Eine chancenlose Jugend.
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Eine chancenlose Jugend.

„Die Wütenden“

„Die Wütenden“ im Kino: Die Elenden

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Der Autodidakt Ladj Ly hat mit „Die Wütenden“ ein grandioses Sozialdrama aus den Pariser Banlieue geschaffen.

Auch das Kino ist eine Klassengesellschaft. Unterschichtskinder sind an Filmschulen kaum zu finden. Entsprechend gefiltert ist der Blick auf soziale Realitäten, das ist in Frankreich nicht viel anders als in Deutschland. Der Pariser Filmemacher Ladj Ly, aufgewachsen als Kind von Einwanderern aus Mali im Pariser Vorort Montfermeil, war auf keiner Filmschule. Das Filmemachen brachte er sich selbst bei, indem er die Spannungen in dem vernachlässigten Stadtviertel dokumentierte. Das Fernsehen lehnte alle seiner Werke ab, eine Öffentlichkeit fanden sie dennoch, im Internet.

2008 filmte er einen brutalen Polizeieinsatz, einige beteiligte Beamte wurden später auf Grund seines Materials verurteilt. Auch sein erster Spielfilm, „Les Misérables“, spielt ausschließlich zwischen den Wohnmaschinen dieses Teils der Banlieues. Dass es diesen Film gibt, dass er im vergangenen Jahr in Cannes im Wettbewerb lief, grenzt an ein kleines Wunder. Mehr noch: Frankreich schlug das Werk des Quereinsteigers für den Oscar vor, und er wurde tatsächlich nominiert. Unwillkürlich erinnert man sich an den jungen Truffaut, der das Kino von unten revolutionierte, indem er von seiner eigenen Kindheit erzählte, gleichfalls mit Victor Hugo im Hinterkopf.

Der deutsche Verleih hat die Anspielung an Hugos Romanklassiker „Die Elenden“ modifiziert zu „Die Wütenden“. So einfach lässt sich eine soziale Lesart abschwächen, als wäre die Wut der chancenlosen Jugend aus etwas anderem als der Not geboren. Elend ein Wort, das beständig fällt, wenn Ly in Interviews über die sozialen Spannungen in den Vororten erzählt. Er wünsche sich, dass Macron diesen Film sehe, der seinen Plan über die Verbesserung der Lebensverhältnisse in den Vororten nie umgesetzt habe. Unwahrscheinlich, dass der Präsident der Republik dadurch von seinem neoliberalen Kurs abgebracht werden könnte. Aber er sähe einen großen Film.

Die Wütenden . Frankreich 2019. Regie: Ladj Ly. 105 Min.

Nur die dokumentarischen Bilder des französischen WM-Siegs 2018 am Anfang zeigen eine geeinte Nation. Wenige Tage später ist in Montfermeil, wo schon Hugo Passagen seines Romans ansiedelte, wieder alles beim Alten. Die Banden bekriegen sich, Jugendliche schlagen die Zeit tot, die Muslimbruderschaft testet ihren Einfluss, ein selbsternannter Viertel-Bürgermeister, der offensichtlich ein Gangster ist, spielt sich auf und eine Spezialeinheit der Polizei dreht ihre Runden. Es ist der erste Arbeitstag eines neuen Beamten in der Einheit, die von Chris, einem Schmalspur-Rambo, geleitet wird. Der junge Polizist Stéphane, gespielt von Damien Bonnard, einem Profi unter den vielen Laien des Ensembles, soll sich alles erst einmal vom Autorücksitz aus anschauen.

Subtiler Minimalismus

Ein zunächst nebensächlicher Einsatz macht den fragilen Frieden zwischen der Polizei und den Bewohnern zunichte: Aus einem Roma-Wanderzirkus ist ein Löwenjunges geraubt worden. Bei der Jagd auf den minderjährigen Täter werden die Polizisten von Kindern mit Steinen beworfen. Der jugendliche Dieb wird daraufhin von einem Gummigeschoss der Polizei getroffen und schwer verletzt, was wiederum ein anderer Schüler mit einer Kameradrohne filmt. Anstatt nun den Verletzten zu versorgen, lässt Chris Jagd auf den Kamerachip machen.

Was wie das einfache Szenario eines Fernsehkrimis klingt, ist für dieses atemberaubende Tableaux von einem Sozialdrama lediglich das Setting. Man glaubt gern, dass sich Ladj Ly in dem filmenden Jungen selbst porträtierte. Sein Frühwerk „365 jours à Clichy-Montfermeil“ entstand mit der Handkamera wie eine Kriegsreportage, und diesen Stil überträgt er nun auf die große Leinwand.

Zugleich entsteht aber auch eine subtile Überhöhung, schon die warmen Farben sind ungewöhnlich für einen Film aus den Banlieues. So feindselig die Plattenbauten üblicherweise dargestellt werden, der Filmemacher, der hier aufwuchs, zeigt sie zugleich als Lebensraum. Ladj Ly betont, dass er keine Vorbilder habe, und in der Tat imitiert sein Film keinen Filmstil. Vielleicht bringt er deshalb das Disparate zusammen: den Minimalismus eines Bresson und die Verwegenheit eines Spike Lee, gerade recht für ein Milieu der Gegensätze. Im Motiv des Wanderzirkus kommt noch einmal eine weitere, unaufdringliche Attraktion in den Film. Auch wenn Victor Hugos Roman wenig mehr als den Schauplatz anregte, ist da doch ein Überschuss an Schönheit und unvermuteter menschlicher Wärme. Inmitten der Action kommt er auf leisen Sohlen.

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