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Der Zauberkünstler und die Wahrsagerin: Colin Firth und Emma Stone in "Magic in the Moonlight".

Filmkritik „Magic in the Moonlight“

Woody Allens romantische Komödie

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Zauberkunst ist keine Hexerei in „Magic in the Moonlight“: Colin Firth spielt einen prosaischen Magier auf Freiersfüßen.

Es ist wohl kein Zufall, dass der chronische Skeptiker Woody Allen gerade in jenem Augenblick im amerikanischen Kino reüssierte, als sich das alte Hollywood gerade von der Leinwand verabschiedet hatte: Wer mit den großen Illusionen handelt, tut das nicht für notorische Zweifler. Und nun war da also dieser bebrillte New Yorker Intellektuelle, der im alten Hollywood nie eine Hauptrolle ergattert hätte – und wünschte sich genau dieses Kino zurück.

Die Liebeserklärungen, die Woody Allen an die Traumfabrik geschrieben hat, gehören zu den schönsten, die wir kennen. Manchmal richteten sie sich direkt an die Mythenschmiede und ihre Genre-Konventionen („Mach’s noch einmal, Sam“, „Purple Rose of Cairo“), manchmal huldigten sie einfach nur dem groß zelebrierten Kinogefühl („Manhattan“). So messerscharf er in seinem Werk ansonsten alle Rituale der westlichen Zivilisation sezierte, nie rührte er am Allerheiligsten des Kinos, an seiner Lust an der großen Illusion.

„Magic in the Moonlight“ handelt von einem berufsmäßigen Illusionisten, der zugleich ein unverbesserlicher Zweifler ist. Im Berlin des Jahres 1928 feiert der britische Zauberkünstler Stanley (Colin Firth) in chinesischer Verkleidung Triumphe in Varietés, die groß genug sind, wie der legendäre Wintergarten: Ganze Elefanten lässt er verschwinden mit einem ähnlichem technischen Kalkül wie es heute den Tricks eines David Copperfield zu Grunde liegt. Nichts verachtet der Prosaiker dabei mehr als Kollegen, die für sich übersinnliche Fähigkeiten reklamieren.

Als die junge Hellseherin Sophie Baker (Emma Stone) Furore macht, lässt er sich gerne überreden, sie als Betrügerin zu enttarnen. Der Spielort verlagert sich nach Südfrankreich, wo sich die attraktive junge Frau von der schwerreichen Familie ihres amerikanischen Verehrers umsorgen lässt. Hamish Linklater spielt diesen harmlosen Müßiggänger mit einer Ukelele als ständiger Begleiterin. Doch die Romantik ex machina verfängt bei der jungen Frau nicht wirklich, obwohl die Aufrichtigkeit seiner Gefühle wohl auch dem Blick der Hellseherin standhalten würde.

Es ist wohl doch so, dass Geld und Sorglosigkeit langweilig machen können – und den kritischen Besucher Stanley damit umso interessanter. Der allerdings ist erst einmal wenig beeindruckt von Sophies bei ihren Gönnern so erfolgreichen Auftritten als Medium – denkbar biederen Seancen, bei denen Kerzen durch die Luft schweben und Verstorbene auf intime Fragen mit Klopfzeichen antworten. Und doch: Immer wieder verblüfft die junge Frau Stanley durch ein Geheimwissen, das nur mit Telepathie zu erklären scheint.

Wir müssen selbst nicht mit hellseherischen Fähigkeiten gesegnet sein, um zu erahnen, was sich anbahnt: Eine ganz andere Art von Magie erwischt die beiden unweigerlich. Wobei sie nicht ganz frei ist von wirkungsmächtigen Begleiteffekten – wie dem Mondschein, dem rechten Zufluchtsort beim Sommergewitter, und natürlich Sophies unwiderstehlichem Lächeln. Seit „Bridget Jones“ hat man Colin Firth so oft als hartgesottenen Rationalisten gesehen, dass sein Auftauen nur eine Frage der Zeit scheint.

Von all dem dazu nötigen Zauber und der Anziehungskraft der Gegensätze erzählt „Magic in the Moonlight“ in nostalgischen Farben, für die noch echtes Filmmaterial durch eine Kamera gelaufen ist. Südfrankreich-Touristen können sich über Innenansichten der Villa Eilenroc in Cap d’Antibes freuen sowie der Villa la Renardière in Mouans-Sartoux. Woody Allen mag ein eingefleischter Städter sein, aber einer mit ausgeprägter Liebe zur Provence.

Auch an hinreißenden One-Linern, fehlt es nicht, sie fließen dem 78-jährigen Allen noch immer leicht aus der berühmten Schreibmaschine. Wie dem Credo jener liebenswerten alten Dame, die sich den Zweiflern trotzig in den Weg stellt: „Wenn es kein Leben nach dem Tod geben sollte – warum hat sich der liebe Gott denn die Mühe gemacht, das alles zu erschaffen?“

Filmisch aber will sich diesmal nicht ganz die besondere Magie einstellen, die immer noch durchschnittlich jeden zweiten Woody-Allen-Film zu einem neuen Klassiker macht. Routiniert nutzt der Zauberkünstler im Regiestuhl die Spielzeit in den zwanziger Jahren, um wieder einmal seine liebsten Jazzplatten von Bix Beiderbecke und Paul Whiteman aufzulegen. Doch das Kunststück, dem zentralen Zweifler in der Geschichte die nötige Liebenswürdigkeit einzuhauchen, gelingt nicht wirklich – dafür hält er einfach zu viele Tiraden gegen den schönen Schein.

Das alte Hollywood wusste schon, warum es einen großen Bogen machte um die Kritiker der Illusion. Zwar besaß man genug Schauspieler, die sie hätten verkörpern können – allen voran den unvergessenen George Sanders –, doch über Nebenrollen kamen sie meist nicht hinaus. Und nun wirkt Colin Firth eine Spur zu trocken, um den nötigen inneren Wandel glaubhaft zu machen. Ebenso fehlen der Geschichte die traumhaften Wendungen der ähnlich angelegten Allen-Komödie „Midnight in Paris“, obwohl es reichlich Gelegenheit dazu gegeben hätte.

Was nicht heißen soll, dass es nicht noch immer genug daran zu genießen gäbe. Die große Verzauberung, vom Filmtitel vollmundig versprochen, stellt sich leider nicht ganz ein.

Magic in the Moonlight. USA 2014. Regie: Woody Allen. 98 Min.

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