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Vier Frohgemute für ein Halleluja auf die Liebe.

TV-Kritik

Noch ein großer Schritt: „Woodstock – Drei Tage, die eine Generation prägten“

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Ein Dokumentarfilm erzählt die Geschichte von Woodstock, des bedeutendsten Festivals im 20. Jahrhundert.  

Ein merkwürdiger Zufall, dass vor 50 Jahren innerhalb von knapp vier Wochen zwei Ereignisse die westliche Welt bewegten (und bis heute bewegen), die unterschiedlicher kaum hätten sein können: Die erste Landung eines Menschen auf dem Mond und das bis heute größte Musikfestival auf dem Globus. Die Raumfahrt geprägt von wissenschaftlich exakter, militärisch definierter Arbeit, die Musikveranstaltung entstanden trotz unerfahrener Organisatoren, aber durch das freiwillige und spontane Zusammenwirken Tausender. Hier das Kollektiv, im Genuss vereint, dort der zum Helden erklärte Einzelne, der einen „großen Schritt für die Menschheit“ tut. Doch vielleicht hat die Bewegung der Massen von Woodstock letztlich weiter reichende Folgen gehabt, weil sie die Gesellschaft tiefgreifender verändert hat.

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„Woodstock – Drei Tage, die eine Generation prägten“ heißt der Dokumentarfilm von Barak Goodman und John Kleszny, der die Geschichte dieses Musikfestivals der Superlative aus der Sicht der Beteiligten erzählt. Dabei konnten sich die Autoren auf umfangreiches und noch nicht ver-sendetes Filmmaterial von Zeitzeugen verlassen, die sich mitten im Geschehen bewegten, angefangen mit den Produzenten John Roberts und Joel Rosenman. Sie wollten mit dem Geld, das Roberts’ Großvater mit Zahnreinigungsmitteln verdient hatte, seriöse Geschäftsleute werden, bis sie Michael Lang und Artie Kornfeld, Manager bei Capitol Records, trafen.

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 Aus der Absicht, ein Tonstudio im Künstlerort Woodstock zu gründen, wurde der Plan eines Konzerts, da bereits einige Größen des Musikgeschäfts ihre Zusage gegeben hatten. Was folgte, war zunächst das Chaos der Vorbereitung, das die Autoren ausführlich schildern: „Am Montag, 8. August, war alles soweit vorbereitet, dass das Festival im November hätte stattfinden können.“

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„Woodstock“: "Goodman und Kleszny schaffen es, das Einzigartige zu vermitteln

Goodman und Kleszny benutzen für die Berichte ihrer Zeugen fast ausschließlich Stimmen aus dem Off, die berüchtigten „Talking Heads“ tauchen nicht auf. So erinnert sich eine Vielzahl von Besuchern an die Reise zur Wiese des Milchbauern Max Yasgur, sind verwackelte oder grobkörnige Aufnahmen lachender Gesichter in der Prozession zum Gelände zu sehen, dieser „riesigen Schüssel voller Menschen“, wie sich ein Teilnehmer erinnert.

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„Woodstock – Drei Tage, die eine Generation prägten“, ARD, 22.45 Uhr.

Das Festival ist ja längst Thema einiger Filme, so der offiziellen Verwertung des Materials durch Michael Wadleigh und eines Spielfilms von Ang Lee, aber die Autoren Goodman und Kleszny haben es geschafft, die Atmosphäre und das Einzigartige von Woodstock intensiver zu vermitteln, weil sie sich die Perspektive von „unten“, aus Sicht der Besucher, Mitarbeiter und Helfer zu eigen machen. Die Erinnerungen an das Erlebnis im Halbrund vor der Bühne inmitten von etwa 400.000 Gleichgesinnten sind naturgemäß fast durchweg verklärend, aber die Probleme wie der Drogenkonsum und dessen Folgen werden nicht ausgespart.

„Woodstock“: Jimi Hendrix trifft das Gefühl seines Publikums

Durch den vielstimmigen Chor der Zeitzeugen schält sich die Bedeutung dieser „drei Tage von Liebe und Frieden“ schärfer heraus: Zum ersten Mal erlebten viele junge Amerikaner das Gefühl von Gemeinschaft und, wichtiger noch, Gemeinschaft in Freiheit. Und das in einem gesellschaftlichen Klima, das von Konflikten wie um den Vietnamkrieg, Rassenunruhen und die Ermordung zweier liberaler Protagonisten – „peace makers“, so eine Besucherin – geprägt war: Martin Luther King und Robert Kennedy. Hier aber, inmitten der friedlich zusammen die Konzerte genießenden Menschen, erlebten sie die Freiheit zu experimentieren, sich auszuprobieren, und

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Deshalb traf Richie Havens mit seinem beim Auftritt improvisierten Song „Freedom“ das Gefühl seines Publikums ebenso präzise wie Jimi Hendrix mit seinem genialen Gitarrensolo, der zerfetzten US-Nationalhymne, die nur hier, an diesem für das bewegte Jahrzehnt der sechziger Jahre so symbolischen Ort, erklingen konnte.

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