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Ein fatales Versprechen: Raffinierte Krimierzählung auf mehreren Zeitebenen

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Von: Harald Keller

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Kommissarin Sarah Castaing (Sofia Essaïdi) sucht in „Die Bestie von Bayonne“ nach dem verschwundenen Mädchen und einem mutmaßlichen Serientäter.
Kommissarin Sarah Castaing (Sofia Essaïdi) sucht in „Die Bestie von Bayonne“ nach dem verschwundenen Mädchen und einem mutmaßlichen Serientäter. © Christophe Brachet/ZDF

Der französisch-belgische Sechsteiler „Die Bestie von Bayonne“ ist besser, als sein deutscher Titel vermuten lässt.

Es kommt vor, dass man eine filmische Produktion gegen deutsche Titelschöpfer verteidigen muss. Der französisch-belgische Sechsteiler mit dem Originaltitel „La Promesse“, der ab Sonntag (7. August) im ZDF zu sehen ist, ist so ein Fall. Übersetzt: „Das Versprechen“. Schlicht und kongruent zum Inhalt passend. „Die Bestie von Bayonne“ hingegen lässt irreführenderweise an degoutante Metzelkrimis denken.

Inspiriert vermutlich durch den Umstand, dass Olivier Marchal für eine der Hauptrollen gebucht wurde, der zuvor einen ähnlichen Part in der Serie „Die purpurnen Flüsse“ einnahm. Dort sucht man das Publikum mit Erzählungen von abgetrennten Kinderhänden, ausgeweideten oder anderweitig verstümmelten Leichen zu unterhalten. Die Hersteller rühmen sich gar ihrer „besonders bizarren Mordfälle“.

Ein mörderisches Unwetter: Krimiserie im ZDF weckt Spannung durch psychologische Details

Wer sich an dergleichen delektiert, wird „La Promesse“ nicht mögen. Zwar machen die Autorinnen Anne Landois und Gaëlle Bellan Verbrechen an Kindern zum Thema, dies aber sensibel und unter Verzicht auf explizite Grausamkeiten. Bei ihnen entsteht die Spannung durch psychologische Aspekte und persönliche Dramen, die aus der Verbrechenserfahrung erwachsen.

Im Jahr 1999 wird der Raum Bordeaux von einem orkanartigen Unwetter heimgesucht. Die Menschen suchen Schutz, auch die elfjährige Charlotte Meyer aus Bayonne will schnell nach Hause. Während der Fahrt durch den Wald reißt ihre Fahrradkette. Ein Kastenwagen stoppt. Charlottes Fahrrad wird eingeladen, sie steigt ins Führerhaus. Fortan bleibt sie verschwunden.

Möglicher Serientäter: ZDF-Krimiserie „Die Bestie von Bayonne“ spielt im Westen von Frankreich

Weil die Telefonleitungen ausgefallen sind, wendet sich Charlottes Mutter Hélène Meyer (Natacha Régnier) direkt an den benachbarten Kriminalbeamten Pierre Castaing (Olivier Marchal). Der organisiert die erste Suche, die ergebnislos verläuft. Voller Mitgefühl lässt sich Castaing dazu hinreißen, jenes titelgebende verhängnisvolle Versprechen abzugen: Er werde Charlotte finden.

Zwanzig Jahre später wird in Bordeaux ein junges Mädchen vom Fahrer eines Kastenwagens entführt, kann sich aber befreien und vor der Polizei aussagen. Eine Spur führt nach Bayonne. Erneut gerät ein Ortsansässiger ins Visier der Ermittler, der schon zwanzig Jahre zuvor zu den Verdächtigen gehört hatte. Die Ermittlungsleiterin aus Bordeaux hält den Mann für einen Serientäter, der im Zuge seiner vielen Ortswechsel womöglich weitere Mädchen entführt hat.

Ein verzweifelter Ermittler: „Die Bestie von Bayonne“ mit stark geschriebener Hauptfigur

„La Promesse“ spielt sehr raffiniert auf mehreren Zeitebenen. Die Übergänge sind fließend und bewusst nicht immer augenblicklich als solche zu erkennen. Auch auf diese Weise kann man Spannungsmomente schaffen.

Das Augenmerk des fünfköpfigen Autorenteams gilt insbesondere Pierre Castaing, der angesichts der Erfolglosigkeit seiner Ermittlungen zusehends verzweifelt und schließlich ein ums andere Mal die Kontrolle verliert, Verdächtige bedrängt, auf sie einschlägt. Er wird von seiner Aufgabe entbunden, macht aber außerdienstlich weiter. Castaing ist eine engagierte, aber keine untadelige Figur. Er begeht Fehler, verliert den Halt, entfremdet sich seiner Familie. Tragisch vor allem für seine Tochter Sarah, die sehr an ihrem Vater hängt.

„Die Bestie von Bayonne“

Ab Sonntag, 7.8.2022, 22:15 Uhr, ZDF, und vier Wochen lang in der ZDF-Mediathek.

„Die Bestie von Bayonne“: Sorgfältige Inszenierung und ausgezeichnetes Ensemble

Bemerkenswert ist die Sorgfalt der Inszenierung, wenn beispielsweise für manche inhaltstreibende Szenen ein realistischer Rahmen geschaffen wird. So nimmt einer der Ermittler einen Anruf im Waschsalon entgegen – eine Notwendigkeit, weil er 200 Kilomenter entfernt von seiner heimatlichen Dienststelle arbeiten muss und nur kleines Gepäck dabei hat. Etwas aufgesetzt wirkt, dass die entführte Fanny als Anspielung auf Rotkäppchen eine rote Mütze trägt. Glücklicherweise ein Ausnahmefall, denn ansonsten vermeidet die krimierfahrene Regisseurin Laure de Butler überzogene Symbolik und prätentiöse Regiemätzchen.

Der Hauptdarsteller Olivier Marchal blickt auf eine vierzehnjährige Laufbahn im Kriminaldienst und Anti-Terror-Kampf zurück. Berufsbegleitend absolvierte er eine Ausbildung als Schauspieler und wechselte in diesen Beruf. Außerdem ist er als Autor und Regisseur tätig. Als Drehbuchautor gewann er Preise. In seinen Kinofilmen und Serien macht er häufig Selbstjustiz zum Thema, ein Motiv, das auch in „La Promesse“ angesprochen wird.

Seine Filmpartnerin Sofia Essaïdi ist der Beweis, dass Talentshows nicht nur Minutenkarrieren generieren. Nach ihrer Teilnahme an der Show „Star Academy“ fand die gebürtige Marokkanerin Anerkennung als Sängerin, Musikerin, Komponistin und Schauspielerin, als Musicaldarstellerin wurde sie für ihre Mitwirkung in „Chicago“ ausgezeichnet. Sie beherrscht Klavier, Gitarre und Percussionsinstrumente. Zuletzt spielte sie unter der Regie von Mario Martone im Kinofilm „Nostalgia“, der in diesem Jahr bei den Filmfestspielen von Cannes uraufgeführt wurde. (Harald Keller)

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