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Zäune nützen nichts

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Von: Daland Segler

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Es ist Maybrit Illner und ihrer Redaktion nicht wirklich übelzunehmen, dass sie das Thema Flüchtlinge über einen großen Kamm scheren wollen. In einem Punkt sind sich ihre Gäste einig: So wie es ist, kann es nicht bleiben.

Es ist nicht möglich, in einer guten Stunde ein globales Phänomen wie die Fluchtbewegungen von immer mehr Menschen abzuhandeln. Und das Fernsehen ist heute weniger denn je ein Medium für differenzierte Betrachtungen. Diese Talkshows, mit denen uns die Sender täglich beglücken, gehören ja auch in die Schublade „Unterhaltung“, wenngleich sie sich den Anschein von politischer Aufklärung geben wollen. Es ist Maybrit Illner und ihrer Redaktion also nicht wirklich übelzunehmen, dass sie das Thema Flüchtlinge über einen großen Kamm scheren wollten. Immerhin zeigten die Verantwortlichen in zwei Einspielern, dass sie mit kritischem Blick auf das sehen, was das reiche Europa den Armen aus Afrika antut: Es versucht zunächst mit seiner „Wohlstandspolizei“ (ZDF), sie an der Einreise zu hindern, und wenn das nicht gelingt, sie in Behausungen zu kasernieren, die den Standards menschenwürdiger Unterkünfte Hohn sprechen. „Von Integration keine Spur“, folgert der Sprecher des zweiten Einspielers bei Maybrit Illners Sendung mit dem Titel „Flüchtlinge in Deutschland – vertrieben, verwaltet, verachtet?“

Das Fragezeichen hätten sie getrost durch ein Ausrufezeichen ersetzen können, aber soweit geht die System-Kritik der braven Fernsehmenschen dann doch nicht. Zumal sie dann einen Orkan der Entrüstung vieler Kommunen hätten befürchten müssen, sie sich bemühen, den Ankömmlingen das Leben in der Fremde erträglich zu machen. Aber es reicht nicht, logistisch nicht, finanziell erst recht nicht. „Den Kollegen in den Städten fliegen die Haushalte um die Ohren“, weiß Heinz Buschkowsky, einschlägig bekannter Lokalpolitiker aus Berlin-Neukölln, der sich mit den anderen Gästen in der Runde einig darüber ist, dass es „Finanzspritzen des Bundes“ braucht, wie, Luise Amtsberg formuliert, die flüchtlingspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion. Und der Bund? Klagte jüngst in Gestalt des Innenministers Thomas de Maizère darüber, dass Schweden und Deutschland 50 Prozent der in Europa ankommenden Asylbewerber aufnehmen“.

Hat die CSU nichts dazugelernt?

Doch Deutschland hat die Kraft dazu, wie Amtsberg betonte, wenngleich auch sie der Meinung war, so könne es nicht weitergehen. Weswegen, so die neueste Idee des CDU-Innenministers, man jetzt für Flüchtlinge sogenannte Willkommens- und Ausreisezentren in Transitländern einrichten solle – zu deutsch: Auffanglager, und natürlich in Afrika, Ägypten etwa. Doch Zäune werde niemanden davon abhalten, den Weg nach Norden zu wagen. Das hat de Maizières Parteifreund Younes Ouaqasse erfahren, als er im spanischen Melía mit Menschen sprach, die versucht hatten, von Marokko aus in die Festung Europa zu kommen. Er lag allerdings auf Parteilinie, als er den Afrikanern unterstellte, sie seien Wirtschaftsflüchtlinge, nämlich „Menschen, die sich materiell verbessern wollen“.  Deutlicher in der Wortwahl wurde CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer, der mit seinen Beiträgen eifrig bemüht war, den Wählern vor den Fernsehern zuhause zu vermitteln, dass sie nicht erst AfD oder NPD wählen müssten: „Die flüchten, können sich’s leisten.“  Und während Luise Amtsberg zu recht die Bürger aus Eritrea, Irak oder Syrien erwähnte, zeigte der sonst so sanfte Pater Alfred Tönnis, dass ihm Scheuers Populismus dann doch über die Hutschnur ging, indem er den Politiker fragte: „Haben Sie mal in einem Lager gelebt?“ Hat er natürlich nicht, erzählte aber, er habe neulich die Bundespolizei besucht. Und im übrigen dürfe Deutschland „nicht überstrapaziert“ werden.

Und Maybrit Illner hakte nach und fragte mit Hinweis auf die Abschottungspolitik von Ex-Innenminister Friedrich, ob die CSU nichts dazugelernt habe. Hat sie nicht. Scheuer stand zu seinem Satz, Lampedusa dürfe nicht zu einem „Vorort von Kiefersfelden“ werden. Wer solche Sätze loslässt, zeigt selbstredend auch, welchen Intelligenzgrad er bei seinen Wählern vermutet, wobei ein Großteil der – anonymisierten – Beiträge im Forum zur Sendung eben diese Haltung teilt; da klingt nur allzu deutlich das Ressentiment durch und die Haltung: Bleibt doch, wo ihr seid. Und die als betroffene Bürgerin eingeladene Sybille Kiermeier aus Waibstadt sieht ihr Häusle im Wert sinken, weil sie jetzt statt 37 Altenheimbewohnern 80 Flüchtlinge als Nachbarn hat. Ob sie verstanden hat, was der Pater sagte? Er wies darauf hin, dass man von den Einwanderern ja lernen könne, Bescheidenheit etwa, und diese Lebensenergie. Und völlig unter ging seine Bemerkung, dass wir ja genügend Flüchtlinge im eigenen Land haben – die nämlich in den Alkohol oder aus dem eigenen Körper fliehen wollen. Der Pater kümmert sich in einem ehemaligen Kloster um 75 dem Krieg in ihrer Heimat entkommene Syrer und wünscht sich eine „Willkommenskultur“ – ein Beispiel für eben jenes Christentum, das den Parteien, die das C im Namen führen, längst lästig geworden ist.

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