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Ein Gerichtsverfahren mit weitreichenden Konsequenzen: Ist Lars Koch (Florian David Fitz, l.) ein Held oder ein Mörder und durfte er das Leben von 164 Menschen opfern, um 70.000 zu retten?

„Terror – Ihr Urteil“

Wie würden Sie entscheiden?

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Theater im Dienst einer moralischen, ethischen und rechtlichen Debatte: Die Fernsehzuschauer dürfen in Ferdinand von Schirachs „Terror“-Prozess mitstimmen.

Wer vor einem Jahr Oliver Reeses Uraufführungsinszenierung von Ferdinand von Schirachs „Terror“ am Schauspiel Frankfurt gesehen hat, dem bietet der große ARD-„Terror – Ihr Urteil“-Abend eigentlich nichts Neues mehr. Kraume hat heute Abend die Nahaufnahmen, die ein Kammerspiel suggerieren, obwohl „Terror“ kein Kammerspiel ist, sondern alles, was dazu gehört – Psychologie, Beziehungen, Entwicklungen –, so flach gehalten wie möglich. Reese hat dafür die Anwesenheit der Schauspieler und der Abstimmenden, wobei die Nähe eine Illusion ist, da anders als auf dem Sofa keine Gelegenheit ist, sich in Diskussionen zu verstricken.

Reese hat Max Meyer als Verteidiger, Kraume Lars Eidinger, beide abendfüllend, Meyer exaltierter als der fast unsichtbar sich gebende Eidinger. Die Ähnlichkeit zwischen Martin Rentzsch (Reese) und Burghart Klaußner (Kraume) als herzlich trockenem Richter und Bettina Hoppe (Reese) und Martina Gedeck (Kraume) als Staatsanwältin ist unheimlich. Zweiteres sagt womöglich etwas darüber, wie sich Regisseure konzentrierte Frauen bei der Arbeit vorstellen (gedrosselte Mimik, blasse Lippen, die Stimmen schneidend monoton).

Reese und Kraume verfolgen also einen nicht unähnlichen Ansatz: Schauspieler, die sich bemühen, wenig zu schauspielern (ein hoher schauspielerischer Aufwand, ohne Frage) und ohne jedwede Abweichung so zu sein, wie es hier draußen im Leben und speziell bei der Arbeit bei Gericht üblich sein mag. Keine Sperenzchen, alles dient einem Diskurs, der in Dialoge, Befragungen und Plädoyers gehüllt ist. Dass eine Gerichtsverhandlung so kaum ablaufen wird, fällt dem Laien nicht auf (oder erst später). All das hängt damit zusammen, dass die Zuschauer am Ende entscheiden sollen, wie die Geschichte ausgeht. Theater also, aber Theater, das sich zugleich in den Dienst einer moralischen, ethischen, rechtlichen Debatte stellt. Es hat, muss man dazusagen, auf Bühnen auch andere Versuche gegeben, „Terror“ ins Bild zu bringen, mehr Video und Drumherum.

Jetzt also noch einmal für alle. Im Anschluss kann auf verschiedenen Wegen darüber abgestimmt werden, ob der angeklagte Luftwaffenmajor – verhalten bis ins Pomadige im Dienste der Sache: Florian David Fitz – zu Recht eine Passagiermaschine der Lufthansa mit 164 Menschen an Bord abgeschossen hat, die nach ihrer Entführung offenbar in die mit 70 000 Menschen gefüllte Münchner Allianzarena gelenkt werden sollte. Zweifelhaft ist, ob nicht etwas anderes hätte unternommen werden können, das Stadion zu räumen, dies doch zumindest. Die Verteidigungsministerin sagt jedenfalls nein zum angefragten Abschuss und sonst nichts weiter. Der Bodendienst der Luftwaffe schildert, wie alle vor Ort 28 Minuten lang auf den Bildschirm glotzen. Die Frage, ob sie nicht lediglich darauf warten, dass der Pilot trotzdem schießt, steht im Raum. Rainer Bock als biederer Kamerad des Angeklagten kann es auf Nachfrage nicht ausschließen. Jördis Triebel als Nebenklägerin und Frau eines der Passagiere vertritt die Opferseite. Denn natürlich geht es nicht, wie Eidinger sagen wird, bloß um ein Prinzip.

Während der Abstimmung danach, telefonisch und via Internet, wird Frank Plasberg schon mit Experten diskutieren. Der Richter verkündet später das Urteil, zwei Filmschlüsse wurden vorbereitet. Interessant, dass eine solche Abstimmung, wenn sie den Theatersaal verlässt, etwas Unbehagliches bekommt. Noch unbehaglicher ist freilich die Einsamkeit des Täters angesichts der Situation, auch wenn Fitz in keinem Moment Unsicherheit signalisiert. Eine Unlogik des Textes übrigens, dass er anscheinend erst auf Nachfrage darüber nachdenkt, was er getan hätte, wenn seine eigene Frau und sein Kind im Flugzeug gewesen wären. Natürlich stellt man sich doch vor, dass er – dass ein seriöser Soldat – die Zeit seiner U-Haft über an nichts anderes gedacht hätte.

„Terror“ ist ein theoretisches Konstrukt, aber kein unmögliches. In einer entsetzlichen Realität, denkt man sich, müsste der Major, der geschossen hat, ohnehin eine Nebenfigur sein. In den Theatern lief es bisher, liest man auf einer Karte im Internet, terror.theater, meistens auf einen Freispruch hinaus, erreicht durch eine knappe, aber stetige Mehrheit von 59 Prozent.

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