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Wolfgang Kohlhaase: Träumer des Alltags

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Von: Daniel Kothenschulte

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Der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase.
Der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase. © dpa

Mit dem Tod des großen deutschen Drehbuchautors Wolfgang Kohlhaase endet ein Kapitel der Filmgeschichte.

Erst vor zwei Wochen endete mit dem Tod von Jean-Luc Godard eine Ära, und nun schließt sich schon wieder ein wichtiges Kapitel der Nachkriegs-Filmgeschichte.

Der gleichaltrige Wolfgang Kohlhaase prägte als einer der wichtigsten Drehbuchautoren das deutsche Kino praktisch seit den Anfängen der Defa. Bereits Mitte der 50er Jahre machte er sich einen Namen als Erneuerer des Studiokinos, als er mit dem Regisseur Gerhard Klein einen ostdeutschen Neorealismus prägte. Von der Kritik „Berlin-Filme“ getauft, erzählten ihre Arbeiten Gegenwartsstoffe um Jugendliche in der Hauptstadt und gelten heute als Klassiker. „Eine Berliner Romanze“ ist eine grenzüberschreitende Liebesgeschichte vor dem Mauerbau: Eine junge Verkäuferin verliebt sich in einen Autowäscher aus dem Westen, der ihr helfen möchte, dort eine Mannequin-Ausbildung zu finanzieren. Der Traum endet mit seiner Arbeitslosigkeit, aber ein Happy-End gibt es trotzdem – er folgt ihr einfach in den Osten.

Viele von Kohlhaases Drehbüchern porträtieren die DDR in einem selten gelebten Idealzustand, doch für Propaganda waren ihre Figuren dann doch zu individualistisch. „Berlin um die Ecke“ (1965), eine weitere Zusammenarbeit mit Klein, wurde noch im Rohschnitt verboten und konnte erst nach dem Mauerfall vollendet werden.

Als Meister des Dialogs garantierte Kohlhaase seinen realistischen Stoffen einen menschlichen, stets geerdeten Tonfall, der insbesondere Konrad Wolf Vorlagen für große Filme lieferte. Am bekanntesten ist „Solo Sunny“, ein bei der Berlinale 1980 gefeiertes Meisterwerk. Hauptdarstellerin Renate Krößner gewann einen Silbernen Bären für ihre Darstellung einer Sängerin, die bei Auftritten in der Provinz ihre künstlerischen Träume mit der Lebensrealität in Einklang bringen muss. Keine Defa-Retrospektive wäre komplett ohne diesen Klassiker.

Wenn Kohlhaases Karriere nach der Wende nahtlos weiterging, lag das auch daran, dass er etwas beherrschte, was im bundesdeutschen Kino nach dem Ende des Neuen Deutschen Films zur Mangelware wurde: Eine glaubhafte soziale Verortung, verbunden mit einer selbstverständlichen Kombination aus Komik und Melancholie. Die mochte ihre Wurzeln noch immer im Neorealismus gehabt haben – und erwies sich als zeitlos. Zu Kohlhaases wichtigsten Arbeiten der 90er Jahre zählt sein Drehbuch zu „Die Stille nach dem Schuss“. Volker Schlöndorff inszenierte das Drama um eine Ex-Terroristin, die in der DDR ein glückloses Exilantinnen-Leben führt.

Sein tragikomischer Ton

Wer Kohlhaase damals begegnete, erlebte ihn wie seine Filmhelden – bescheiden und ausgesprochen fleißig. Im Regisseur Andreas Dresen fand er einen Seelenverwandten, der den tragikomischen Ton, den er so wunderbar beherrschte, vielleicht besser als alle anderen traf. 2005 wurde ihre gemeinsame Arbeit „Sommer vorm Balkon“ beim Filmfestival von San Sebastian gezeigt, 2007 schufen sie eine Art männliche „Solo Sunny“-Replik mit Henry Hübchen, „Whisky mit Wodka“. Ihren wohl schönsten gemeinsamen Film präsentierten sie 2015 auf der Berlinale: „Als wir träumten“, eine Geschichte aus der unmittelbaren Wendezeit, führte in seiner einfühlsamen Zeichnung jugendlicher Sehnsüchte Kohlhaase zurück zu seinen Anfängen.

Auch in seinen Achtzigern blieb dieser unfehlbare Arbeiter an der Schreibmaschine kreativ. Matti Geschonneck verfilmte 2017 „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ über einen Altkommunisten, der zu seinem 90. Geburtstag auf sein Leben zurückblickt. Erst 2020 kam ein weiteres verfilmtes Kohlhaase-Buch ins Kino, dessen originelle Idee abermals den großen Literaten verriet: „Persischstunden“ erzählt von einem belgischen Juden, der im KZ der Ermordung entgeht, weil er behauptet, Perser zu sein. Da er die Sprache nicht kann, erfindet er eine neue.

Wolfgang Kohlhaase hat keine neue Filmsprache erfunden, aber er hat den Menschen, die er meisterlich beobachtete, eine Sprache gegeben. Und gerade weil seine früheren Filme oft ein etwas idealisiertes Bild der DDR vermitteln, gehören sie zu ihren wertvollsten Dokumenten: Im Gewand des Realismus bewahren sie die Träume.

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