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Wladimir Solowjow – Ein Mann der Bosheiten und Widersprüche

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Von: Stefan Scholl

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Schimpft dieser Tage gerne auf Italien, wo er zwei Villen besaß: Wladimir Solowjow.
Schimpft dieser Tage gerne auf Italien, wo er zwei Villen besaß: Wladimir Solowjow. © imago

Wladimir Solowjow, Russlands populärster Propagandist, zelebriert in seiner Talkshow allnächtlich Wutanfälle und apokalyptische Drohungen gegen den Westen.

Wladimir Solowjow steht breitbeinig im Studio, hält eine Hand hinter dem Rücken seiner schwarzen Phantasie-Uniformjacke und beginnt mit leiser Stimme. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sei ein ewig ungewaschener, unrasierter Drogenkonsument, der zu nichts tauge, als angereistem Pack die Hand zu schütteln. „Heute ist eine Italienerin gekommen.“ Solowjow schweigt einen Moment.

Alle im Studio wissen, gleich wird es laut. Die Talkshow heißt „Abend mit Wladimir Solowjow“, jeden Abend zelebriert Wladimir Solowjow hier seine Wutanfälle. Der Moderator gilt als Chefpropagandist des Staatsfernsehens, seine Show dauert über zweieinhalb Stunden, läuft sechsmal in der Woche. Und jedes Mal beginnen kurz vor Mitternacht an den Stehtischen im Studio gespenstige Debatten, welche Menschen, Städte oder Länder Russlands Waffen als Nächstes vernichten sollten.

Solowjow redet, sechs andere lauschen geduldig. Der 59-Jährige ist ihr Patriarch, auch wenn die Gäste oft älter sind als er. Solowjow hat Putins Segen, ist mächtig und reich, schon 2019 verdiente er laut dem Journal Sobesednik 67 Millionen Rubel (890 000 Euro) im Monat…

Auch Solowjows Stammgäste dürften kaum umsonst vier Stunden am Tag für Anfahrt und Auftritt aufwenden. Abgeordnete, ukrainische Exilpolitiker, Menschen aus der Politikwissenschaft und den Medien. Einige machen selbst Moderationen in seinem TV-Kanal „Solowjow live“. Meist Männer, ab und zu taucht als Stargast Russia-Today-Chefredakteurin Margarita Simonjan auf. Sie bekommt sogar einen Stuhl.

Andersdenkende gibt es bei Solowjow nicht mehr. Aber eine eigene Hierarchie. Der Duma-Abgeordnete Andrej Guruljow, Generalleutnant der Reserve, trägt zum Tag des Vaterlandsverteidigers fünf glänzende Ordensreihen auf seiner prallen blauen Paradeuniform. Man müsse konsequent sein, Kiew in Asche legen, dröhnt er, um den Todfeind Selenskyj endlich zu vernichten. Solowjow hört ohne Widerworte zu, schwärmt danach von Guruljows „Kühnheitsmedaille“ und dem „Tapferkeitsorden“, das seien die Orden, die bei den Frontsoldaten wirklich zählten ...

Guruljow und andere Favoriten treten auf, bevor Solowjow in einer Werbepause nach knapp eineinhalb Stunden seine komplette Mannschaft auswechselt. Zur zweiten Garnitur in der kürzeren Halbzeit danach gehört auch Konstantin Siwkow. Sein Titel lautet „Stellvertretender Präsident der Russischen Akademie der Raketen- und Artilleriewissenschaften“. Aber seine schwarze Kapitäns-Uniform wirkt ohne Kühnheitsorden ärmlich. Dafür trumpft er mit Russlands Wunderrakete Satan 2 auf: Ihre atomaren Einschläge im Sankt Andreasgraben und dem Yellowstone-Supervulkan könnten die gesamte US-Pazifikregion zertrümmern. Solowjow wechselt wenig interessiert das Thema, „Amerika versenken“ ist in seiner Runde ziemlich abgekaut.

