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Zaungast der Bohème

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Von: Daniel Kothenschulte

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Unaufdringliches Spiel: Emmanuelle Devos als Violette.
Unaufdringliches Spiel: Emmanuelle Devos als Violette. © dpa

Ein außergewöhnlicher Künstlerfilm: Die stilvolle Filmbiografie „Violette“ von Martin Provest über die literarische Einzelgängerin Violette Leduc.

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Von Literatur im Kino erwartet man meist, dass sie mit der ersten Klappe alles Literarische abstreife und sich ganz der Wirkungsmacht der Bilder beuge. Nur so, denkt man, käme am Ende ein eigenständiges „filmisches“ Kunstwerk dabei heraus.

Der Filmemacher Martin Prevost vermittelt das Werk der französischen Autorin Violette Leduc auf anderem Wege als etwa ihren bekanntesten Roman „Die Bastardin“ zu verfilmen, der diese lange verkannte Zeitgenossin von Simone de Beauvoir im Jahr 1964 spät zu Weltruhm führte. Der Regisseur begnügt sich mit der scheinbar konventionellen Form eines so genannten Biopics. Doch das amerikanische Wort mag nicht recht passen auf den klassisch-enthaltsamen Stil dieser Filmbiografie und die Freiräume, die er eröffnet.

Von Anfang an: Tragik

Ausgehend von der einseitigen, obsessiven und unerwiderten Liebe, die Leduc für ihre Entdeckerin de Beauvoir entwickelte, lässt er etwa einen Auszug eines Briefs zu Bildern eines dunklen Traums verlesen. So vermitteln sich Stil und Haltung des persönlichen und schonungslosen Schreibens dieser literarischen Einzelgängerin auf direktem Wege. Zugleich aber liegt von den ersten Minuten an eine Tragik über den Bildern, maßgeblich vermittelt durch eine der schönsten Filmmusiken der letzten Zeit: Hughes Tabar-Nouval schrieb sie für ein kleines Streichensemble.

Der hohe Musikanteil des Films scheint nicht ganz zu passen zu seinem Thema, der Arbeit einer Schriftstellerin und dem unaufdringlichen Spiel der vorzüglichen Hauptdarstellerin Emanuelle Davos sowie Sandrine Kiberlain als Simone de Beauvoir. Doch gerade weil diese Inszenierung nichts emotionalisiert, weil sie ganz im Gegenteil von einem nach Innen gerichteten Schreien erzählt, ist ihr kontrapunktischer Musikeinsatz so effektvoll.

Die Musik ist das tragisch-harmonische Gegengewicht zu einer Karriere, die zur Verzweiflung der Autorin zwar viel Anerkennung von Geistesgrößen wie Cocteau, Camus, Genet oder Sartre findet, aber kaum eine Öffentlichkeit. Auf das Happy End muss man so lange warten, dass man es kaum genießen mag. Denn als Violette Leduc endlich eine Berühmtheit ist, als ihr Werk Frauen im Kampf um Selbstbestimmung und Gleichstellung inspiriert, liegen Jahre der Krankheit und Verzweiflung hinter ihr. Wer den sicheren Erfolg sucht, muss gefallen wollen. Und das war für diese kompromisslose Autorin nie eine Option.

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Und auch Martin Prevosts Film will nicht allzu sehr gefallen. Wer die dunklen Innenräume, die bruchstückhaften Ansichten von Paris für Bohème-Schick hält, verkennt die Zurückhaltung, die in diesen Bildern steckt. Auch wenn dies ein Farbfilm ist, fühlt man das stumpfe aber nuancierte Grau der Straßenfotografien eines Brassaï in ihnen.

Immer zeigt der Filmemacher Martin Prevost in seinem Werk nur das, was gerade nötig ist, um ein Geschehen zu verorten. So bekommt man etwa eine bessere Vorstellung vom Treppenhaus der Simone de Beauvoir als von ihrer Wohnung, was allerdings durchaus der Perspektive entspricht, die sie Violette Leduc auf ihr Leben gewährt.

Historische Filme über vergangene Kunstströmungen lassen uns gerne lustvoll eintauchen ins „Midnight in Paris“, doch wie hat sich dieses schillernde Leben wohl als Zaungast angefühlt? So zeigt uns dieser außergewöhnliche Künstlerfilm das Leben der Violette Leduc: geachtet, aber nie in einem Maße geliebt, dass es ihren Selbsthass hätte besiegen können.

Violette. Frankreich 2013. Regie: Martin Prevost. 132 Min.

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