Günther Jauch

Wulff und die Amigos

Für Günther Jauch ist die Affäre Wulff ein echtes Schnäppchen. Und er greift danach wie ein geübter Sparfuchs. Doch ein Zusammenhang zum Bürgerentscheid gegen den Duisburger Oberbürgermeister Sauerland wird viel zu spät hergestellt.

Von Klaudia Wick

Für Günther Jauch ist die Affäre Wulff ein echtes Schnäppchen. Und er greift danach wie ein geübter Sparfuchs. Doch ein Zusammenhang zum Bürgerentscheid gegen den Duisburger Oberbürgermeister Sauerland wird viel zu spät hergestellt.

Der bemerkenswerteste Beitrag der ganzen Diskussion kam von Tom Buhrow. Da war freilich die Debatte um „Wulff und die Amigos“ praktisch vorüber. In einer Liveschaltung nach Hamburg zu den Tagesthemen vermeldete Burow noch aus der Jauchschen Sendung heraus das Aus für den Oberbürgermeister von Duisburg. Adolf Sauerland wurde von den Bürgern seiner Stadt abgewählt. Nicht weil ihm ein Mitverschulden an den tragischen Vorfällen während der Loveparade von 2010 nun juristisch nachgewiesen werden konnte. Sondern weil die Duisburger mehrheitlich nicht mehr von einem regiert werden wollten, der sich bei der Beurteilung seiner Rolle auf juristische Feinheiten zurückzieht.

Über diesen Unterschied hatte die Runde bei Günther Jauch zuvor lange kontrovers diskutiert. Und war so wenig zu einem angemessenen Beurteilungsraster gekommen wie die Duisburger in den ersten Tagen, Wochen und Monaten nach den Todesfällen der Loveparade. Wenn Politiker wegen ihrer persönlichen Integrität ernstlich in die Kritik geraten, teilt sich mit einer gewissen Verlässlichkeit zunächst die öffentliche Meinung in zwei Lager: Die einen fordern eine staatsrechtliche Gleichbehandlung und also die laufenden Ermittlungen abzuwarten. Die anderen verweisen auf die besondere Würde öffentlicher Ämter, die schon durch den Anschein eines Vergehens beschädigt werde. Letztlich lassen sich beide Bewertungsmaßstäbe gut begründen, aber es ist eben nicht möglich, sie gleichzeitig anzuwenden. Man muss sich entscheiden: Beweispflicht oder Taktgefühl.

Niemand wird sich wundern, dass Peter Hintze, CDU-Parteimitglied und offizieller Berater von Christian Wulff, mehrfach darauf pochte, es sei bisher keine gegen Wulff erhobene Behauptung justiziabel bewiesen, dagegen einiges, was in den Zeitungen stand, sogar mit einer Gegendarstellung entkräftet worden. Und es war auch absehbar, dass Hiltrud Schwetje, einst Gattin von Ministerpräsident Schröder, und Heide Simonis, einst Ministerpräsidentin von Schleswig Holstein, eher über die B-Note des Skandals sprachen. Also über mangelnde Souveränität, fehlende Transparenz und eine gewisse Instinktlosigkeit im Umgang mit der Amtsausführung.

Aber auch die Unternehmensberaterin Gertrud Höhler (wie sie selbst sagte: „Noch in der CDU“) feuerte gegen ihren Parteifreund Wulff aus vollem Rohr. Und selbst die Beschwichtigungsreden des Unternehmers Hans Rudolf Wörl, als Verteidiger des Bundespräsidenten gecastet, fielen eher leise aus. So sprach sich Wöhrl zwar explizit gegen Rabatte, Boni und Gratisgeschenke für VIPs aus, gab dann aber zu, mit dieser Haltung allein auf weiter Flur zu stehen: „Jeder versucht halt, Schnäppchen zu machen“.

Auch für Günther Jauch ist die Affäre Wulff ein echtes Schnäppchen. Und er greift danach wie ein geübter Sparfuchs: Von Woche zu Woche variiert Jauch die Fragestellung des Wulff-Themas nur ein wenig. Das spart Vorbereitung auf andere, womöglich komplexere oder gar quotengiftigere Themen und erweckt den Eindruck, mit journalistischem Biss an etwas drangeblieben zu sein, was dem Volk wirklich wichtig ist.

Schon einmal wurde so eine Polittalkerin zum Star: Als Sandra Maischberger 2000 bei N-TV ihre tägliche Talkshow begann, war der CDU-Parteispendenskandal in vollem Gange. Praktisch täglich bekam Maischberger in ihrem Berliner Interview-Studio Besuch von jemandem, der die neusten Fortschritte in den Ermittlungen kommentieren oder dementieren wollte. Erst viel später und ganz unabhängig von den vielen Maischberger- oder Christiansen-Sendungen lichtete sich das Dickicht der undurchsichtigen Teilinformationen. Hinter dem Nebel wurde plötzlich für jedermann eine klar konturierte Figur sichtbar: Kohl war nicht mehr tragbar. Jeder konnte das plötzlich spüren. Und die Politik setzte dieses Gefühl in politisches Handeln um. Der Talkdiskurs war damit beendet. Sandra Maischberger und ihre neue Sendung mussten sich noch einmal neu erfinden.

Übrig blieb freilich aus dieser Zeit die vage Erwartungshaltung der Fernsehzuschauer, Polittalkshows wie „Maischberger“ oder „Sabine Christiansen“ könnten etwas Gutes bewirken im Diskurs zwischen den Volksvertretern und ihrem Volk. In Wahrheit haben sie mit ihrer Breaking-News-Dramaturgie mehr unmöglich als möglich gemacht. So wäre es zum Beispiel undenkbar, dass bei Günther Jauch statt der üblichen Verdächtigen aus dem parlamentarischen Milieu einmal ein Rechtsphilosoph säße, der über das Verhältnis von Moral und Gesetz spricht. Auch wäre es doch interessant gewesen, wenn jemand dieser Tage über den Fall Sauerland nachdächte und uns damit über die Dynamik des Falles Wulff aufklärt. Aber so schlau darf man nun nach dem „Tatort“ nicht mehr Programm machen. Am Montag heißt es übrigens bei „Hart aber fair“: Christian Wulff – ein Zumutung?“ Wieder dabei: Peter Hinze und viel Bühnennebel.

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