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ZDF-Doku „Weniger Work, mehr Life - Geht das?“: Einfache Lösungen gibt es nicht

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Von: Harald Keller

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„ZDFzoom: Grauzone: Weniger Work, mehr Life - Geht das?“: Die Hosts Tarkan Bagci und Sissy Metzschke stehen nebeneinander in einem abgedunkelten Raum und lächeln in die Kamera.
Die „Grauzone“-Hosts Tarkan Bagci und Sissy Metzschke gehen der Frage nach, wie viel Work-Life-Balance wir uns angesichts des großen Personalmangels leisten können. © ZDF/Banijay

Eine ZDF-Reportage widmet sich der Frage, wie Arbeitnehmerwünsche und Bedürfnisse des Arbeitsmarktes in Einklang gebracht werden können.

Frankfurt - Gelegentlich hört man das Wort „Hippie“ als Schimpfwort. Dabei sind die Werte und Verhaltensweisen dieser ursprünglich räumlich auf San Francisco, auch zeitlich eng begrenzten Subkultur heute weit verbreitet: Respekt vor der Natur, Wohnmobil-Odysseen, ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Erwerbsarbeit und Freizeit. Oder, um noch weiter
zurückzugehen, die Ablehnung einer Erwerbsarbeit, bei der sich das Individuum „nicht wohl, sondern unglücklich fühlt, keine freie physische und geistige Energie entwickelt (…).“

Karl Marx wusste schon 1844 davon, und im Jahr 2022 sucht die Generation Z, meint: die nach 2000 Geborenen, nach Lösungen. Jonas Manke zum Beispiel. Der studierte Architekt ist mit Freunden über den Atlantik gesegelt und arbeitet derzeit vorübergehend als freier Fotograf, nur um baldmöglichst wieder in See zu stechen. Ein finanzielles Vermögen ist zweitrangig für ihn. „Mir ist die Freiheit wichtiger (…)“, sagt er.

ZDF-Doku „Weniger Work, mehr Life - Geht das?“: Deutschland – ein Freizeitpark?

Manke ist eine der befragten Personen in der ZDF-Reportage mit dem aberwitzig langen Titel „ZDFzoom: Grauzone-Dokumentation – Weniger Work, mehr Life. Geht das?“ (Produktion: Banijay Productions). Die Fragestellung wird von den Autoren Marcus Bark, Melissa Holland-Moritz und Marc Schlömer nicht nur, wie bei Jonas Manke, auf der persönlichen, sondern sehr breit auf der gesellschaftlichen Ebene diskutiert. Umfragen zufolge legen 53 Prozent aus der Generation Z Wert auf ein hohes Maß an Freizeit.

Gegenübergestellt wird die Situation auf dem Arbeitsmarkt. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks spricht von circa 250.000 offenen Stellen. Auch Ausbildungsstellen bleiben unbesetzt. Mit der weithin spürbaren Folge, dass Bauvorhaben, eingeschlossen Mietwohnungen, nicht der Nachfrage entsprechend fertiggestellt werden können. Da nutzen die besten politischen Vorhaben nichts.

An Prekarität kaum noch zu überbieten, ist die Situation im Pflegebereich. Auch die wird filmisch exemplifiziert. Nicht nur fehlt es an Nachwuchs, erfahrenes Personal springt ab, weil die Arbeitsbedingungen unzumutbar geworden sind.

ZDF-Doku „Weniger Work, mehr Life - Geht das?“: Arbeitswillige stehen bereit

In Deutschland gibt es ein Reservoir an Arbeitskräften. Afghanistan-Flüchtlinge zum Beispiel, die gerne ihre Berufe wieder aufnehmen würden. Bürokratische Hürden vereiteln dies. Absurderweise wird gleichzeitig im Ausland um Fachkräfte gebuhlt. Mit dem „Fachkräfteeinwanderungsgesetz“, was für ein Wortungetüm, wurden die Voraussetzungen geschaffen. 260.000 pro Jahr hätte man gern, gekommen sind bislang 3200.

Zur Bestandsaufnahme der Reporter gesellt sich die Suche nach Lösungsmöglichkeiten. Wie soll die anfallende Arbeit bewältigt, wie die Rentenkasse gefüllt werden? Die Rente mit 67 oder gar erst mit 70? Die 42-Stunden-Woche? Oder im Gegenteil eine Reduzierung des Wochenpensums? Belgien macht es vor, dort herrscht freie Wahl zwischen der Vier- und der Fünf-Tage-Woche. Auch in Deutschland wird das Modell vereinzelt schon praktiziert. In Großbritannien gibt es einen wissenschaftlich begleiteten Versuch mit einer im Vergleich zum Standard um 80 Prozent herabgesetzten Arbeitszeit bei hundertprozentiger Bezahlung.

ZDFzoom: GrauzoneWeniger Work, mehr Life - Geht das?
GenreDoku
Autor:innenMarcus Bark, Melissa Holland-Moritz und Marc Schlömer
KameraMike Lenzenbach, Samir Anouri
ProduktionBanijay Productions

ZDF-Doku „Weniger Work, mehr Life - Geht das?“: Abstrakte Berechnungen

Die von Tarkan Bagci und Sissi Metzschke moderierten und untereinander diskutierten Rechercheergebnisse sprechen viele Aspekte des Themas an. Darüber kommt es zwangsläufig zu Verallgemeinerungen. So gehen die Autoren davon aus, dass ein Hochschulstudium automatisch ein hohes Gehalt mit sich bringt. Das ist selbstredend nicht der Fall, sondern von Fach zu Fach sehr verschieden, wie auch die erwähnten Arbeitszeitvarianten nicht auf alle Branchen in gleicher Form anzuwenden sind.

Einen genaueren Blick verdiente der Umstand, dass Arbeitszeit nicht mit Arbeitsleistung gleichzusetzen ist. Schleppt sich ein erkrankter Mitarbeiter zur Arbeit – alles schon vorgekommen –, wird er in acht Stunden nicht dasselbe Pensum erledigen wie ein
gesunder, ausgeruhter, gut erholter Kollege. Ein Umstand, der beispielsweise auch von der Rentenversicherung nicht berücksichtigt wird, wo man die Arbeitsleistung immer noch rein in Stunden misst.

„ZDFzoom: Grauzone-Dokumentation Weniger Work, mehr Life – Geht das?“

Mittwoch, 10. August 2022, 22.45 Uhr, ZDF und bereits in der ZDF-Mediathek. (Video verfügbar bis 09.08.2024)

Ein anderes Beispiel: Im Film wird aus einer Studie zitiert, derzufolge berechnet werden kann, in welchem Maße ein Beruf von Maschinen übernommen werden kann. Bei Kassiererinnen und Kassierern liege der Wert bei 100 Prozent. Weltfremd, denn
Einzelhandelsangestellte sitzen ja nicht nur an der Kasse, sondern erledigen nebenbei noch andere Aufgaben. Sei es auch nur die freundliche Hilfestellung für Menschen, die mit modernen Preisauszeichnungssystemen nicht zurechtkommen. (Harald Keller)

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