr Vater. Sie auf der Ost-, er auf Westseite.
+
Eine Szene aus „Ein Tag im August - Mauerbau `61“: Viele Menschen versammeln sich aufgeregt am vorläufigen Grenzzaun. Sie sprechen mit Angehörigen und Freunden auf der anderen Seite. Unter ihnen die junge Mutter Ingrid Taegner (Sandija Dovgāne) und ihr Vater. Sie auf der Ost-, er auf Westseite.

TV-Kritik

„Ein Tag im August – Mauerbau `61“ (ZDF): Dokumentarismus ohne Gewähr

  • Harald Keller
    VonHarald Keller
    schließen

Das ZDF erinnert mit einer Mischung aus Zeitzeugenaussagen und szenischen Dokumentationen an die Trennung Berlins vor 60 Jahren.

Berlin - Am 12. August vor 60 Jahren begannen die handfesten Vorbereitungen der DDR-Regierung zur Abriegelung Ost-Berlins von den drei westlichen Sektoren. In der Nacht zum 13. August wurde das haarklein geplante Manöver vollzogen. Zunächst versperrten Barrieren und Stacheldraht die Wege. Nach und nach entstanden robuste Mauern und Todesstreifen. Der Wechsel von hüben nach drüben war nicht mehr möglich, Versorgungs- und Verkehrslinien wurden unterbrochen oder einer strengen Grenzbewachung unterstellt. Ein Ereignis für die Geschichtsbücher, ein Jahrestag, der eine angemessene programmliche Würdigung erfordert.

Der ARD-Verbund entschied sich für einen fiktionalen Spielfilm mit Thriller-Einschlag. Eine Form, die die Gefahr birgt, dass das Gezeigte nicht oder nur bedingt als exemplarische Erzählung, sondern eher als Kostümdrama wahrgenommen wird.

„Ein Tag im August – Mauerbau `61“ im ZDF: Geschichte aus mehreren Blickwinkeln

Die ZDF-Produktion „Ein Tag im August – Mauerbau ’61“ erscheint im Vergleich weniger spektakulär, aber hier sind die Geschichten verbürgt. Florian Huber und Sigrun Laste, gemeinsam für Buch und Regie verantwortlich, haben nach Zeitzeugen mit charakteristischen Biografien Ausschau gehalten und sich dabei löblicherweise nicht auf einen Blickwinkel beschränkt.

Das prominenteste Gesicht gehört zweifellos Hans Modrow. Er war der letzte Regierungschef der DDR, später PDS-Abgeordneter im Bundestag und im Europaparlament. Seit 1957 gehörte er der Volkskammer der DDR an. Im Film berichtet er, dass er als Diplom-Volkswirt eine Stellung im wirtschaftlichen Bereich angestrebt hatte, als er zu seiner Überraschung am späten Abend von einem Fahrer abgeholt und in das Präsidium der Volkspolizei gebracht wurde. Von der „Aktion Rose“, den geheimen Vorbereitungen der Grenzschließung, will der damals 33-Jährige, wenngleich zu dieser Zeit als 1. Sekretär der FDJ-Bezirksleitung Berlin und Sekretär des Zentralrats der FDJ ein Funktionär höheren Ranges, bis dahin nichts gewusst haben.

„Ein Tag im August – Mauerbau `61“ (ZDF): Berichte von Zeitzeugen

Die Autoren lassen diese Aussagen unhinterfragt stehen, für sich selbst sprechen. Desgleichen die Berichte der übrigen Zeitzeugen. Alle waren in jugendlichem Alter, als sich die dramatischen Ereignisse ankündigten. Im DDR-Fernsehen, im Film durch Archivmaterial dokumentiert, wurden die West-Gänger, die in der DDR wohnten, aber im Westen arbeiteten und West-Mark verdienten, regelrecht an den Pranger gestellt und im Alltag benachteiligt. Andere gingen im Westen einkaufen oder ins Kino. Ein interessantes kulturgeschichtliches Detail: In Westberlin nahe der Sektorengrenze zum Osten florierten die Filmtheater. Hier konnte mit Ost-Mark bezahlt werden, der Berliner Senat entschädigte die Kinobetreiber.

