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Bei Maybrit Illner ging es um Erdogan und Flüchtlinge.

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Maybrit-Illner-Talk zu Erdogan und Syrien: Paul Ziemak (CDU) lehnt Aufnahme von geflüchteten Kindern ab

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So sehr Paul Ziemiak es auch verhindern wollte – in  der TV-Talkshow „Maybrit Illner“ im ZDF wurde endlich Klartext zur Flüchtlingskrise gesprochen.

  • Maybrit Illner fragt bei Talk-Runde im ZDF: „Erdogan und die Flüchtlinge – Erpressung oder Notwehr?“
  • Experten weisen CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak zurecht
  • Migrationsforscher Gerald Knaus macht Lösungsvorschlag

Ein „Strohmann“-Argument ist ein falscher Diskussionsbeitrag, bei dem man die Position der Gegenseite nicht ernst nimmt, sondern zu einer Karikatur verzerrt – einer Vogelscheuche, einem Strohmann. Anschließend widerlegt man nicht die tatsächlichen Argumente der Gegenseite, sondern die des ausgedachten Strohmanns und gewinnt triumphal.

Man könnte sich nun lange über CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak aufregen, der bei diesem wichtigen Thema sich immer neue Strohmänner gebaut und mit ihnen gestritten hat, anstatt sich mit den wirklichen Positionen auseinanderzusetzen. Dem Vorschlag der Grünen-Parteivorsitzenden Annalena Baerbock, dass man ein paar tausend hilfsbedürftige Kinder von den menschenunwürdigen Lagern auf den griechischen Inseln in Deutschland aufnehmen sollte, kontert er hanebüchen. Er verkündet seinen Widerstand dagegen, dass „unbegrenzt neue Flüchtlinge in die EU aufgenommen werden“ und die Grenzen zur Türkei geöffnet werden. Okay. Hat zwar keiner so gefordert, aber Ziemiak kann sich tapfer selbst auf die Schulter klopfen, dass er seine selbstgebauten Schreckensbilder erfolgreich in Grund und Boden argumentiert hat.

TV-Talk (ZDF) „Maybrit Illner“: Nahostexpertin Kristin Helberg weist Paul Ziemiak zurecht

Man könnte sich noch lange ärgern darüber, wie zynisch Ziemiak das nun wieder ins Bewusstsein dringende Leid der syrischen Flüchtlinge für politische Punkte gegen Migranten instrumentalisiert. Aber die Sendung bot zu viele kluge und ergreifende Experten-Beobachtungen, die diese Schaumschlägerei glücklicherweise bald vergessen machten.

Da war die Autorin, Journalistin und Nahostexpertin Kristin Helberg, die noch, bevor Illner sie vorgestellt hat, in die Diskussion grätscht und Ziemiak wütend zurechtweist, wie er sich so naiv stellen könne, wenn diese neue Flüchtlingswelle doch so offensichtlich am Kommen gewesen wäre: Alle hätten gewusst , dass Idlib früher oder später von Assad angegriffen werden würde und eine neue Millionenbewegung auslösen würde. Wie könne es Ziemiak jetzt wagen, seine eigene Unvorbereitetheit als Prinzip hinzustellen? „Wir haben die Lehren aus 2015 nicht gezogen!“

Da war die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor, deren Familie aus der Idlib-Umgebung stammt, und die im Lauf der Sendung mit Tränen der Wut und Trauer ringt, wenn das Leid von Flüchtlingsfamilien wieder einfach ignoriert wird. Sie gibt nicht nur wichtige Hintergründe über das drohende Massensterben in dieser von russischen Truppen, Assads Armeen und türkischen Grenzzäunen eingekesselten Region, sie erzählt auch bewegend vom Tod ihres eigenen Vaters in der Krisenregion vor wenigen Monaten.