Heute zürnt er Italien, Russlands Militärärzte hätten dort in der Pandemie selbstlos geholfen. Aber das Land kenne keine Dankbarkeit. „Grazie, Grazie!“, höhnt er, aber um italienischen Akzent bemüht. Bevor Solowjow vergangenen Februar auf die westlichen Sanktionslisten kam, besaß er zwei Villen in Italien.

Solowjow, siebenfacher Vater, gelernter Ingenieur und später Geschäftsmann, stieg 1998 quer in seine Moderatorenkarriere ein, beim liberalen Radiosender Solotoj Doschd. Jetzt lässt er fast nur noch Meinungsverschiedenheiten zu, bei denen er das letzte Wort hat. Aber laut einer staatlichen Meinungsumfrage vom Januar ist sein „Abend“ als populärste Talkshow von „60 Minuten“, einer anderen ultrakriegerischen, jedoch kürzeren Propagandasendung mit weniger Worten und mehr Bildern, verdrängt worden. Und er ist mit seiner Runde von einst 21 Uhr auf kurz vor Mitternacht gerutscht.

Es gibt Nächte, da wirkt Solowjow, der seit Februar 2022 sehr mager geworden ist, müde, resigniert und abwesend, während Gäste sich in siebenminütige Monologe versteigen. Ein abgekämpfter Prediger. Emotionen, auch Hass zu produzieren, ist anstrengend.

Dann tobt er wieder, fordert den Atomschlag, will Berlin wegen der deutschen Panzerlieferungen an die Ukraine dem Erdboden gleich machen. Oder er rät den Russen, nicht zu sehr am Leben zu hängen, sie kämen ja doch alle in den Himmel ...

Er schimpft weiter auf die Italiener. Als Dank für Russlands Covid-Hilfe hätten sie die drogensüchtige Null Giorgia Meloni, nach Kiew geschickt, um der Ukraine Militärhilfe zu versprechen. „Tu dir keinen Zwang an, Dämchen. In Russlands Erde sind viele italienische Soldaten begraben“, Solowjow Augen bohren sich in die Kamera, als wolle er Italiens Regierungschefin mit einem Blick töten.

Lange bevor seine Villa am Comer See im Rahmen der Sanktionen beschlagnahmt wurde, drehte er dort einen Film über Benito Mussolini, laut Solowjow „ein sehr mutiger Mann“, „kein Schuft, kein Mörder, kein Antisemit“, „ein glänzender Journalist.“ Solowjow kurvte im roten Alfa Romeo durch seinen Film, voller Stolz. Jetzt darf er nicht mehr in die EU einreisen.

Ein Mann der Bosheiten und Widersprüche, manchmal scheint es, als glaube er selbst, Russlands Armee sei unbesiegbar, aber ihre Niederlage nur mit Atomwaffen abzuwenden. Dann spielt er wieder großes, zynisches Theater.

Solowjow und die Mehrzahl seiner Rhetoren sind zu klug, um den nuklearen Weltkrieg für gewinnbar zu halten. Aber sie haben den Ehrgeiz, ihre Auftraggeber im Kreml mit möglichst radikalen Ideen zu beeinflussen. Und das macht ihnen immer wieder Riesenspaß. „Gerecht wäre es, wenn die ganze Welt russisch wird“, ruft ein Gast vergnügt in einer Sendung. „Aber Italien lassen wir als Staat übrig“, lacht ein anderer und das Studio kichert über die Anspielung auf Solowjows Vorliebe für Cabrio-Touren durch die Lombardei.

Was nutzt es Giorgia Meloni, dass sie selbst als Mussolini-Verharmloserin gilt, Solowjow zerreißt sie in der Luft. „Du besuchst Faschisten, Selenskyj ist Faschisto“, sein Zeigefinger malt Worte des Hasses in die Luft. Nicht nur, dass er Idiot und impotento ist, er ist auch noch Faschisto“... Am Ende seiner Tirade wirft Solowjow einen Blick in die Runde: „Hab ich mich klar auf Italienisch expressi?“, fragt er mit unmerklichem Grinsen. Und seine eigene Antwort übertönt das beifällige Gelächter der Gesellen: „Quasi perfetto!“

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