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Himesh Patel als Jack Malik in einer Szene des Films „Yesterday“.

„Yesterday“

A World Without Love

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In seiner romantischen Komödie „Yesterday“ führt Danny Boyle in eine Welt, die sich nicht an die Beatles erinnert.

Es gibt Filme, die mit großen Stars zu Erfolgen werden oder mit spektakulären Effekten. Etwas seltener sind im kommerziellen Kino jene mit der einen, richtig guten Idee. Filme wie: „Und täglich grüßt das Murmeltier“, um ein Beispiel zu geben. Die Helden dieser Filme sind ihre Drehbuchautoren, und wer eine solche Idee sein eigen nennt, ist im Vorfeld keineswegs zu beneiden. Schließlich muss man sie erst einmal an den Mann oder die Frau bringen, ohne dass sie einem stibitzt wird. Und dann muss man ein Drehbuch aus ihnen entwickeln, das sie hegt und pflegt und auf jeder Seite strahlen lässt. Und schließlich gehört ein Regisseur oder eine Regisseurin dazu, jemand, der die Idee versteht und das Beste daraus macht.

„Yesterday“ gehört in diese Kategorie. Die gute Idee hinter diesem Film passt in drei Sätzen auf ein Filmplakat, und sie geht so: „Gestern kannte jeder die Beatles. Heute kann sich nur noch Jack an ihre Songs erinnern. Jetzt wird sich einiges für ihn verändern.“

Eine bescheidene Darbietung von „Yesterday“

Die gute Idee, einen Film zu machen über eine Welt ohne die Beatles, kommt keineswegs von schlechten Eltern. Drehbuchautor Richard Curtis, ein Veteran von 62 Jahren, wurde bekannt mit „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ und „Notting Hill“. Mit Danny Boyle tat er sich mit einem Regisseur zusammen, der seit „Slumdog Millionaire“ auf den Ein-Ideen-Film geradezu spezialisiert ist.

Yesterday. GB 2019. Regie: Danny Boyle. 117 Min.

In wenigen Strichen malt er zunächst die bescheidene Welt seines Protagonisten Jack. Der international noch wenig bekannte Fernsehschauspieler Himesh Patel spielt den 30-jährigen Hobbymusiker, der halbtags in einem Supermarkt jobbt, damit er den Rest des Tages an seiner wahren Karriere als Singer-Songwriter basteln kann. Seine Songs sind weder gut noch schlecht, es fehlt ihnen einfach das gewisse Etwas. Einen treuen Fan immerhin hat er in Gestalt seiner Jugendfreundin Ellie (Lily James), die ihm immer wieder einmal einen Auftritt organisiert. Leider ist Jack bei allem Eifer blind für ihre Gefühle und auch die eigenen, die er für sie hegt. Wäre er es nicht, schriebe er vielleicht auch bessere Songs. Dann bräuchte er auch nicht zu seinem Glück diese unglaubliche Schicksalswende. Aber dann wäre dies ja auch nur eine Erfolgsgeschichte aus dem Musikgeschäft wie alle anderen.

Als Jack während eines globalen Stromausfalls von einem Bus angefahren wird und etwas angeschrammt erwacht, findet er sich im Besitz jenes kostbaren Geheimwissens wieder, das ihn vom Rest der Menschheit abhebt und unweigerlich zum Shootingstar der Musikindustrie erhebt. Eine bescheidene Darbietung von „Yesterday“ für seine Freunde wird zur Offenbarung: Jeder gratuliert ihm zu dem „großartigen Song“. Zugleich tappt der Film aber bereits in seine erste Falle. Wie kann es sein, dass man diesem halb talentierten, lebensunerfahrenen Mann Paul McCartneys größten Wurf ohne weiteres zutraut? Selbst wenn es die Beatles nie gegeben hätte und eine Google-Recherche nach ihnen lediglich zu Käfern führt. Das Lied ist einfach zu gut für ihn und passt zu nichts, was zuvor von ihm zu hören war.

