"Maybrit Illner", ZDF

"Wir sind ein weltoffenes Land"

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In Maybrit Illners Talkshow erklärte eine Labour-Politikerin die britische Mentalität und eine deutsche Politologin die historische Entwicklung zum Brexit.

Das britische Boulevardblatt „The Sun“ zeigte Theresa May nach der verlorenen Abstimmung im Unterhaus wenig charmant als ausgestorbenen Vogel: „Dead as a Dodo“. Aber das überstandene Misstrauensvotum hat bewiesen: Die Premierministerin lebt, wenngleich sie bisweilen eher wie ein Inquisitions-Opfer auf der Streckbank wirkt, ständig bedroht von der Verschärfung der Folter durch Opposition und eigene Parteifreunde. Das Prozedere des „Brexit“ ist eine Qual, für alle Beteiligten auf der Insel wie dem Festland, und es ist längst nicht ausgemacht, ob nicht alles noch schlimmer kommt. „Bye-Bye Britannia – überlebt die EU den Brexit?“ lautete das Thema bei Maybrit Illner, und die Mehrheit in der Runde  wollte daran keinen Zweifel lassen.

Denn nicht nur die Schuld, auch den größeren Schaden sahen Illners Gäste bei den Briten nach deren EU-Austritt. Carolin Roth, Finanzexpertin und Wirtschaftsjournalistin, machte die Rechnung auf: Die britische Wirtschaft würde nach einem „harten“ Brexit um ganze acht Prozent schrumpfen.

Stimmung „eigentlich traurig“

Das konnte und wollte Gisela Stuart kaum glauben. Die Labour-Politikerin mit deutschen Wurzeln stimmte für den Brexit und hielt die Prognose für weit übertrieben. Ihre Stimmung in der gegenwärtigen Lage beschrieb sie als „eigentlich traurig“, denn Briten und Europäer hätten „so viele Jahre aneinander vorbei geredet“.

Dass nun ausgerechnet Stuarts Wähler-Klientel, die Schicht der Unterprivilegierten, für den Austritt sei, wusste  Ulrike Guérot zu erklären, Politikwissenschaftlerin und Publizistin. Die EU werde von der Bevölkerung in den desindustrialisierten Regionen verantwortlich gemacht für den Verlust von Arbeitsplätzen, der aber eine Folge der Politik Margaret Thatchers vor gut 30 Jahren war (als sie, etwa im Bergbau, die Gewerkschaften zerschlagen ließ). Es sei im Kern eben nicht um die Abwehr von Einwanderern gegangen, so Stuart: „Wir sind ein weltoffenes Land“. Sondern es gehe darum, „wer das letzte Wort haben soll.“

Eben dieses letzte Wort  sei im Prozess der britischen Trennung von der EU noch nicht gesprochen, glaubt Außenminister Heiko Maas. Es gebe ja auch für „No Deal“ keine Mehrheit.  Und nun müssten die Abgeordneten in London erst einmal sagen, was sie denn wollen. Den harten Brexit jedenfalls wolle niemand, so Stuart, ignorierend, dass einige in Mays Regierung durchaus dafür sind.

Den größten Stolperstein sieht Gisela Stuart im sogenannten „Backstop“. Damit wird das Grenzproblem zwischen Irland und Nordirland umschrieben. Um hier eine Grenze zu vermeiden, müsste Großbritannien in der Zollunion bleiben, dürfte aber nicht Freihandel betreiben, könnte also – das ist eben des Windhunds Kern – nicht souverän entscheiden. Die Europäer geben sich  da hart, so Maas, weil man Sorge vor einem Wiederaufflammen des Bürgerkriegs in Nordirland habe, der bei Katholiken und Protestanten  ja zu Tausenden von Opfern geführt hat. Und Europa, so der deutsche Außenminister, sei auch „ein großes Friedensprojekt“ (unter taktvollem Verschweigen der Tatsache, dass sich Europa etwa auf dem Balkan in den neunziger Jahren nicht eben friedlich verhalten hat). Maas konnte sich nicht verkneifen, den Briten zu bescheinigen, dass sie an Irland nicht gedacht und wohl eine „etwas unüberlegte Entscheidung“ getroffen hätten.

Gisela Stuart hält eine starre Grenze auf der irischen Insel nicht für nötig und bekam Unterstützung von unerbetener Seite. Alexander Gauland, Altvorderer der AfD, war für eine Zollunion, aber gegen die Freizügigkeit. Er macht sich die Welt eben, wie sie ihm gefällt – Hauptsache, es kommen keine Ausländer darin vor.

Es war an Heiko Maas, noch einmal die europäischen Herausforderungen zu erläutern, die seien nämlich grenzenlos: Globalisierung, Digitalisierung, Klimawandel und Migration. Er wertete den Brexit als Signal der Unzufriedenheit mit Europa. Von Illner gefragt, was er ändern würde, nannte er eine stärkere Parlamentarisierung; notwendig sei eine „unmittelbare Legitimität“. Optimistisch sah  Wolfgang Sobotka die Zukunft des Kontinents, denn, so der Präsident des österreichischen Nationalrates, die Jugend auch in Großbritannien habe gegen den Austritt des Landes gestimmt.   

Zwei Aussagen aber brachten die Kluft zwischen der britischen und der deutschen Mentalität auf den Nenner und damit wohl eine stimmige psychologische Erklärung für das Brexit-Dilemma: Das deutsche Interesse, so Maas, habe einen Namen: Europa. Während Gisela Stuart gestand, kein britischer Politiker könne jemals sagen, dass britische Interessen dasselbe seien wie europäische.

„Maybrit Illner“, ZDF, von Donnerstag, 17. Januar, 22.15 Uhr. Die Sendung im Netz.

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