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„Wir sind dann wohl die Angehörigen“ im Kino – Chronik einer verhinderten Tragödie

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Von: Daniel Kothenschulte

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Claude Heinrich und Adina Vetter sind dann wohl die Angehörigen.
Claude Heinrich und Adina Vetter sind dann wohl die Angehörigen. © epd

Hans-Christian Schmid hat den Entführungsfall Reemtsma aus der Perspektive der Familie verfilmt: „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ ist ein seltenes Juwel des deutschen Films.

In Krisen werden Menschen zu Helden, wenigstens im Kino. So begann auch die Corona-Krise mit Beifall aus bürgerlichen Fenstern, der dann allerdings sehr bald verstummte. Und während sich eine Krise auf die nächste türmte, verblasste immerhin auch das falsche Pathos.

Hans-Christian Schmids Film „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ erzählt von einer Familie in einer Krise mit wenig Zeit für Heldenmut. Es ist die Verfilmung des gleichnamigen Erinnerungsbuchs von Johann Scherer, der 13 Jahr alt war, als sein Vater Opfer einer Entführung wurde – der bedeutende Intellektuelle Jan Philipp Reemtsma. 33 Tage verbrachte Johann mit seiner Mutter, Freunden der Familie und einem Krisenstab der Polizei in einem Zustand angespannten Wartens und zermürbender Hilflosigkeit.

In seinem Verzicht auf äußere Dramatik, aber mit einer unerhörten Sensibilität für innere Spannungen bricht der Film mit den Konventionen üblicher Entführungsfilme. Wahrscheinlich ist es der beste große deutsche Spielfilm 2022 und selbst einer Krise abgerungen. Gedreht unter großen Schwierigkeiten während der Pandemie, füllt er aus einer Kammerspielform gleichwohl die Leinwand. Und gerade in der Darstellung eines gespenstischen Überschusses an ungenutzter Zeit der hilflos Wartenden verschenkt er keinen Augenblick.

Eigentlich wäre für Johann eine gefürchtete Lateinarbeit das Ereignis dieses 25. März des Jahres 1996 gewesen. Doch dann weckt ihn seine Mutter Ann-Kathrin mit einem Satz, der klingt, als sei er an ein kleines Kind gerichtet: „Wir müssen jetzt ein Abenteuer bestehen.“ Da hat sie gerade ein Schreiben der Täter gefunden, eine Lösegeldforderung von zwanzig Millionen Mark. Adina Vetter, die vor allem als Theaterschauspielerin bekannt ist, spielt diese heimliche Protagonistin mit zurückhaltender und doch intensiver Präsenz. Es ist eine Art bürgerlicher Disziplin, wie dieser Film überhaupt ein gutes Auge hat für das Klassenbewusstsein der linksliberalen Oberschicht, in der er spielt.

Gleichwohl hat alle äußere Geduld irgendwann ein Ende angesichts der bedrohlich verstreichenden Zeit. Die Polizei ergeht sich in geschäftiger Untätigkeit, agiert – wie der Entführte selbst in einem Brief bemerkt – weniger professionell als seine Entführer. Das Spannungsverhältnis, das sich hier aufbaut, ist es auch, was diesen ungewöhnlichen psychologischen Thriller in Atem hält.

Unprofessionelle Polizei

Michael Gutmann hat den Film gemeinsam mit Hans-Christian Schmid geschrieben. Im Blick auf den jugendlichen Protagonisten knüpfen sie an ihre frühen Erfolge „Nach fünf im Urwald“ und „23“ an. Es wäre einfach gewesen, durch ein durchgehendes Voiceover Johann Scherer auch zum Erzähler dieses Films zu machen. Tatsächlich aber gelingt es ihnen, den Jungen, der in die Beobachterrolle gezwungen ist und von Entscheidungen ausgeschlossen, inszenatorisch präsent zu halten. Imponierend gespielt von Claude Heinrich, sind es seine Gefühle, die auf subtile Weise auch die Stimmung des Films bestimmen: die kaum artikulierte Angst, die Suche nach Ablenkung, das stille Realisieren des möglichen Todes des geliebten Vaters. Dann ist da aber auch die Neugier und eine fast ironische Realisierung des Absurden. Aus der oft grotesken Inkompetenz der Ermittler und nach gescheiterten Geldübergaben reift schließlich bei Ann-Kathrin der Entschluss, das Heft selbst in die Hand zu nehmen.

Schmid inszenierte diesen Film über weite Strecken an einem Spielort, der zum Krisenzentrum umfunktionierten Villa. Gleichwohl wirkt er niemals theatralisch, und auch mehrere Unterbrechungen merkt man ihm nicht an. In einer gerechten Welt wäre er auf internationalen Festivals gefeiert worden, wo das deutsche Kino dieses Jahr praktisch unsichtbar war – doch seine feinen Qualitäten wurden offensichtlich übersehen.

Manchmal sind es gerade die besten Filme, die erst übersehen werden müssen, um zu Klassikern zu reifen. Es gehört zu den Widersprüchen der deutschen Filmgeschichte, dass wohl nirgendwo mehr Fernsehkrimis entstehen, das Kino aber kaum neue Spielarten des psychologischen Thrillers hervorgebracht hat. Hier ist es gelungen, im Gewand des Familien- und Coming-of-Age-Films entstand ein psychologisches Drama von betörender Kraft.

Wir sind dann wohl die Angehörigen. D 2022. Regie: Hans-Christian Schmid. 118 Min.

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