Dieses Handlungsmuster wiederholt sich im Folgenden mit nahezu jedem Beatles-Nummer-1-Hit, den Jack in Windeseile aus dem Gedächtnis niederschreibt. Nicht jedes Premierenpublikum weist sich freilich der Ehre würdig. Völlig unmöglich ist ihm zum Beispiel, in Jacks Elternhaus die nötige Aufmerksamkeit für vier Minuten „Let It Be“ aufzutreiben. Für Autor Curtis ist die turbulente Szene in der indisch-stämmigen Familie eine Routine-Übung, bestes Boulevard-Theater komplett mit Sofarücken, Türklingeln und Handybimmeln; Danny Boyle inszeniert so etwas mit links. Aber man beginnt sich doch auch bereits zu fragen, ob denn die Idee nicht doch etwas mehr hergeben könnte als solch launige Momente.

„All You Need Is Love“

Wäre die Welt ohne die Beatles denn wirklich lediglich um ein paar Hits ärmer? Immerhin, auch die von ihnen schwer beeinflusste Band Oasis hat es in dieser Geschichte konsequenterweise nie gegeben, was ein charmanter Einfall ist. Aber die Beatles allein auf ihre Hits zu reduzieren, ist schon ein starkes Stück. Wie keine Musikgruppe vor und nach ihnen haben sie schließlich auch die Kultur verändert. Die Beatles ohne „All You Need Is Love“? Ein früher, weniger bekannter Lennon/McCartney-Song gibt davon schon prophetisch eine Ahnung: „I don’t care what they say“, heißt es im Refrain, „I won’t stay in a world without love“.

Und selbst, wenn man die Beatles auf ihre Musik reduziert, ist diese doch untrennbar von ihren frühen Auftritten oder der späteren Albumgestaltung und den genialen Experimenten im Abbey-Road-Studio.

Je weiter dieser über weite Strecken durchaus vergnügliche Film fortschreitet, desto mehr beschleicht uns der Verdacht, dass weder sein Autor noch sein Regisseur besondere Beatles-Fans sein können. Rein selbstzweckhaft ist das indisch-stämmige Milieu des Protagonisten, es gibt keinen Hinweis auf den Indien-Bezug der Beatles. Oder wie wäre es gewesen, die Gerüchte um den angeblichen Tod Paul McCartneys vor fast fünfzig Jahren, einzuweben? Dieser Film hat wirklich nur eine einzige Idee, und sie wird kleiner und kleiner, je länger der Film dauert. Doch Curtis und Boyle sind Routiniers ihres Fachs; man kann ganze Drehbuchlehrbücher von ihren früheren Filmen ableiten. Darin kann man zum Beispiel studieren, wie sich durch liebenswerte Nebenfiguren von einer dünnen Handlung ablenken lässt. Hier werden die schrulligen Charaktere, die man immer sieht, wie Kasperlefiguren hervorgeholt und noch nicht einmal richtig abgestaubt: Die arme Freundin des Helden, von der man bis zuletzt nicht begreift, warum sie nichts von der eigenen Attraktivität zu wissen scheint, ist ein geradezu frauenfeindliches Klischee.

Dutzendfach gesehen auch der nervige beste Freund Rocky, ein Nerd wie aus dem Bilderbuch. Allein Singer-Songwriter Ed Sheeran fällt in seiner Nebenrolle positiv auf, doch das liegt nur daran, dass er statt eines weiteren Klischees vorsichtshalber sich selber spielt. Alles, was er dafür tun muss, hat schon Ringo Starr in einem Beatles-Song geraten: „Act Naturally“. Ein Jammer, dass man in diesem Film sonst so wenig auf die Beatles hört. Allein, was sich in ihrem Werk über das Filmemachen lernen lässt, sollte Filme wie „Yesterday“ eigentlich für immer verhindern. Man stelle sich nur einmal den Film „Yellow Submarine“ mit einer einzigen Idee vor statt der tausend, die darin stecken. Langsam aber unaufhaltsam sehen wir „Yesterday“ auf Grund sinken.

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