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„Wir müssen mit und trotz der Pandemie leben“

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Von: Daniel Kothenschulte

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Gehen auf Risiko: Berlinale-Team Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian.
Gehen auf Risiko: Berlinale-Team Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian. ©  Markus Schreiber/afp

Berlinale-Direktor Carlo Chatrian über die Situation der Filmpresse bei seinem Festival unter Corona-Bedingungen.

Der italienische Festivalorganisator und langjährige Filmkritiker Carlo Chatrian (50) bildet als künstlerischer Leiter zusammen mit Mariette Rissenbeek die Doppelspitze der Berlinale. Nachdem die Berlinale 2021 in eine Online-Veranstaltung für akkreditierte Gäste und späteres Publikumsfestival aufgeteilt worden war, beginnt die 72. Ausgabe an diesem Donnerstag als reine Liveveranstaltung und dauert dann sechs Tage. Die FR berichtet täglich in ihrem Feuilleton vom Verlauf des Filmfests.

Herr Chatrian, anders als bei anderen Festivals während der Pandemie erlaubt diese Berlinale keine Online-Sichtungen mehr für Fachbesucher. Alle etwa 1700 Journalist:innen schicken Sie in acht parallel geschaltete Säle eines Kinos. Was kann ich tun, um mich nicht zu infizieren?

Die Säle an sich sind nicht gefährlich. Das Drumherum mit anderen Leuten, das kann schon gefährlich werden. Aber dafür gibt es Sicherheitsmaßnahmen und Nachverfolgung.

Schon bei einer normalen Berlinale tritt man sich doch da auf die Füße …

Aber es dürfen nur Journalisten in den „Cinemax“, und die sind geimpft oder genesen und werden jeden Tag getestet. Das schafft schon einmal Vertrauen. Und man muss pausenlos Masken tragen, Essen und Trinken ist ja nicht erlaubt. Wir haben da natürlich auch noch keine Erfahrung.

Aber Testen schützt mich ja nicht davor mich anzustecken. Und wenn es passiert, ist das Festival natürlich für mich vorbei, und ich muss in Quarantäne.

Das soll Sie schützen, denn Journalisten treffen ja viele Leute und machen Interviews.

Da muss ich widersprechen: Zu Interviews habe ich dieses Jahr überhaupt keine Zeit, Sie haben allein den Wettbewerb auf 18 Filme an sechs Tagen verdichtet.

Das Programm ist gar nicht so viel dichter als früher. Da waren es 341 Filme, jetzt sind es 256.

Aber da dauerte die Berlinale auch noch elf Tage. Bitte erklären Sie mir, wie ich noch ausreichend Filme aus anderen Sektionen sehen soll, um den Leser:innen ein umfassendes Bild zu vermitteln?

Sie mussten schon immer Entscheidungen treffen, was Sie sehen können, das war doch in Cannes nicht anders. Da liefen 24 Wettbewerbsfilme an zehn Tagen. Rechnen Sie doch mal nach, das ist fast dasselbe.

Nein, das ist es nicht. In Cannes konnte ich sogar 45 Filme an elf Tagen sehen, es gab dort aber auch nicht eine einzige Ansteckung. Man konnte bequem im Festivalgebäude seine Artikel schreiben, sogar unter freiem Himmel.

Sie können ja trotzdem noch nach der Preisverleihung an den restlichen Publikumstagen ins Kino gehen.

Pardon, Sie verleihen doch schon nächsten Donnerstag die Preise, da muss ja dann alles veröffentlicht sein. Wie stellen Sie sich denn eigentlich mein Festivalerlebnis vor? Glauben Sie, man kann unter diesem Druck das Festival genießen?

Ich hoffe, die Filme werden für Sie lohnend sein und Ihre Sicht auf das Kino erweitern.

Aber warum muss diese Erfahrung unter solchen Umständen stattfinden? Beim US-amerikanischen Sundance-Festival war man gerade sehr froh über die Möglichkeit, zusätzlich zu Kinovorführungen Online-Sichtungen anzubieten. Das will man sogar nach der Pandemie dort beibehalten.

Die Produzenten der Filme, die auf der Berlinale laufen, sind nicht bereit, online zu gehen. Das wäre dann ein anderes Programm geworden. Sundance hat auch einen Film dadurch verloren.

Ein Teilangebot online hätte doch schon viel an Sicherheit gebracht. Das Festival argumentiert mit der großen Leinwanderfahrung, die man dem Berliner Publikum bietet. Aber warum wollen Sie der Filmpresse das Risiko der Hatz zwischen den Kinos zumuten?

Ich sehe kein Risiko, wenn alle Pressevorführungen im selben Kino laufen.

Aber ich muss zwischendurch meine Artikel schreiben, da muss ich doch irgendwohin. Die Berlinale bietet lediglich eine Lounge für etwa 70 Leute an.

Ich habe Ihnen erklärt, wie wir es ermöglichen, dass Sie auch in dem Jahr den Wettbewerb ansehen können. Ich weiß nicht, wie viel Schreibraum die Berlinale für Journalisten bereithält. Diese Information habe ich gerade nicht.

Pardon, ich finde schon, dass das einen Festivaldirektor etwas angeht.

Es ist nicht mein Job, den Presseraum zu organisieren, aber als ich das Festival früher als Journalist besuchte, fand ich immer Platz zum Arbeiten. Aber wenn Sie sagen, Sie können Ihre Arbeit nicht tun, geht mich das natürlich etwas an. Als Journalist gehören Sie zu den wichtigsten Vermittlern unseres Programms. Ich habe nachgefragt, wie das Angebot für die Presse ist: Wir haben trotz 50 Prozent weniger Presseakkreditierten die Kapazität der Presselounge nur um circa 20 Prozent reduziert.

Ich hoffe, dass ich das überhaupt kann. Denn es braucht doch mehr als Filme: Man spricht mit vielen Leuten, sammelt Eindrücke und vermittelt den Geist eines Festivals. Ich bin nicht sicher, dass das gefahrlos möglich sein kann. Glauben Sie, das geht?

Ich habe den Eindruck, dass Sie die Antwort bereits haben.

Nein, mich interessiert Ihre Antwort. Wollen wir diese Massenerfahrung unter Corona erlauben? Es kann doch nicht die Lösung sein, jeden Tag ein paar Leute herauszufischen, die sich angesteckt haben werden.

Glauben Sie denn, wir hätten uns all diese Wochen und Monate Arbeit gemacht, um Journalisten zu gefährden? Wir haben mit den Gesundheitsbehörden gesprochen und Konzepte erarbeitet, die genehmigt wurden. Wenn Sie sich dennoch nicht sicher genug fühlen, verstehen wir, wenn Sie sich gegen den Festivalbesuch entscheiden. Wenn Sie mich fragen, ob eine Festivalerfahrung möglich ist: Denken Sie an Venedig, schon im ersten Jahr der Pandemie, als viele noch nicht geimpft waren und die Risiken für die Gesundheit viel höher waren.

Entschuldigung, das war im Sommer, eine wunderbare Erfahrung, es gab keine einzige nachgewiesene Infektion. Mit wie vielen rechnen Sie jetzt?

Das können wir nicht sagen. Die Fallzahlen sind höher als je zuvor in Deutschland. Aber die Be- hörden haben sich entschlossen, alles offen zu lassen. Wir müssen mit der Pandemie leben, und wir müssen trotz der Pandemie leben.

Glauben Sie denn, dass Angst eine gute Atmosphäre ist, Kunst zu genießen?

Nein, wenn Sie Angst haben, bleiben Sie besser zu Hause.

Interview: Daniel Kothenschulte

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