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Was liest ein Romancier wie Philippe Claudel, der zur Kamera gegriffen hat, in den Gesichtern der Frauen?
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Was liest ein Romancier wie Philippe Claudel, der zur Kamera gegriffen hat, in den Gesichtern der Frauen?

"So viele Jahre liebe ich dich"

Wovon man nicht schreiben kann

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Zwei Schwestern finden nach vielen Jahren der Trennung wieder zueinander: Das Regiedebüt von Autor Philippe Claudel.

Was bekommt man, wenn Romanautoren plötzlich in den Regiestuhl wechseln? Bessere Dialoge? Vielleicht. Manchmal aber auch etwas mehr. Wer die Freiheit an seinem Schreibtisch allen Ernstes gegen das Gewimmel auf einem Filmset eintauscht, von den Zwängen des Produktionsbetriebs ganz zu schweigen, der will etwas zeigen. Das galt für den verstorbenen Science-Fiction-Visionär Michael Crichton ebenso wie auf ganz andere Art für Peter Handke, der bei "Die Abwesenheit" zum Landschaftsmaler wurde.

Auf unglückliche Weise gilt es auch für Michel Houellebecq, der den Zuschauer in "Die Möglichkeit einer Insel" zu einer derart enervierenden Lanzarote-Wanderung verurteilt, dass an einen großen Kinostart nicht zu denken ist.

Auch sein Landsmann Philippe Claudel, der als Romancier eine Vorliebe für provinzielle Schauplätze hegt, lädt mit seinem Regiedebüt "So viele Jahre liebe ich dich" erst einmal zur Ortsbegehung. Im geruhsamen Städtchen Nancy führt eine Lehrerin (Elsa Zylberstein) ein ebensolches Familienleben. Sie selbst wähnt es offenbar auf derart festen Fundamenten, dass sie es gegen jeden vernünftigen Rat sogar mit der Anwesenheit ihrer Schwester belastet. Kristin Scott Thomas spielt diese schon auf den ersten Blick entrückte Figur, deren Geschichte sich erst allmählich erschließt. Fünfzehn Jahre saß sie im Gefängnis für einen Mord: an ihrem sechsjährigen Sohn. Von den Eltern gänzlich verleugnet, wurde ihre Existenz auch von der jüngeren Schwester gründlich verdrängt. Und wenn sie nun dennoch ins Haus geladen ist, dann wohl auch, damit sich dieser für sie belastende Zustand endlich ändert.

Was Claudel hier zunächst zeigen will, und zwar so eindringlich, wie er es als Autor wohl kaum beschreiben könnte, sind die Gesichter dieser Frauen. Was sich in ihnen lesen lässt, steht sehr lange im offenen Widerspruch zu dem, was sie sich sagen. Man kann sich äußerlich tolerant zeigen gegenüber einer juristisch verbüßten Schuld. Diese aber tatsächlich im Innersten erdulden zu können, steht auf einem ganz anderen Blatt. Die politische Ebene dieses Konfliktes könnte nicht brisanter sein. Überall im zivilisierten Europa erlebt die unmenschliche Strafe der Sicherheitsverwahrung einen ungekannten Boom: Im Wegsperren versichert sich die Gesellschaft auch gegen jede schmerzhafte Toleranzprobe.

Resozialisierungsdramen sind gerade im liberalen Hollywood ein beliebter Kinotopos. Dass aber jeder Mensch nach langer Haft unwiderruflich geschädigt ist, sah man den heroischen Wiedereinsteigern in den amerikanischen Traum selten an. Kristin Scott Thomas gibt diesen Verwundungen im ersten Teil des Films einen überaus glaubwürdigen Ausdruck. Dann aber verliert Claudel all das aus den Augen, was seinen Film bis dahin so interessant gemacht hat.

Die Kehrtwende zum Sentimentalen, die er nun einschlägt, stiehlt sich aus dem interessanten Konflikt um den menschlichen Umgang mit verbüßter Schuld geradewegs heraus. Selbst für Kristin Scott Thomas ist kaum noch spielbar, was seine abstruse Kolportage nun von ihr verlangt. Wenn die verurteilte Mörderin mit pompöser Enthüllungsgeste zur heroischen Sterbehelferin umgedeutet wird, kommt nicht einmal mehr Rührung auf. Selbst in der Glanzzeit des Hollywood-Melodrams in den 1950er Jahren hätte sich kaum glaubhaft vermitteln lassen, dass ein Mensch aus Gram fünfzehn Jahre freiwillig hinter Gittern sitzt.

Nur einmal gelingt Philipe Claudel in seinem Film zuvor noch eine Szene, die tatsächlich erklärt, warum er als Autor überhaupt zur Kamera greift. Da führt er uns zu einer der wenigen Schönheiten von Nancy, der Sammlung des naturalistischen Malers Emile Friant im städtischen Kunstmuseum. In einem Frauenporträt dieses heute fast vergessenen, 1932 gestorbenen Vorboten des Fotorealismus zeigt er, wie er sich seine tragische Heldin tatsächlich vorstellt: Als einsam Trauernde, die sich allein durch einen abgewandten Blick aus freien Stücken vor der Welt verschließt.

So viele Jahre liebe ich dich, Regie: Philippe Claudel, Frankreich 2008, 115 Minuten.

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