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Wir im Krieg:  Privatfilme aus der NS-Zeit.

„Wir im Krieg“, ZDF

Der Krieg als Familienereignis

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Privatfilme aus der NS-Zeit: Jörg Müllers Film berichtet von der Gewöhnung an die Diktatur.

Am Anfang ist der Krieg noch fern. Käthe und Erich Höse gehen im Sommer 1939 auf Hochzeitsreise im Faltboot die Oder hinunter, während sich am linken Flussufer die Wehrmacht in Stellung bringt. Lahr ist ein hübsches Schwarzwald-Städtchen, die Stadtverwaltung lässt das filmisch dokumentieren und legt Wert auf die überall herumhängenden Hakenkreuzfahnen. An der Ostsee in der Sommerfrische tritt auf Vatis Wunsch die Familie lächelnd zum Fahnenappell mit ausgestreckten Armen an. 

Der Bremer Schildermaler hat viel zu tun, der Familie geht es gut, der Sohn kommt stolz mit Hakenkreuzbinde nach Hause, alle freuen sich mit ihm. Das sind Szenen, wie sie jeder Amateurfilmer gern filmt: besondere Alltags- und herausgehobene Familiensituationen, in denen die Welt so ist, wie sie sein soll. Es ist nur ein wenig gespenstisch, weil es sich um private Aufnahmen aus der beginnenden und fortschreitenden Nazizeit handelt. 

Nationalsozialismus prägte den Alltag in Stadt und Land

Das eigene Leben im selbst gedrehten Farbfilm zu dokumentieren, war um diese Zeit ein teures Vergnügen und daher nur den wohlhabenderen Schichten möglich oder eben einer Stadtverwaltung. Die Filme stammen aus verschiedenen Quellen, von völlig unterschiedlichen Menschen aus differenten Lebenssituationen, ihre Verortungen sind heterogen, ihre Narrative fragmentarisch und stets auf das private Leben bezogen. 

Aber in dem Zusammenschnitt, den Jörg Müller mit Aussagen von Historikern und einem Off-Kommentar verbindet, zeigen sie auf bedrückend harmlose Weise das Gleiche: Sie zeigen, wie sehr und wie schnell der Nationalsozialismus den Alltag in Stadt und Land imprägnierte, wie Hakenkreuzfahnen, militärische Zackigkeit und ausgrenzendes Volksgemeinschaftsgedöns das Leben einfärben. Ein halbes Jahrzehnt genügte, um aus Deutschland Nazi-Deutschland zu machen. 

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Antisemitismus, Bereitschaft zu Personenkult und Führerglauben, Kommissköpfigkeit und viele andere Voraussetzungen waren vorhanden und konnten leicht mobilisiert werden. Symbole der Diktatur werden Bestandteile des urbanen Alltags. Einige Aufnahmen dokumentieren stolzes Dabeigewesensein beim Reichsparteitag in Nürnberg, bei der Rückkehr der siegreichen Legion Condor aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Und das Familienglück, ein Baby zu bekommen, wird von der Ausgabe von Lebensmittelmarken zu Kriegsbeginn kaum getrübt. 

„Wir im Krieg“ von Jörg Müller ist eine überaus aussagekräftige Arbeit

Wenn das private Aufnahmen aus einer Diktatur sind, dann handelte es sich um eine Diktatur, die von denen, die diese Aufnahmen gemacht und hinterlassen haben, freudig begrüßt und aktiv mitgestaltet wurde. Es gibt verstörende Momente, bei denen man die Haltung der Menschen hinter der Kamera zu dem, was sich vor der Kamera abspielt, nicht kennt – Filmsequenzen von der Deportation von Juden aus Stuttgart; von einer Massenerschießung an der Ostfront; aus einem Lager für russische Kriegsgefangene; aus dem zerstörten Warschau. 

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Später auch von den ersten und dann immer intensiveren Bombardements deutscher Städte wie Bremen 1942 oder Düsseldorf. Noch lächeln die Menschen und fühlen sich sicher im Luftschutzraum. „Wir im Krieg“ von Jörg Müller ist eine überaus aussagekräftige Arbeit, ein Meta-Film gewissermaßen, der nicht nur private Filme montiert, sondern auch nach den Haltungen dahinter fragt und eindrücklich zeigt, wie leicht und gern sich brave Bürger an den Horror von Diktatur und Krieg gewöhnen.

„Wir im Krieg“, ZDF, Dienstag, 6. August, 20.15 Uhr. Im Netz:ZDF Mediathek

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