Rolle der jungen Zeitzeug:innenDarsteller:in
Wolfgang GüttlerPaul Iklāvs
Manfred MigdalKlāvs Kristaps Košins
Hans ModrowEduards Johansons
Ingrid TaednerSandija Dovgāne

Auch Interesse an westlicher Kultur konnte Schikanen nach sich ziehen. Manfred Migdal war ein zeittypischer Halbstarker mit Vorliebe für Comics, Jazz und Hollywood-Kino. Eine Denunziation brachte ihn in ein Heim für Schwererziehbare. Nach einem missglückten Versuch gelingt es ihm, nach West-Berlin zu fliehen. Er erhält einen Pass der Bundesrepublik und fühlt sich damit so sicher, dass er regelmäßig in den Osten zu seiner Mutter und zu seinen Freunden fährt. Unglückseligerweise auch am 12. August.

„Ein Tag im August – Mauerbau `61“ (ZDF): Kleine Makel, künstliche Farbtupfer

„Ein Tag im August – Mauerbau 61“ versammelt eine Anzahl solcher Geschichten. Erzählt von den Zeitzeugen selbst, szenisch mit Schauspielern umgesetzt und mit Gespür für ein passendes Zeitkolorit in Lettland gedreht. Die Dialoge wurden nachsynchronisiert, leider nicht immer lippengetreu. Dokumentarmaterial, vieles davon schon oft verwertet, aus Wochenschau-, TV- und Fotoarchiven rundet die historische Darstellung ab. Hier ist zu monieren, dass einige ursprünglich monochrome Aufnahmen für die Fernsehbearbeitung koloriert wurden. Ein fragwürdiges Verfahren, vor allem dann, wenn der Eingriff für das Publikum nicht kenntlich wird.

Nachbearbeitet wurden unter anderem Bilder von Manfred Roseneit, der am 23. August 1961 beim Blick durch den Stacheldraht von westlicher Seite aus von Kameramann Georg Paul Pahl gefilmt wurde und dem später die Flucht gelang. Ein Standbild des symbolträchtigen Moments fand große Verbreitung und ist auch im Web zu finden. In schwarzweiß.

Nicht allzu genau hinschauen sollte man bei den Requisiten. Die Darstellerin der Zeitzeugin Ingrid Taegner (Sandija Dovgāne) – Taegner, im begleitenden Pressematerial fälschlich „Taedner“ geschrieben, hatte heimlich den Bau der Grenzanlagen abgelichtet – fotografiert mit einer Praktica Super TL. Ein kleines Versehen: Das Modell wurde erst ab 1965 gebaut.

„Ein Tag im August – Mauerbau `61“ (ZDF): Dokumentarismus ohne Gewähr

Ein anderer Aspekt verdient mehr Aufmerksamkeit. An den Anfang stellt das Autorenduo Walter Ulbrichts mannigfach zitierte Aussage „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ und fügt, eine in dieser Form oft zu beobachtende Praxis, vier Sekunden später Bilder von eben diesem Mauerbau ein. Womit Ulbricht aus Betrachterwarte automatisch als Lügner wahrgenommen wird.

Ein Tag im August – Mauerbau `61

Dienstag, 10.8.2021, 20.15 Uhr, ZDF; seit Sonntag, 8.8.2021, 20.15 Uhr, in der ZDF-Mediathek.

Allerdings stammt der genannte Satz vom 15. Juni 1961; er fiel in Beantwortung einer Frage der Journalistin Annamarie Doherr von der westdeutschen „Frankfurter Rundschau“. Zwar hegte Ulbricht zu diesem Zeitpunkt sicherlich den Wunsch, die Grenzen abzusperren, beschlossen worden aber war die Aktion, die unter anderem der Zustimmung der Sowjets bedurfte, noch nicht.

Eine Ambivalenz, die in der beschriebenen Montage verlorengeht und streng genommen einen zumindest missverständlichen Eindruck entstehen lässt. Womit einmal mehr gesagt ist: Dokumentarische Filmproduktionen gewährleisten nicht per se verlässliche Inhalte. (Harald Keller)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare