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Polizeibeamte werden besonders oft beim Einsatz von Schusswaffen traumatisiert. Polizeipsychologen fordern, dass das psychologische Training genauso wichtig sein muss wie das Schusswaffentraining. Die ARD thematisiert am 29. April 2019 „Die Wunden der Ermittler“.

„Die Wunden der Ermittler“, ARD

Geruch des Aussätzigen

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Ein Dokumentarfilm über ein Tabu: „Die Wunden der Ermittler“ in der ARD zeigt die Folgen von Verbrechen für die, die sie aufklären müssen.

Am Ende stehen Ballauf und Schenk wieder an ihrem Büdchen und trinken ein Bier. Dabei gehören sie in die Psychiatrie. Nach all dem, was sie erlebt haben an Mord und Totschlag, müssten sie sich in die Hände von Therapeuten begeben um ihr seelisches Gleichgewicht zu retten. Aber davon, von den „Wunden der Ermittler“, ist im „Tatort“ fast nie die Rede. Filmemacherin Maryam Bonakdar hat dieses Thema nun für eine 45-minütigen Dokumentarfilm erarbeitet und hatte das Glück, dass ihr einige Betroffene Auskunft gaben. Denn wie im Rest der Gesellschaft sind auch bei Polizei und Justiz psychische Erkrankungen weitgehend tabuisiert.

Die Fälle, von denen berichtet, sind unterschiedlich: Ein Wachtmeister hat bei einer vermeintlichen Routine-Kontrolle einen Durchschuss erlitten, ein Staatsanwalt muss sich von Amts wegen durch den Dreck von Kinderpornographie-Fotos wühlen, eine Polizistin hat eine posttraumatische Belastungsstörung erlitten. Sie will anonym bleiben. Denn wie ihre Kollegen hat auch sie – begründete – Furcht vor Stigmatisierung: „Psychische Probleme“, weiß die Polizeiseelsorgerin Hilda Schneider, „haben immer noch den Geruch des Aussätzigen“.

Sie betreut die „Selbsthilfegruppe Schusswaffenerlebnis“, bei der Opfer einer Verletzung über ihre Erfahrungen aussprechen können und lernen: „Über Schwächen reden ist eine Stärke“ – eine Weisheit, die ebenfalls nicht nur auf Beamte in Uniform zutrifft. Im Umgang mit der Waffe wird Routine eingeübt, nicht aber, wie man mit einer psychischen Belastung fertig werden kann. In Niedersachsen hat Psychologin Sibylle Dörflinger das Beratungsnetzwerk „Care“ ins Leben gerufen aber solche Angebot sind rar gesät.

Schlimmer noch: Traumatisierte müssen oft jahrelang um ihr Recht kämpfen, erfahren kaum Unterstützung von den Behörden, hat die Autorin bei ihren Recherchen erfahren. Alle Befragten haben ein Problem damit, ihre psychische Erkrankung als Dienstunfall anerkennen zu lassen. Ein Skandal. Eine erfahrene Polizistin will ihre posttraumatische Belastungsstörung als Dienstunfall anerkannt wissen, erfüllt aber nicht das im Beamtenversorgungsgesetz genannte Kriterium, dass dieser Dienstunfall „plötzlich“ eingetreten ist...

So gerät der Film, der mit vielen Symbolbildern arbeiten muss und deswegen einen eher unruhigen Eindruck hinterlässt, letztlich zu einem – verdienstvollen – Plädoyer für bessere staatliche Unterstützung von Betroffenen. Sagt doch Sachsen-Anhalts Innenminister Rüdiger Stahlknecht: „Das darf dann nicht an Geldüberlegungen scheitern. Wo kommen wir denn dahin?“ Gute Frage, Herr Minister.

Zur Sendung: „Die Wunden der Ermittler“

„Die Wunden der Ermittler“, ARD, Montag, 29. April, 23.45 Uhr. 

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