+
Mohammad Al-Jaukhadar bemalt die Wohncontainer in dem Flüchtlingslager Zaatari, um etwas Farbe in das eintönige Camp zu bringen.

Arte

Zaatari - Leben im Nirgendwo

  • schließen

Die brasilianisch-deutsche Koproduktion über das syrische Flüchtlingslager Zaatari im Norden Jordaniens ist eine Mischung aus Informationssendung und Creative Documentary.

„Was wisst ihr über Fotografie?“ fragt Fatima ihre Schülerinnen. „Man kann damit Gefühle vermitteln“, sagt ein Mädchen. „Fotos halten auch Erinnerungen fest“, ergänzt eine andere. Was wissen Sie über Dokumentarfilme? möchte man das Publikum hinsichtlich Zaatari – Ein Leben im Nirgendwo von Paschoal Samora fragen – und hoffen, es möge antworten, dass Dokumentarfilme und Realität nicht immer miteinander zu tun haben.

Die brasilianisch-deutsche Koproduktion über das syrische Flüchtlingslager Zaatari im Norden Jordaniens ist eine Mischung aus Informationssendung und dem, was seit einigen Jahren Creative Documentary heißt. Im Laufe der Sendung werden verschiedene Bewohnerinnen und Bewohner Zaataris vorgestellt, die alle im weitesten Sinne künstlerisch engagiert sind. Fatima aus der Ghouta, der Kornkammer von Damaskus und einer jihadistischen Hochburg, zum Beispiel hat im Lager fotografieren gelernt.

Eine Tätigkeit, die sie bereichert und welche sie an Kinder und Jugendliche weitergibt. Morgens unterrichtet sie die Mädchen und nachmittags die Jungen. Sie selbst hat im Flüchtlingslager den Niqab, den Gesichtsschleier, angelegt - wie so viele Frauen, heißt es im Kommentar. Informationen wie diese werden immer mal in den Film gesprenkelt und bleiben völlig unvermittelt. Die Protagonistinnen und Protagonisten von Zaatari – Leben im Nirgendwo sind allesamt religiös, die einen sehr, die anderen weniger. Sie sprechen in den für den syrischen Bürgerkrieg üblichen Codes, die die Filmschaffenden nicht zu kennen scheinen. Im Film zählen künstlerisches Tun und die Resilienz der Opfer. Obwohl im Lager alles politisch ist, obwohl Jordanien seit 2014 monatlich Hunderte vom UNHCR registrierte Flüchtlinge, auch aus Zaatari, aus nicht näher definierten Sicherheitsgründen (in der Regel geht es um Jihadisten und ihre Familien) völkerrechtswidrig nach Syrien deportiert, verharrt die Sendung in schemenhaften und dichotomen Vorstellungen über diesen Krieg.

Es ist vielleicht der größte Fehler des Films, die Gegnerinnen und Gegner des Assad-Regimes ausschließlich als Opfer zu sehen. Grade die religiösen Gruppen haben sich jahrzehntelang umfassend auf einen Umsturz vorbereitet, mit dem Ziel, einen wie auch immer gearteten islamischen Staat zu schaffen.  Während der Dreharbeiten 2016 war schon zu viel über den Krieg bekannt, waren schon zu viele solide Bücher erschienen, als dass eine solche Ignoranz in einem so gut mit öffentlichen Geldern finanzierten Dokumentarfilm entschuldbar wäre.

Außer Fatima lernt das Publikum noch Mohammad Al-Jaukhadar, einen Maler; Ahmed Harb, einen Theatermacher; Bader Al-Shilbi, einen Landwirt, der jetzt in der Wüste gärtnert; ein Ehepaar, das ein Kind erwartet - mit dessen Geburt der Film endet - sowie Mubarak, einen Jugendlichen, kennen, der eigentlich Lehrer werden wollte und nun als Gemüsehändler arbeitet.

Mubarak ist das Bindeglied zur anderen Ebene des Films, die sich mit dem Lager an sich befasst. Es gibt Luftaufnahmen sowie bodenständige Eindrücke vom Straßenleben. Es geht um die Wasserverteilung und die Schwierigkeit, dass die unterschiedlichen Sektoren des Lagers von verschiedenen Hilfsorganisationen auf jeweils andere Art geführt werden sowie um die Mitbestimmung und Selbstverwaltung der Flüchtlinge. Die meisten Aufnahmen gibt es von der Champs-Élysées, der Hauptgeschäftsstraße Zaataris.

Dort flanieren der UNHCR Mitarbeiter Gavin White, der die mehr als 40 Hilfsorganisationen im Camp koordiniert, und der Ingenieur Ricardo Vargas, der das Lager 2012 maßgeblich mit geplant hat. Vargas ist das erste Mal seit vier Jahren wieder in Zaatari und sieht sich um. Es war kein Ort, der auf Dauer angelegt war. White betont das Engagement der Flüchtlinge, das er sehr besonders findet. Grade so, als habe er sich noch nie mit den Dynamiken in Flüchtlingslagern befasst. In Jordanien hätte er viele Beispiele, mehr als zwei Millionen palästinensische Flüchtlinge sind bis heute in Flüchtlingslagern der UNO in Jordanien registriert, auch einige Zehntausend irakische Flüchtlinge sind noch im Land.

Wer sich Namen gut merken kann, die Sendung aufmerksam verfolgt und dann den Abspann liest, wird feststellen, dass Ricardo Vargas, der Planer des Camps, der Ko-Autor von Zaatari – Ein Leben im Nirgendwo ist. Auf Englisch heißt der Film Zaatari – Memories of the Labyrinth. Würde es in dem Film um die Erinnerungen Vargas gehen, würde er einen Einblick in die Planung geben und sie zum Heute in Bezug setzen, hätte es eine interessante Sendung werden können. Auf der Internetseite der brasilianischen Produktionsfirma NÓS ist unter anderem zu lesen, dass der Film zeigt, wie die Flüchtlinge Traumata überwinden und wie ihre Resilienz sie befähigt hat, aus einer Siedlung in der Wüste die fünftgrößte jordanische Stadt in Bezug auf wirtschaftliche Transaktionen zu machen.

Das passt zur Selbstvermarktung Vargas, auf dessen Homepage die Milliarden-Budgets der Projekte, die ihm übertragen werden dezidiert aufgeführt sind. Vor diesem Hintergrund allerdings verwundert, dass der Film die Kinder Zaataris etwas pathetisch als diejenigen benennt, die Syrien einmal wieder aufbauen werden. Der Wiederaufbau läuft längst – und ist ein Bombengeschäft.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion