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Rupert (Matthias Brandt) rächt sich an zwei Polizisten, die seine Eltern erschossen haben.

TV-Kritik

„Wir wären andere Menschen“ mit Matthias Brandt: Der traurigste Mann

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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„Wir wären andere Menschen“ mit Matthias Brandt ist im ZDF zu sehen.

Der Schauspieler Matthias Brandt ist ein Virtuose der ernsten und weniger ernsten Melancholie, und er muss dafür keinen sichtbaren Aufwand betreiben. Er ist sozusagen ein Meister der Schauspielkunst durch schiere, überwältigende Anwesenheit. Jetzt schaut er auf, jetzt lächelt er ein bisschen, jetzt dreht er sich wieder weg.

In dem Film „Wir wären andere Menschen“ begibt er sich aber auf die andere Seite der Melancholie. Auf der anderen Seite der Melancholie gähnt ein Abgrund an Traurigkeit, und wenn es einen Wettbewerb der traurigen Filme gäbe, so müsste „Wir wären andere Menschen“ die Konkurrenz dabei tief in den Schatten stellen. Jan Bonny hat das Drehbuch von Ina Jung und Friedrich Ani inszeniert, dessen Grundlage Anis Erzählung „Rupert“ war.

Rupert Seidlein, Matthias Brandt, arbeitet als Fahrlehrer in einem Kaff im Rheinland. Niedlicher Name, überhaupt will man zuerst lächeln, als Brandt so lakonisch seiner Arbeit nachgeht. Der Horizont ist weit, aber da kommt nichts, was sich zu sehen lohnt. Die Fahrschüler, teils keck, teils überangepasst, brauchen den Führerschein vor allem, um schleunigst wegzukommen.

Hier ist Rupert aufgewachsen, hierher ist er aus zunächst nicht erfindlichen Gründen zurückgekehrt und sitzt wieder im Elternhaus, wo etwas Furchtbares passiert ist. Als Rupert 15 war, haben Streifenpolizisten seinen Vater, seine Mutter und seinen besten Freund erschossen, in einer heillos eskalierten, kaum zu glaubenden Situation. Dann wiederum muss man zugeben, dass alles Denkbare auf der Welt auch passieren kann, zumal wenn Menschen Waffen tragen. Denn die Polizisten sind schuld, aber vor Gericht war das nicht mehr recht zu klären, zumal Rupert offenbar keine Aussage machen konnte. All das ist immer einmal wieder in Rückblenden zu sehen, nichts wird ausführlich aufgeblättert, die Bilder eh kärglich, selten die Nahaufnahmen. Und wenn man sich orientiert hat, ist die Szene womöglich schon wieder vorbei. Bonny, Jung und Ani halten das Fernsehpublikum, das an steten Nachschub an Erklärungen gewöhnt ist, auch insgesamt sehr knapp. Einiges wird es sich zusammenreimen, anderes nicht. Wann hat Rupert sich zu dem entschieden, was er jetzt tut?

Rupert ist also wieder da. Auch die beiden Polizisten leben noch hier, längst im Ruhestand. Manfred Zapatka ist der joviale Typus, Paul Faßnacht der vermuckte. Der Ort ein totaler Alptraum. Geselliges Leben besteht aus dezenten Besäufnissen im Vereinsheim. Dass Ruperts sympathische Frau, gespielt von Silke Bodenbender, ein Alkoholproblem hat, fällt nur gelegentlich auf. Jeder hier hat ein Alkoholproblem, bei einer Trauerfeier in einem Lokal an der Straße haben die meisten einen sitzen, es wird gesungen. Jeder, der das sieht – auch dies in flüchtigen, dokumentarisch, nicht bewertend wirkenden Bildern, die umso intensiver sind –, wird den Traum vom Landleben sofort wieder an den Nagel hängen. Anja lacht aber meistens noch lauter als die anderen, und Bodenbender bietet eine fulminante Skala an kleineren und größeren Unangemessenheiten. Dabei gibt sich Anja Mühe, sie will nicht, dass Rupert zugrunde geht.

Auch über das Paar ist nicht viel zu erfahren. Auch Ruperts Unglück und die dünne Schicht, die sein Leben als eigenwilliger Fahrlehrer und friedfertiger Anwohner von seinen nächtlichen Alpträumen, seinen Weinkrämpfen, seinen Wutausbrüchen trennt, werden gezeigt, nicht kommentiert. Immer wieder ist bemerkenswert, was „Wir wären andere Menschen“ alles weglässt. Es gibt kein Pathos, es gibt keine klassisch ausinszenierten Höhepunkte – obwohl üble Dinge geschehen werden –, es gibt kein Finale im engeren Sinne, ein Finale, in dem sich etwas klären könnte, in dem etwas gehofft werden könnte.

Und was ist von der merkwürdig grellen Kriminalistenfigur zu halten, die Andreas Döhler auch wahrlich als bösen Kobold spielt? Uns, aber vor allem Rupert wird nichts erspart.

„Wir wären andere Menschen“, ZDF, 23.15 Uhr.

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