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Ein Arbetier legt vor dem Festival-Palast an der Croisette letzte Hand an.

Auftakt Cannes 2009

Zahlen für die Zeche

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Vor dem ersten Premierenfest herrscht Katerstimmung beim Filmfest in Cannes. Wer Champagner will, deckt sich besser selbst ein. Umsonst wird man ihn in diesem Jahr selten bekommen. Von Daniel Kothenschulte

Lars von Trier denkt gern ein bisschen weiter. Lange bevor die Finanzkrise weltweit an die Türen klopfte, ergriff er erste Gegenmaßnahmen: "Zur Rettung der Privatökonomie" kündigte er bereits 2004 einen "kommerziellen Film" an mit dem Titel "Antichrist". Der ist nun nach fünf Jahren und einem überwundenen Nervenzusammenbruch des Regisseurs fertig geworden. Finanzkräftig unterstützt von der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen steht er nun im Aufgebot der heute beginnenden 62. Filmfestspiele von Cannes.

Der Zeitpunkt für den erhofften Publikumserfolg könnte nicht besser gewählt sein: Noch vor dem ersten Premierenfest herrscht jetzt schon Katerstimmung an der Croisette. Der beliebte deutsche Filmempfang in einer schicken Villa ist gestrichen (na ja, es gibt auch keinen deutschen Film im Wettbewerb). Wer Champagner also nötig hat, der deckt sich besser selbst ein. Umsonst wird man ihn in diesem Jahr wohl eher selten fließen sehen.

Zwar ist der befürchtete Einbruch in der Filmwirtschaft erst einmal ausgeblieben und sind zumindest in Deutschland die Fördermillionen langfristig gesichert. Doch wie sieht das denn aus, wenn man sich tüchtig selber feiert, während das Fußvolk kaum noch seine Reise bezahlen kann? Erstmals sind Hotelzimmer leer geblieben. Die Zeitungskrise in den USA hat der Filmkritik den Boden entzogen. Vorbei sind die Tage der in Würde beschäftigten Filmexperten, leer könnte es also werden im prächtigsten Zelt am Strand neben dem Festivalgebäude, dem "American Pavillon".

Wenigstens hat Lars von Trier die passende Kino-Therapie anzubieten. In "Antichrist" geht die Frau eines Psychiaters bei ihrem Mann in Therapie, nachdem das gemeinsame Kleinkind bei einem rauschenden Liebesakt aus dem Fenster stürzte. Gemeinsam spielen die Eheleute ihre verdrängten Traumata im Selbstversuch durch und entfesseln dabei erst einmal ihre Sexualität. Bei der Frau fördert die Analyse unbestimmte Erinnerungen an ein Landhaus namens "Garten Eden" zu Tage. Wie so oft in den Filmen des Dänen wird eine protestantische Rechnung aufgemacht: Wer zahlt am Ende wohl für das Vergnügen? Dass die Reise diesmal jedoch bis weit ins Reich des Okkulten führt, erzählte der Regisseur im Vorfeld: Sein "Antichrist" handele von der Vorstellung, die Welt sei vom Teufel erschaffen.

Müssen wir wirklich jetzt teuer für all die schönen Jahre bezahlen? In Cannes hoffentlich noch nicht. Schon der Eröffnungsfilm ist im wahrsten, amerikanischen Sinne "uplifting": Der neue Pixar-3D-Trickfilm "Up" handelt von einem alten Mann, der dem Alltag adieu sagt, indem er sein Haus an einen Strauß bunter Luftballons hängt. So viel Ehre für ein Werk des derzeit führenden Animationsfilmstudios ließ die Konkurrenz von Venedig nicht ruhen: Vorgestern platzierte das Festival die Meldung, Pixar-Chef John Lasseter werde für sein Lebenswerk mit dem Goldenen Löwen geehrt. Bereits ein Lebenswerk? Immerhin blickt der 52-Jährige auf zweieinhalb höchst produktive Jahrzehnte zurück. Mehr als sechzig Jahre ist es indes her, dass Alain Resnais seine ersten Essay-Filme drehte, jetzt ist er 86 und noch mal im Wettbewerb vertreten. Das erste Produktionsfoto von "Les herbes folles" ("Wildes Gras") zeigt seinen agilen weißen Haarschopf hinter einer Videokamera, gegen den Himmel gerichtet.

Das Aufgebot an weltbekannten Autorenfilmern ist so groß, dass man sogar Jim Jarmusch absagen konnte, dessen vorzüglicher neuer Film "The Limits of Control" überraschend in der Endauswahl fehlte. Dafür streiten nun Ken Loach, Marco Bellocchio, Michael Haneke, Tsai Ming-Liang oder Jane Campion um die Goldene Palme. Letztere hat sich mit ihrem melancholischen Dichterporträt "Bright Star" um John Keats in der melodramatischen Welt des "Piano" zurückgemeldet - dem Palmengewinner von 1993.

Auch der Sieger von 1994 ist dabei, Quentin Tarantino. In Anwesenheit der deutschen Nebendarsteller Daniel Brühl und Til Schweiger kann man sich ein Bild davon machen, was aus 2,6 deutschen Steuermillionen aus dem Filmförderfonds wurde. Für "Inglourious Basterds" hat er sie verpulvert, eine bestimmt verwegene Farce über eine jüdisch-amerikanische Soldatentruppe im Geheimauftrag: Durch blutrünstige Morde an Nazi-Schergen wollen sie Angst und Schrecken verbreiten.

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