TV-Talk (ZDF) „Maybrit Illner“: Migrationsexpertin spricht von menschenunwürdigen Zuständen

Da war die Juristin und Migrationsexpertin Marie von Manteuffel, die für „Ärzte ohne Grenzen“ die Flüchtlingslager in Griechenland besucht hat und von menschenunwürdigen Zuständen spricht, die sich in den letzten Jahren nur noch verschlimmert hätten. Von schwächlichen Sommerzelten im tiefsten Frost, von mangelnder Kleidung, mangelndem Trinkwasser und praktischen Hungersnöten. Von Frauen, die aus Angst vor grassierenden Vergewaltigungen in den Lagern nachts ihr Zelt nicht mehr verlassen und lieber in Flaschen urinieren. Von traumatisierten Kindern, die nicht mehr essen, nicht mehr schlafen, oder sich selbst umbringen wollen. 

Sie räumt auch endlich mit der lächerlichen „Abschreckungs“-Hypothese der vermeintlich christlichen Parteien auf: Niemand kann angesichts solch beschämender Zustände noch glauben, dass die Flüchtlinge in Europa zu gut behandelt werden und deswegen weitere nach sich ziehen. Vielleicht wäre es stattdessen Zeit, ein neues System zu überlegen, „dass ein bisschen mehr auch wieder den Menschen und seine Rechte in den Mittelpunkt stellt“.

Erschütternde Stimmen bei TV-Talk (ZDF) „Maybrit Illner“

Bei all diesen überzeugenden und teils erschütternden Stimmen kann man dann auch die gelegentlichen Einwürfe von Herrn Ziemiak ignorieren, der all das wieder an die Verteidigung der EU-Außengrenzen anbinden möchte, was natürlich alle Probleme schlagartig verbessern würde.

Der Star des Abends aber ist der Soziologe und Migrationsforscher Gerald Knaus, dessen Analysen so messerscharf ausfallen, dass irgendwann selbst Ziemiak nicht mehr zu widersprechen wagt. Er erklärt die Flüchtlings-Vereinbarung zwischen EU und der Türkei und warum die EU sie schamhaft hat auslaufen lassen. Er beschreibt den tatsächlichen Effekt der Flüchtlingskrise in der Türkei, die mehr Syrer aufgenommen hat als ganz Europa zusammen, und welche essentielle Hilfe Europa ursprünglich dort geleistet hat.

Migrationsforscher Gerald Knaus bei TV-Talk (ZDF) „Maybrit Illner“: Katastrophales Signal an die Welt

Er beschreibt das Aussetzen des Asylrechts in Griechenland als ein katastrophales Signal an die Welt, das nicht einmal Donald Trump gewagt hat und das umgehend die EU-Kommission auf den Plan rufen müsste, weil es gegen alle denkbaren Verträge und die Genfer Flüchtlingskonvention verstößt. Er prangert die unsägliche Praxis von griechischen Inselbewohnern an, Flüchtlingsboote zurück ins Meer zu stoßen – etwas, das zuletzt nur Thailand an den Rohingya verbrochen hat. Er prangert die Ignoranz Europas an, die sich in den ruhigeren Jahren seit dem Ansturm 2015 nicht mehr mit dem Thema auseinandersetzen und keine der Ursachen ergründen will. Und die erst aufhorchen, wenn die Flüchtlinge an der griechischen Grenze stehen, aber die Türkei völlig im Stich lassen, wenn sie an der türkischen stehen.

Und er hat auch Lösungsvorschläge: Ein neues Abkommen mit Ankara, mit weiteren und mehr Hilfen; eine große Konferenz wo weltweit große Kontingente von Frauen, Kindern und Familien auf Länder verteilt wird, nach UNHCR-Bestimmungen der Bedürftigkeit. Oder eben Zuschauen bei „einem riesigen Srebrenica“, einem großangelegten Massenmord an der Zivilbevölkerung, wie es die internationale Gesellschaft schon einmal tatenlos hat geschehen lassen.

So kommt am Ende eine Sendung heraus, die im besten Sinne den Lehrauftrag der Öffentlich-Rechtlichen vorbildlich einlöst, den Zuschauern zahlreiche neue Erkenntnisse mitgibt – aber leider im öffentlichen Raum und vor allem in der Politik viel zu selten so klar und sachlich geführt wird.

ARD-Moderatorin Sandra Maischberger versucht, Bürger ins direkte Gespräch mit Politikern zu bringen – das war noch nie eine gute Idee.

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